Leonhard Fischer sitzt in einem lichten Konferenzraum an der Züricher Bahnhofstraße und wartet. Er spricht, liest Telefonnachrichten, isst nebenbei einen Salat aus einer Plastikschale. In Wahrheit wartet er, dass der Opel-Deal endlich zum Abschluss kommt. Das zehrt. Fischer ist ein feinnerviger, hagerer Mann mit großen Augen. Ihm liegt das Warten nicht im Blut. Und ausgerechnet jetzt hat er das Rauchen aufgegeben. Das ist gut für die Gesundheit, aber nicht so gut für die Nerven. Eile gehört zur Persönlichkeit von Leonhard Fischer. Als Jungspund war er schon verantwortlicher Händler von JP Morgan, der es binnen sieben Jahren in die deutsche Geschäftsführung der Investmentbank brachte.
Mit 39 Jahren rückte er in den Dresdner-Bank-Vorstand ein, damals bekam er den Titel Wunderkind. Ihn umwehte der Hauch des Visionären. Er kam in den Allianz-Vorstand, als die Versicherung die Bank kaufte. Und er wechselte nach verlorenem Machtkampf zur Credit Suisse. Für die Schweizer Bank sanierte er die Versicherungstochter Winterthur, um wieder einen Machtkampf zu verlieren, als es um die Besetzung der Spitzenposition der Schweizer Traditionsbank ging. Sein Lebenslauf ist nicht frei von Volatilitäten, von Niederlagen und spektakulären Comebacks. Jetzt leitet er mit 46 Jahren eine weitgehend unbekannte Kapitalbeteiligungsgesellschaft namens RHJ International, und er würde dem Beteiligungsportfolio der Gesellschaft gerne eine richtig große Nummer hinzufügen: Opel.
Opel ist, so gesehen, wie eine natürliche Fortsetzung
Fischer hat alles getan, was dafür zu tun war. Den Vertrag zur Übernahme von Opel, 500 Seiten mit 400 Seiten Anlagen, hat er ausarbeiten lassen. Er hat die Betriebsräte umworben, jene Politiker, die Zeit für ihn fanden, besucht, in Detroit und Washington vorgesprochen, Berater konsultiert. Alles durchgerechnet und ein paar optimistische Prognosen der Realität angepasst, viel geredet, wenig geschlafen. Jetzt bleibt ihm nichts, als sich in Geduld zu üben. Dabei müsste nur irgendjemand Zuständiges endlich den Füller nehmen und unterschreiben. Wenn es nach Fischer ginge, könnte Opel noch an diesem Wochenende einen neuen Eigentümer haben.
Über RHJ ist Verwegenes verbreitet worden: Sie sei eine Heuschrecke, klamm, biete nur für Opel mit, um in der Presse zu sein, verstehe nichts von Autos und neige zur Brutalität in Sanierungen. „Wir sind so sehr Heuschrecke wie Warren Buffett“, sagt Fischer. Von klassischen Private-Equity-Gesellschaften unterscheidet sie, dass sie nicht wenige Jahre nach dem Kauf wieder aussteigen muss. „Das wirkliche Geld verdient man langfristig, schnelles Geld ist Kindergartenkapitalismus.“ Der zweite Unterschied: RHJ kauft Unternehmen mit eigenem Geld, nicht mit Fremdkapital. Gekauft werden schwierige Fälle. Fischer sieht sich als Spezialist dafür, spätestens seit der Sanierung der Winterthur-Versicherung. Opel ist, so gesehen, wie eine natürliche Fortsetzung.
Das Hauptrisiko trägt der Staat
Nach außen wirkt es dagegen wie ein kleines Wunder, dass Fischer überhaupt noch im Spiel ist. War die Öffentlichkeit nicht schon längst auf das austro-kanadisch-russische Konsortium um Magna eingeschworen worden? Hatte es nicht eine Unterschrift unter einem Papier gegeben? Fischer verdankt sein Comeback offenbar den Russen. Der Opeleigentümer General Motors ist mit den Russen nicht warm geworden, die mit Opel nur im Sinn haben, ihre marode Autoindustrie auf Vordermann zu bringen. Fischer hat die Chance gewittert und nach langen Verhandlungen mit General Motors einen unterschriftsreifen Vertrag ausarbeiten lassen.
