04.02.2012 · BMW-Chefdesigner Adrian van Hooydonk über den Sex-Appeal von Autos, die Modefarbe Braun und das Krawattenverbot für Kreative.
Herr van Hooydonk, was macht Autos sexy?
Das Aussehen, die Form. Nur zuverlässig von A nach B zu fahren, das ist zu wenig. Ein Auto muss die Leute anziehen - und das geht über das Design.
Folglich sind Sie bei BMW für die Erotik zuständig.
Für die Emotionen. Aufgabe des Designs ist es, Gefühle zu wecken: Schon wenn ein Auto am Straßenrand parkt, müssen sich in Ihrem Kopf Gedanken in Bewegung setzen: Den Wagen will ich fahren. Die Form muss zum Träumen anregen.
FRAGE: Nun wirken erotische Reize bei Männern und Frauen unterschiedlich...
... das habe ich nicht studiert, aber wenn Sie das sagen.
Jedenfalls darf ein Auto nicht in den Ruch eines Frauenautos kommen, sonst rühren es die Männer nicht an.
Die Psychologie lehrt tatsächlich: Männer haben ein Problem damit, wenn sie merken, dass Frauen ein bestimmtes Auto gerne mögen. Frauen dagegen stört es nicht, wenn Männer ein Auto auch mögen - was das über die Psyche von Mann und Frau verrät, überlasse ich Ihnen. Sicher ist: Frauen trauen sich mehr bei der Wahl von Farben und Materialien, in der Mode wie beim Autokauf. Männer sind in der Regel unsicherer. Das ändert sich zwar langsam, ist aber noch so.
Wie langwierig und kompliziert hat man es sich vorzustellen, bis ein neues Modell entworfen ist?
Vom leeren Blatt Papier bis zum Modell aus Ton im Maßstab einszueins dauert es ein Jahr. Dann braucht es zwei weitere Jahre, um diesen Entwurf auszuarbeiten, die Prototypen zu testen, das Werk umzurüsten und die Produktion hochzufahren. Nach insgesamt drei Jahren kann ein neues Fahrzeug in Serie gehen.
Sie sind Chef von 500 Designern, wie setzen Sie die in Marsch, wenn der Vorstand beschließt: Wir brauchen einen neuen 3er oder 5er?
Die Designphase beginnt mit einem Ein-Tages-Workshop, zusammen mit den Marketingkollegen. Da legen wir fest: Was will der Kunde? Welchen Charakter wollen wir dem neuen Auto mitgeben? Den Charakter eines Autos kann man beschreiben wie den eines Menschen.
Wie beschreiben Sie dann einen X6? Als einen latent aggressiven Großkotz?
Der X6 ist sicher das Auto von uns, das am meisten polarisiert, wobei er alle Erwartungen übertroffen und ein eigenes Segment begründet hat, in dem andere uns folgen. Aber es stimmt: Der X6 hat einen ganz starken Charakter, er ist sehr muskulös und präsent für ein Coupé, aber auch sehr dynamisch für einen Geländewagen und als solches ein Unikat. Generell halten wir uns an die Philosophie, dass ein BMW nicht den Charakter des Fahrers überstrahlt, der Kunde bleibt er selbst.
Das ist doch immer so. Oder wollen Sie behaupten, dass ein Auto den Charakter des Fahrers bestimmt?
Das kommt durchaus vor. Es gibt Autodesigns, die legen den Fahrer in den Augen der anderen Menschen fest: Da können Sie der netteste Typ sein, wenn Sie aus diesen Autos aussteigen, glaubt Ihnen das niemand, dann nimmt die Welt Sie als Fiesling wahr.
Sie spielen auf die Typen im Lamborghini oder Ferrari an?
Ich nenne keine Namen, schildere nur das Phänomen: Manche Marken sind so charakterstark, die dominieren das Bild vom Fahrer. Und dann gibt es am anderen Ende Marken, da steigen die Leute ein - und Sie haben den Eindruck, die sehen alle gleich aus: Das ist auch nicht BMW. Jedes unserer Fahrzeuge weckt andere Emotionen.
Die Modelle Ihres Vorgängers Chris Bangle waren als hässlich verschrien und haben im Internet Hasstiraden provoziert. Fürchten Sie ein ähnliches Schicksal?
Sie wollen jetzt hoffentlich nicht zu Hassaktionen gegen mich aufrufen! Natürlich hat man es am liebsten, wenn einem nur Liebe entgegenschwappt, aber Emotionen sind nicht zu 100 Prozent zu kontrollieren. Im Übrigen hat Chris Bangle hier große Veränderungen angestoßen, die wir jetzt weiterentwickeln.
Wer bestimmt die Design-Linie des Konzerns? Hängt das einzig an Ihrem Kopf?
Nein. Ich sehe mich eher als Art Director oder als Coach: Ich frage die Designer, wie sie sich den nächsten 1er oder 3er vorstellen, und dann kommen Hunderte Skizzen, die werden gesichtet, dem Vorstand präsentiert, und am Ende wird ein Sieger gekürt.
Jedes Modell entsteht im Wettbewerb?
Ja, auf den Startschuss rennen alle los, alle Designer, die wir haben, in München, Kalifornien und demnächst in Schanghai, wo wir im April ein Studio eröffnen.
