Home
http://www.faz.net/-gqk-13tas
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Magna-Geschäftsplan Opel will in Europa 11.000 Stellen streichen

21.09.2009 ·  Vom geplanten Abbau in Deutschland wird Bochum mit 2200 Stellen am härtesten getroffen. Die dortige Getriebeproduktion soll nach Österreich verlagert werden. Das geht aus Unterlagen des Opel-Treuhandbeirats hervor, die der F.A.Z. vorliegen.

Von Christoph Ruhkamp
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (13)

Die neuen Opel-Eigentümer wollen nach der geplanten Übernahme des Autobauers knapp 11.000 der 46.000 Stellen in Europa streichen. In Deutschland trifft es Bochum am härtesten. Dort sollen bis 2011 knapp 2200 der zuletzt noch fast 5000 Arbeitsplätze abgebaut werden. Das geht aus Unterlagen des Opel-Treuhandbeirats über den Geschäftsplan des neuen Eigentümers Magna hervor, die der F.A.Z. vorliegen. Bochum ist besonders stark betroffen, weil die dortige Getriebeproduktion nach dem Plan des kanadisch-österreichischen Autozulieferers an den österreichischen Standort Aspern verlagert wird.

Um die Standorte und Stellen wird derzeit heftig gestritten. Denn binnen zwei Wochen soll der Kaufvertrag über die Übernahme von Opel durch Magna und die staatliche russische Sberbank unterzeichnet werden. Auf Basis des jetzt vorliegenden Geschäftsplans von Magna entscheiden die übrigen europäischen Standortländer von Opel auch über ihre potenzielle und noch umstrittene Beteiligung an dem staatlichen Kredit von 4,5 Milliarden Euro, den Deutschland bereits zugesagt hat. Ebenfalls noch nicht fertig ausgehandelt sind die Stellenabbaupläne mit den Beschäftigten, die in den nächsten fünf Jahren auf jährlich fast 300 Millionen Euro Lohn verzichten sollen. Am Montagvormittag kamen am hessischen Stammsitz Rüsselsheim Vertreter des designierten Investors Magna, des Alteigentümers General Motors (GM) und Arbeitnehmervertreter aus allen Ländern mit Opel-Standorten zusammen, um über das gesamte Paket zu beraten. Ergebnisse wurden zunächst nicht bekannt.

Eisenach bleibt verschont

Vom geplanten Stellenabbau ebenfalls stark betroffen ist neben Bochum auch Rüsselsheim, wo gut 1400 von 14.700 Arbeitsplätzen wegfallen. Wie in Bochum ist auch hier die Verlagerung der Getriebeproduktion ins Ausland der Grund. Sie soll in das ungarische Grenzstädtchen Szentgotthard verlegt werden. Im rheinland-pfälzischen Kaiserslautern fallen 460 von 3380 Stellen weg, weil die Produktion des Motors „L 850“ eingestellt wird. Fast gänzlich verschont wird dagegen Eisenach. Der Standort in Thüringen profitiert davon, dass aus dem spanischen Saragossa ein Teil der Komponentenfertigung für das Modell Corsa nach Deutschland geholt wird.

Im Ausland wird Belgien am härtesten getroffen. Dort ist die Schließung des Werks in Antwerpen geplant, wo der Astra produziert wird. Insgesamt fallen in Belgien alle 2500 Stellen weg. Für diesen Mittwoch haben die Gewerkschaften deshalb zu einer Großdemonstration in der Hafenstadt aufgerufen. In Spanien werden knapp 2100 der 6400 Arbeitsplätze abgebaut. Dass dies zugunsten von Eisenach geschieht, hat am Wochenende bereits zu Protesten und einer Großdemonstration in Saragossa geführt. In England, wo knapp 1400 von rund 4500 Stellen in zwei Werken wegfallen, gilt insbesondere die Fabrik in Luton als gefährdet, die den Kleintransporter „Vivaro“ herstellt. Auch hier will sich die Regierung nicht mit den Plänen abfinden.

Für Antwerpen sieht es düster aus

GM-Europachef Carl-Peter Forster verteidigte den geplanten Abbau von mehr als 10.000 als notwendig: „Wir haben immer gesagt, dass wir angesichts der massiven Krise, in der sich die Autoindustrie bewegt, restrukturieren müssen, um langfristig wettbewerbsfähig zu sein“, sagte der designierte Vorstandschef des neu entstehenden Unternehmens Opel in Rüsselsheim.

Wo genau und wie viele Arbeitsplätze wegfallen, solle in Gesprächen zwischen Magna, Opel und dem europäischen Betriebsrat geklärt werden. Betriebsratschef Klaus Franz hatte schon vor dem Treffen deutlich gemacht, dass die Arbeitnehmer die Planzahlen von Magna nicht akzeptieren. Weder betriebsbedingte Kündigungen noch Werkschließungen wolle man zulassen.

Die Chancen auf eine Rettung des Opel-Werks im belgischen Antwerpen sind jedoch nach Einschätzung von GM-Europachef Forsters gering. „Wir werden natürlich noch einmal alle Möglichkeiten für Antwerpen durcharbeiten und schauen, ob es noch eine Möglichkeit gibt. Uns stimmt aber natürlich bedenklich, dass alle Investoren letztendlich gesagt haben, dass Antwerpen auf Dauer nicht zu halten sei“, sagte Forster, der derzeit auch noch dem Aufsichtsrat von Opel vorsitzt.

Deutschland ist mit derzeit noch etwa 24.700 Mitarbeitern der europaweit größte Opel-Standort. Am Sitz der Firmenzentrale in Rüsselsheim arbeiten rund 14.700 Beschäftigte und damit der größte Teil der Belegschaft in Deutschland. Dort wird unter anderem der Mittelklasse-Wagen Insignia gefertigt, der Opel zuletzt gute Verkäufe und Anerkennung in der Autobranche bescherte. Daneben ist Rüsselsheim auch Sitz des Opel-Entwicklungszentrums.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1972, Redakteur in der Wirtschaft.

Jüngste Beiträge

Die Förderlücke

Von Heike Göbel

Der Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld ist ein Ausweis unbelehrbaren Glaubens an die unbegrenzte Leistungsfähigkeit des Sozialstaates. Dass Eltern ihre Kinder, wie seit Menschengedenken, unbezahlt hüten, ist in Deutschland offenbar nicht mehr denkbar. Mehr 8 7