Ein kleiner Coup ist das. Das haben immer alle Weggefährten von Leonhard Fischer gesagt: Er ist ein Mann, der Geschäft wittert. Man kann mit ihm Geld verdienen. Das hat ihn in den guten Jahren nach oben gebracht - neben seiner Fähigkeit, betörend zu päsentieren. Andererseits ist es ziemlich leicht, so einen Nadelstreifenträger wie ihn zu diskreditieren, seit die Finanzkrise regiert. Ein Ex-Investmentbanker, ein Akteur der Geldindustrie. Er muss Ressentiments überwinden, vor allem in der Politik und in der mächtigen Arbeitnehmerschaft.
In einer der langen Opel-Nächte im Bundeskanzleramt fragte Angela Merkel, warum Fischer am Unternehmen interessiert sei, abgesehen von der Freude an komplizierten Fällen. Die offene Antwort: „Wegen der asymmetrischen Risikoverteilung.“ Dieser Satz wird ihm zugeschrieben. Er bestätigt den Satz nicht, er dementiert ihn aber auch nicht. Er würde zu Fischer passen. Die Antwort ist ehrlich und ein bisschen undiplomatisch: Sie drückt die neue Staatswirtschaft betriebswirtschaftlich aus. Das Hauptrisiko der Opelrettung trägt der Staat. Egal ob Österreicher, Italiener, Russen, Chinesen oder Lenny Fischer zum Zuge kommen.
Wieder eine dicke Lippe riskieren
Der 46-Jährige geht mit unverfälschter Ambition in das Spiel. „Wir wollen in Opel investieren, weil wir glauben, langfristig gutes Geld verdienen zu können.“ Autos bauen kann er nicht: „Aber ich kann gut quälende Fragen stellen, in der Hoffnung, der Wahrheit näher zu kommen.“ Das ist das Managementmodell Nervensäge. Er sieht sich außerdem als ordentlichen Kaufmann mit Gespür für Märkte, was den Rüsselsheimern nicht schaden müsste. Sie verlieren seit Jahren Geld und Marktanteil, in Deutschland liegt er gerade noch bei acht Prozent. Gelegentlich muss allen Akteuren in Erinnerung gerufen werden, dass Opel ein Sanierungsfall ist, der sein Heil auf hart umkämpften Märkten sucht. Geprägt ist das Geschäft von Fabriken, die global doppelt so viele Autos herstellen können, wie zur Zeit gekauft werden. Die Folge ist ein gnadenloser Preiskampf. Fischers Konzept verspricht nichts als Schmerzen und Langeweile. Er will nicht den chinesischen Markt erobern und kein CO2-freies Fliewatüüt aus dem Hut zaubern und keine Technologie nach irgendwohin exportieren. „Wir folgen keiner Hidden Agenda, keinem Geheimprogramm.“
Fischer verkauft mit den Worten „Wenn Geld in der Kasse fehlt, ist keine Zeit für Visionen“ ein knochentrockenes Sanierungsprogramm für Opel. General Motors dürfte es gefallen, weil es auf Profit abzielt. Den Politikern gefällt es weniger, weil Stellenstreichungen und Sanierungen so wenig Sex-Appeal haben. Und den Arbeitnehmern gefällt es gar nicht, weil Fischer weiter eng mit General Motors zusammenarbeiten will. Die Opel-Betriebsräte werden emotional, wenn es um Detroit geht. Die amerikanische Mutter, so die in Rüsselsheim ausgegebene Parole, hat Opel auf dem Gewissen. Wenig ärgert die Rüsselsheimer mehr als General-Motors-Manager, die nach der Sanierung wieder eine dicke Lippe riskieren.