Was bekommt der Gewinner? Eine Prämie oder nur die Genugtuung, dass ein Auto nach seiner Vorstellung gebaut wird?
Erst mal wird das Leben für den Sieger schwieriger: noch mehr Arbeit, noch längere Tage, noch mehr Kopfzerbrechen, wie sich die Idee umsetzen lässt. Dabei lernt man aber unheimlich viel. Und natürlich wird man dadurch in der Firma noch etwas interessanter.
Vom 5er an aufwärts verkauft BMW von jedem Modell die meisten Autos in China: Was folgt daraus für das Design? Richten Sie sich stärker nach dem Geschmack der Asiaten?
Nein. Einem BMW, der als Marke bald 100 Jahre alt sein wird, wird man immer die Historie ansehen. Wer rein auf den chinesischen Markt zielt, würde sogar dort verlieren.
Die Chinesen wollen keinen BMW, der nach China aussieht?
Richtig. Da wären sie sehr enttäuscht - die Leute zahlen für das Markenversprechen des globalen Namens, das gilt für uns wie für Louis Vuitton oder Prada. Auf die lokalen Geschmäcker gehen wir mittels Farbe und Materialien ein.
Wie unterscheiden sich die farblichen Vorlieben der Menschen?
Die Asiaten bevorzugen eher dunkle Farben, da kommt Chrom besser zur Geltung. Amerika mag es auch eher dunkel. In Middle East dominiert Weiß, was in Europa bis vor ein paar Jahren überhaupt nicht angesagt war. Hier war alles silbern; in jedem Fall wenig farbig. Das ändert sich Gott sei Dank, die Farbigkeit nimmt über die ganze Palette zu, auch im Interieur: Wir kommen weg von der Wahl zwischen Schwarz, bisschen mehr Schwarz, bisschen weniger Schwarz.
Was werden die Modefarben dieses Sommers? Es drängt viel Kaffeebraun auf die Straßen.
Die Vorlieben ändern sich beim Auto zum Glück nicht so schlagartig wie in der Mode, deshalb haben wir nicht die eine Farbe für eine Saison. Aber es stimmt: Braun war lange weg, das gab es in den 70er Jahren und kommt jetzt zurück. Wir haben beim X1 Braun zum ersten Mal stark gebracht, und das läuft sehr gut. Außerdem sehen wir einen Trend zu wärmeren Tönen: Champagner, auch Kaschmirsilber läuft beim 7er sehr gut, weniger kalt und technoid. Neu ist auch der Wunsch nach Mattlack.
Sie meinen die stumpf lackierten Autos, die ziemlich martialisch aussehen, fast wie Panzer?
Mattgrün wirkt tatsächlich etwas militaristisch, das haben wir nicht im Angebot, dafür andere Mattlackierungen.
Finden Sie die schön?
Aus Sicht des Designers hat Matt durchaus einen Reiz: Man kann die Form als solche besser beurteilen, wenn die Farbe matt ist, als wenn der Lack glänzt und sich darin die ganze Welt spiegelt - was vom Design ablenkt.
Welches Auto fahren Sie selbst?
Im Moment einen 1er Diesel.
FRAGE: Warum so klein?
ch mag kompakte, flotte Fahrzeuge und wohne in München in der Innenstadt. Natürlich erprobe ich alles, bevor es in Serie geht.
Was war bei Ihnen zuerst da: die Leidenschaft fürs Design oder die Liebe zum Auto?
ls Kind war ich Autofan, mit Autopostern an der Wand, Autozeichnungen im Schulheft und solchen Sachen. Stu¢diert habe ich dann - für einen Holländer naheliegend - allgemeines Industriedesign, Holland hat ja wenig bis keine Autoindustrie.
Könnten Sie sich auch vorstellen, Handys oder Schrauben zu designen?
Bis heute reizt mich jedes Produkt, ich gucke alles an und überlege, wie ich das Design machen würde - dieses Denken lässt sich nicht abstellen im Kopf.
Was sagen Sie dann zu dem Vorwurf, das Design der Autos werde immer eintöniger, die Marken einander immer ähnlicher wegen der Anforderungen an Sicherheit und Aerodynamik?
Dieser Eindruck täuscht: Wir erleben gerade spannende Zeiten, mit einer stärkeren Differenzierung der Marken - und das wird sich noch verstärken, wenn demnächst die Elektroautos auf den Markt kommen: Das verändert das Spiel. Die neue Mobilität ändert alles.
Zum Schluss noch zu Ihrem persönlichen Style: Designer sind die einzigen Leute im Konzern, die keine Krawatte tragen dürfen, richtig?
So ist es. Als ich anfangs mal mit Krawatte zu einer Präsentation gegangen bin, hat mich ein Vorstand gefragt: Sie sind doch der Kreative, warum kommen Sie dann mit Krawatte? Seither lasse ich das.
Das Gespräch führte Georg Meck.
Ich fahre das erotischte Auto der Welt!
Susanne Haertl (Sirendipity)
- 06.02.2012, 21:58 Uhr
Immer wieder fasziniert..
Emmanuel Declerq (Declerq)
- 06.02.2012, 21:42 Uhr
Blech!
Frank Steinke (dl8waa)
- 06.02.2012, 20:34 Uhr
Blech oder nicht Blech
Karl Wilhelm Goebel (kwg1a)
- 06.02.2012, 17:50 Uhr