04.05.2009 · Vor wenigen Jahren stand Fiat vor dem Untergang. Jetzt hegt der Konzern globale Ambitionen. Für den Einstieg bei Opel kann Fiat aber bisher nicht auf politische Unterstützung in Deutschland hoffen. Im Gegenteil: Den Italienern schlägt eine Welle alter Vorurteile und verletzten Stolzes entgegen.
Von Tobias PillerVielfach als Retter von Chrysler gelobt vom amerikanischen Präsidenten, als geldgieriger Heiratsschwindler gefürchtet von den Mitarbeitern des deutschen Autobauers Opel: Der italienische Fiat-Konzern erlebt damit in diesen Tagen einen Triumph in Amerika und immer neue Hürden in Europa. Doch für die Italiener ist es im Moment schon eine tiefe Genugtuung, dass ihre Autosparte, noch vor wenigen Jahren selbst in Untergangsstimmung, nun zu einem wichtigen Akteur in der Neuordnung der Autobranche werden könnte. Denn Fiat-Chef Sergio Marchionne will einen globalen Autokonzern schaffen, mit den Automarken Fiat, Alfa Romeo, Lancia und Opel in Europa, Chrysler in Nordamerika sowie dem Autogeschäft von General Motors in Südamerika und Asien.
Für Amerikas Präsidenten Barack Obama gab es logische Gründe, zuerst Fiat öffentlich als Vorbild zu loben, dann dem konkursgefährdeten Autobauer Chrysler ein Bündnis mit Fiat als Bedingung für neue Staatsgelder vorzuschreiben. Denn Chrysler baut bisher nur große Autos und Geländewagen, während Obama sich für die Vereinigten Staaten kleinere und umweltfreundlichere Autos wünscht. Solche Modelle neu zu entwickeln würde Jahre dauern und Milliardenbeträge verschlingen. Fiat kann dagegen die gewünschte Technik zur Verfügung stellen, ebenso die technischen Plattformen. Schließlich hat Sergio Marchionne Durchsetzungsfähigkeit als Sanierer bewiesen und seine Mitarbeiter zur Entwicklung neuer Automodelle in Rekordzeit angetrieben.
Überheblichkeit, die im täglichen Wettbewerb nicht hilfreich ist
Den Lohn für die Hilfestellung für Chrysler hat Marchionne als „Lotterieschein“ bezeichnet. Im Moment erweist der sich aber als werthaltig: Weil Fiat Chrysler eine Überlebenschance gibt, erhält der italienische Konzern zunächst 20 Prozent, dann bis zu 35 Prozent der Chrysler-Anteile, ohne dafür etwas bezahlen zu müssen. Im Gegenzug werden Marchionne und seine Mitarbeiter in die Pflicht genommen, die Wende für Chrysler zu bewerkstelligen. Marchionne weiß, dass Präsident Obama für den Erfolg von Fiat und Chrysler sein persönliches Prestige aufs Spiel gesetzt hat.
Für den Einstieg bei Opel kann Fiat bisher nicht auf politische Unterstützung in Deutschland hoffen. Im Gegenteil: Den Italienern schlägt eine Welle alter Vorurteile und verletzten Stolzes entgegen. Vieles hat seine Wurzeln in früheren Jahrzehnten, nicht nur wegen des Rostes und der Unzuverlässigkeit früherer Fiat-Modelle. Als Italiener aus den ärmsten Regionen in der Rolle von Gastarbeitern nach Deutschland kamen, als sich Touristen aus Deutschland südlich der Alpen in der Position von Wohlstandsbringern fühlten, entstand eine Überheblichkeit, die nun im täglichen Wettbewerb nicht hilfreich ist.
Opel könnte in einem mit Fiat vereinten Konzern eine wichtige Rolle spielen
Bei nüchterner Betrachtung würde Opel in Zusammenarbeit mit Fiat durchaus an Chancen gewinnen. Denn Fiat verkauft zwar viele Kleinst- und Kleinwagen, hat aber bisher wenig Erfolg in Segmenten für größere Autos, etwa Kompakt- und Mittelklassewagen oder kompakte Vans. Daher könnte Opel mit seinen erfolgreicheren, auch moderneren Modellen in einem mit Fiat vereinten Autokonzern eine gewichtige Rolle spielen. Wenn künftig Turin die Federführung für Kleinwagen, auch vom Schlage eines Opel Corsa, übernimmt, dann sollten künftig Mittelklasseautos, auch mit der Marke Alfa Romeo, die Sache von Rüsselsheim sein. Dazu kommen noch die Kapazitäten und Fähigkeiten für die Entwicklung neuer Autos, die bei Opel angesiedelt sind und für einen neuen großen Autokonzern nötig sind. Denn Marchionne hat zuletzt die Entwicklungsabteilungen von Fiat ausgedünnt. Auch eine Sanierung von Chrysler ließe sich mit Hilfe von Opel schneller und leichter realisieren.
Eine Zusammenarbeit mit Fiat kann für Opel einen Ausweg aus dem Dilemma bieten, dass der deutsche Autohersteller mit 1,3 Millionen Autos im Jahr zu klein ist. Schon heute baut Volkswagen alleine auf der Golf-Plattform jährlich 2 Millionen Exemplare zehn ganz unterschiedlicher Modelle, die viele Bauteile gemeinsam haben und billiger hergestellt werden können als vergleichbare Produkte von Opel. Die Zweifel an der langfristigen Zukunft relativ kleiner Hersteller von Massenprodukten betrifft auch die Autosparte von Fiat. Für Sergio Marchionne lautet die Antwort, dass für das Überleben eines Autoherstellers eine Jahresproduktion von 5 bis 6 Millionen Autos notwendig sei.
Fiat hat eine Grundidee für die Zukunft
Fiat hat eine Grundidee für die Zukunft und versucht, sie in der Krise zu verwirklichen. Das hat nichts zu tun mit der Überwindung des kurzfristigen Konjunktureinbruchs. Dazu attestieren unabhängige Finanzanalysten, dass Fiat genügend Kraft und Liquidität besitzt, über die gegenwärtige Krise hinwegzukommen.
Opel scheint dagegen den Wunsch zu hegen, in einer Unabhängigkeit von General Motors möglichst viele Strukturen in Europa zu konservieren. Nötig wäre aber die Diskussion anderer Fragen: Braucht Opel zum Überleben einen Partner? Wer soll bei einem kombinierten Autobauer Fiat Auto-Opel die deutschen Interessen langfristig vertreten? Garantiert für Fiat nur Marchionne oder auch die Aktionärsfamilie Agnelli?
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