Weil er eitel ist
Lenny Fischer würde vermutlich noch nicht einmal bestreiten, dass GM zu Opels Niedergang sein Scherflein beigetragen hat. Das ändert aber nichts an seinem festen Credo. Opel braucht GM an seiner Seite. „Lasst uns pragmatisch werden. Ohne General Motors funktioniert es nicht.“ Die Rüsselsheimer sind zu klein, um auf dem Weltmarkt allein überleben zu können. Das bestätigt auch eine Studie der Investmentbank Lazard, die an diesem Wochenende kursiert. Der Appell ans Pragmatische klingt fremd aus seinem Mund, war er doch in seinen goldenen Frankfurter Jahren der Mann für Hochfliegendes. Die Schweizer Jahre haben ihn abgeschliffen und vielleicht etwas diplomatischer gemacht. Er hat sich davon überzeugen lassen, das Bochumer Opelwerk am Leben zu lassen und Eisenach nur vorübergehend zu schließen. Er versteht die Ministerpräsidenten und hält den Chef des Opel-Betriebsrats, Klaus Franz, für ein PR-Genie, das aus dem Bittsteller Opel einen Akteur gemacht hat, der darüber mitbestimmt, wer Eigentümer wird.
Die Rücksichtnahme allerdings findet schnell seine Grenze: Fischer schließt ausdrücklich nicht aus, dass am Ende der Sanierung Opel wieder an die Amerikaner verkauft werden könnte. Diese Kröte ist schwer zu schlucken: Opel könnte mit Hilfe des Steuerzahlers saniert werden, um dann wieder gesund bei General Motors zu landen. Doch der deutsche Steuerzahler verliert bei jedem der Angebote. Auf ein Versprechen lässt sich der gebürtige Emsländer festnageln: „Ich würde persönlich alles dafür tun, dass die Steuerzahler in Deutschland ihr Geld zurückbekommen.“ Fischer will Opel wirklich. Man muss ihm keine karitativen Motive andichten, aber auch nicht rein kommerzielle. Der Mann, der in Deutschland und der Schweiz ganz oben stand, ist erst 46 Jahre alt. Er würde gerne noch einmal mit einem spektakulären Erfolg verbunden werden. Das wäre die Opelrettung zweifelsohne. Fischer würde Opel zu seiner persönlichen Angelegenheit machen. Weil er eitel ist. Gut für Opel.
Der Mensch
Leonhard „Lenny“ Fischer hat seine Karriere 1985 als Investmentbanker für JP Morgan in Frankfurt begonnen. Da war er 22 Jahre alt. Knapp zehn Jahre hielt es ihn dort. Sie gehören zu den schönsten Berufsjahren, sagt er heute.
Zur Dresdner Bank kam er 1995, wo er 1999 als 36-Jähriger zum Vorstand aufstieg. Seit jener Zeit hat er den Nimbus des Wunderkindes. Doch Ende 2002 verließ er das Unternehmen und heuerte bei der Credit Suisse an. Die Schweizer Bank macht ihn zum Chef der Tochtergesellschaft Winterthur mit dem Marschbefehl, die Versicherung zu sanieren. 2006 wurde die gesundete Winterthur an Axa verkauft. Fischer wechselte an die Spitze der RHJ International.
Das Unternehmen
RHJ International ist eine börsennotierte Holdinggesellschaft mit Sitz in Brüssel. Sie wird regelmäßig mit der Private-Equity-Gesellschaft Ripplewood in einen Topf geworfen, ohne dass beide Gesellschaften miteinander verflochten wären. Allerdings gehen beide Gesellschaften auf einen Gründer zurück: den Amerikaner Timothy Collins.
RHJ kauft Unternehmen mit eigenen Mitteln und bringt sie auf Vordermann. Geboten hat sie auch für die IKB.
Große Erfolge erzielte die Gesellschaft mit japanischen Unternehmen. Zuletzt musste Chef Leonhard Fischer allerdings rund eine Milliarde Euro auf den Buchwert des umfangreichen Portfolios abschreiben. Die Gesellschaft ist schuldenfrei.
Ein Mann, dem man vertrauen kann...
Chan Fei Yung (smileface)
- 26.07.2009, 21:12 Uhr
Die FAZ fällt jetzt auch noch auf Bild herein?
Peter Sikorski (Hellfire75)
- 28.07.2009, 17:01 Uhr
@Chan Fei Yung (smileface)
H.R. Jakob (mcjakob)
- 28.07.2009, 17:46 Uhr