08.12.2011 · Bald könnte dem amerikanischen Mutterkonzern GM der Geduldsfaden reißen. Dann wird die Sanierung von Opel mit der IG Metall neu verhandelt - oder dem Autohersteller droht noch Schlimmeres.
Von Christoph RuhkampAlle Versuche des amerikanischen Autokonzerns General Motors (GM), seine deutsche Tochtergesellschaft Opel nachhaltig profitabel zu machen, haben bisher nicht gefruchtet. Im Gegenteil: Das Rüsselsheimer Unternehmen steuert in diesem Jahr aller Voraussicht nach wohl auf den vierten Milliardenverlust in Folge zu. „Die jüngsten Aussagen aus dem Management lassen nun aggressivere Vorstöße erwarten“, heißt es in einer Studie der amerikanischen Bank Morgan Stanley, die dieser Zeitung vorliegt. Entweder, so heißt es darin, werde der Sanierungsvertrag mit den Betriebsräten der IG Metall neu verhandelt - oder Opel müsse sogar ganz umstrukturiert werden.
Das Papier der Bank ist auf Englisch verfasst, trägt aber den sarkastischen deutschen Titel „Opel 2.0: Auf Wiedersehen?“, und datiert vom 21. November dieses Jahres. An diesem Datum tagte der Opel-Aufsichtsrat, um einen Nachfolger für den scheidenden Opel-Sanierer Nick Reilly zu wählen. GM nahm Opel wieder enger an die Kandare: Der Konzern setzte seinen stellvertretenden Verwaltungsratsvorsitzenden Stephen Girsky als neuen obersten Kontrolleur für die Adam Opel AG in Rüsselsheim ein.
Dass Opel in diesem Jahr entgegen der Ankündigung abermals auf einen hohen Verlust zusteuert und zugleich der Absatz neuerdings wieder schrumpft, gilt den Konzernstrategen in Detroit schon seit längerer Zeit als zumindest ärgerliche Situation. Da auch die Kasse von GM nicht gerade überquillt, muss etwas passieren. Das lässt sich auch aus der wiederholt geäußerten Enttäuschung von GM-Managern wie Konzernchef Daniel Akerson, Finanzvorstand Daniel Ammann oder Girsky schließen. „Wir werden nun mit allen Beteiligten an Lösungen arbeiten, die dann von (Opel-Chef Karl-Friedrich) Stracke umgesetzt werden“, sagte Girsky in New York. Alles scheint auf einen Wendepunkt zuzusteuern: Es werde „keine Option ausgeschlossen“, um das Europageschäft zu sanieren, hieß es zuletzt. „Die Sprache ist identisch mit der von Daimler benutzten, als der Konzern Anfang 2007 über die Tochtergesellschaft Chrysler redete“, schreibt Morgan-Stanley-Analyst Adam Jonas.
Der scheidende Opel-Betriebsratsvorsitzende Klaus Franz pocht zwar darauf, dass der Sanierungsvertrag mit der Belegschaft bis 2014 gilt, und dass darin Kündigungen und Werksschließungen ausgeschlossen worden seien. Doch seinem Nachfolger Wolfgang Schäfer-Klug, den der Betriebsrat im Januar zum neuen Anführer küren wird, dürfte das nicht allzu viel helfen. Denn der im Juni 2010 abgeschlossene Vertrag von GM mit der IG Metall, der einen Lohnverzicht der Belegschaft von jährlich 265 Millionen Euro umfasst, enthält auch eine Klausel, dass die Übereinkunft neu verhandelt werden kann, wenn „erhebliche nachteilige Änderungen des Geschäfts“ eintreten.
In dem Vertrag, der dieser Zeitung in Auszügen vorliegt, heißt es dazu: „Sollten sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen (erhebliche Steigerung der Inflationsrate, Nachfrageeinbruch am Automobilmarkt) oder die dieser Vereinbarung zugrundeliegenden Grundannahmen wesentlich verändern, werden die Parteien einvernehmlich Lösungen über weitere Maßnahmen suchen.“ Dass diese Bedingungen erfüllt sind, steht wohl außer Zweifel. Damit hätte GM eine rechtliche Basis, um alle Vereinbarungen auf den Prüfstand zu stellen.
Auch ein abermaliger Stellenabbau oder gar die Schließung von Werken wie Bochum oder Eisenach stünde dann potentiell wieder auf der Tagesordnung. Für den Abbau von 8000 der 48.000 Stellen bei Opel hat GM schon fast eine Milliarde Euro ausgegeben. Ob nun eine Neuverhandlung des Sanierungsvertrages ansteht, wollte ein Unternehmenssprecher in Rüsselsheim nicht sagen. „Wir nutzen alle Optionen, um mehr Wachstum, Einsparungen und Effizienzverbesserungen zu erreichen“, hieß es lediglich. Auch Franz wiegelt ab: „Wir haben keine Anhaltspunkte dafür, dass eine Neuverhandlung des Sanierungsplans aktuell geplant ist“, sagte er dieser Zeitung.
Doch wie hart die Neuordnung von Opel im Extremfall ausfallen könnte, lässt sich dem Prospekt entnehmen, den GM 2010 vor der Rückkehr an den Aktienmarkt der amerikanischen Börsenaufsicht SEC vorlegte. In er Pflichtveröffentlichung wird ein von GM unabhängiger Bankrott (contained bankruptcy) ausdrücklich als Option für Opel genannt. Auf Seite 29 des offiziellen Dokuments stellt GM fest, der Konzern könne „für unsere diversen europäischen Geschäftseinheiten Erleichterung suchen auf der Basis der örtlichen Gesetze über Insolvenz, Sanierung oder Überschuldung“.
Zu den vielen Faktoren, die einen Wendepunkt für Opel bewirken könnten, gehört zudem das Eigentum an den Patenten. Denn das Entwicklungszentrum in Rüsselsheim mit mehr als 5000 Ingenieuren liefert zwar wichtige Arbeit für alle neuen Kompaktwagen im GM-Konzern. Doch die Rechte an dieser Technologie sind in einer von Opel separaten rechtlichen Einheit des GM-Konzerns gebündelt. Wer immer Opel vielleicht übernehmen würde, müsste deshalb weiter Lizenzgebühren für die Nutzung der Patente an GM zahlen. „Das bedeutet, dass GM der Königsmacher für jeglichen neuen Eigentümer wäre“, erklärt Morgan Stanley.
Es gibt noch mehr Anzeichen dafür, dass bei Opel größere Veränderungen anstehen: Anfang November hat GM den Briten Nick Reilly auch als bisherigen Chef des Europageschäfts durch Karl-Friedrich Stracke ersetzt. Selbst ein Verkauf von Opel dürfte kein Tabu mehr sein. Immerhin hat GM die deutsche Tochtergesellschaft schon einmal beinahe verkauft - an den kanadischen Zulieferer Magna. In der entscheidenden Verwaltungsratssitzung im November 2009 stimmte Daniel Akerson, der heute an der Spitze des Gremiums steht, für den Verkauf von Opel, war aber damals in der Minderheit.
Die Bank Morgan Stanley fällt ein vernichtendes Urteil über Opel. „Wir glauben, GM wäre finanziell besser gestellt mit einem profitablen Anteil von 3 Prozent am europäischen Automarkt - das wäre der zu erwartende Marktanteil für die Marke Chevrolet ohne Opel - als mit einem ständig Verlust bringenden Anteil von 8 Prozent. Das ist die eigentliche Entscheidung, vor der GM steht, und der Konzern scheint sein Schicksal in die Hand zu nehmen“, schreiben die Analysten. Den Wert von Opel beziffern sie auf „negative 7,6 Milliarden Dollar“ und schätzen die Kosten einer rechtlichen Abtrennung auf 5 bis 6 Milliarden Dollar. Doch sei dies für die Aktionäre die bessere Alternative.
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