30.07.2011 · Die Deutschen fahren immer höher motorisiert. Geländewagen und Firmenautos treiben den Durchschnitt der Neuwagen auf den Rekord von 134 PS. Was für Kritiker eine Umweltsünde ist, gilt der Industrie als Zeichen von Effizienz.
Von Christoph RuhkampWer auf der Autobahn mit 130 Kilometern pro Stunde auf die Überholspur geht, muss oft schon im nächsten Moment einem von hinten heranbrausenden Auto Platz machen. Meist handelt es sich um einen höher motorisierten Sportwagen oder eine schwere Limousine. Die deutschen Neuwagenkäufer lieben Autos mit viel Motorleistung - je mehr PS, desto besser, scheint die Devise. Im Durchschnitt der in Deutschland verkauften Neuwagen waren es in der ersten Jahreshälfte gut 134 PS, wie aus einer Studie des CAR-Instituts an der Universität Duisburg hervorgeht. Das ist mehr als jemals zuvor. Zum Vergleich: Im Jahr 1995 waren es 95 PS. Hauptgrund für die rasante Entwicklung sind zum einen Geländewagen: Modelle wie VW Tiguan, BMW X1 und Nissan Qashqai verkaufen sich so gut wie nie zuvor. Zum anderen treiben Firmenwagen den Schnitt nach oben. Sie kommen im Durchschnitt auf 152 PS - während private Käufer Autos mit nur 125 PS erwerben.
Für die Autoindustrie sind die Firmenwagen ein bedeutendes Geschäft. Zum Gewinn tragen Fahrzeuge der oberen Mittelklasse wie BMW 5er, Mercedes E-Klasse und Audi A5/A6 besonders stark bei. Diese Fahrzeuge haben derzeit im Schnitt um die 200 PS und drücken damit die PS-Zahl des Segments nach oben.
„Ein Zeichen für effizientere Motoren“
Mit der seit vielen Jahren fortdauernden Aufrüstung der PS-Zahlen konterkariert die Autoindustrie aber auch ihre Bemühungen um mehr Umweltfreundlichkeit. Die höhere Motorisierung macht einen Teil der mühseligen und auch teuren Anstrengungen der Autobauer im Leichtbau mit Karbonfaser, bei kleineren Motoren und bei der Start-Stopp-Automatik wieder zunichte. Kaum haben Dieselmotoren oder Direkteinspritzung den Verbrauch verringert, wird die Einsparung durch mehr PS teils wieder aufgefressen.
Eine etwas andere Sicht vertritt die Autoindustrie. „Die höheren PS-Zahlen sind ein Zeichen für effizientere Motoren. Das sieht man daran, dass bei wachsender Leistung gleichzeitig die CO2-Werte verringert werden“, sagt ein Sprecher des Branchenverbands VDA. In diesem Jahr seien die Kohlendioxidemissionen der in Deutschland neu zugelassenen Autos deutscher Hersteller um 4 Prozent auf 148 Gramm je Kilometer gesunken.
Autobauer machen sich zur Zielscheibe
Ein abruptes Ende könnte der Trend zu mehr PS aber nehmen, wenn ein Tempolimit droht. Ein großer Teil der Bevölkerung scheint nach Umfragen dafür offen zu sein. Zugleich machen sich die Autohersteller mit ihrem Hang zu mehr PS immer stärker zur Zielscheibe für ihre Kritiker. Erst kürzlich zeigte sich das, als Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg zum ersten grünen Ministerpräsidenten gewählt wurde. Schrittweise stellt Kretschmann den Fuhrpark der Landesregierung auf Hybrid- und Elektrofahrzeuge um. Sein Amtsvorgänger Stefan Mappus von der CDU fuhr noch im Mercedes S 600 mit 517 PS durchs Ländle. Kretschmann dagegen sagte nach dem Antrittsbesuch bei Porsche: „Beim Thema Tempolimit sind wir nicht zusammengekommen.“
Wenn die Autoindustrie nicht gegensteuert, könnte sich die Stimmung drehen. Schon jetzt reagieren viele Menschen mit Neid, weil sie sich den durchschnittlichen Preis eines Neuwagens, der in Deutschland mittlerweile bei fast 26.000 Euro liegt, nicht leisten können. Hinzu kommen die Steuerprivilegien für Firmenwagen. Hier wird der zu versteuernde geldwerte Vorteil mit nur 1 Prozent des Listenpreises angesetzt. Auch haben Umweltschützer mit Irritation die zuletzt von der Autoindustrie durchgesetzte Verbrauchskennzeichnung beobachtet, die einer widersinnigen Logik folgt: Bei gleichem Verbrauch erhält dabei das schwerere Auto die bessere Ökonote - ein Freibrief für schwere Autos. Besonders die deutschen Hersteller wären davon betroffen, wenn sich die Stimmung gegen Autos mit immer mehr PS wendet, weil deutsche Hersteller im Gegensatz zu ausländischen Importeuren überwiegend schwere Limousinen mit viel PS verkaufen oder für ihre eigenen Angestellten einsetzen.
Eine Obergrenze fürn PS?
Laut CAR-Institut ist ein Ende der steigenden PS-Zahl nicht absehbar, auch weil der Anteil der Geländewagen weiter steigt. Die durchschnittliche PS-Zahl der sogenannten SUV (Sport Utility Vehicle) habe im ersten Halbjahr 165 PS betragen. Damit sind die Geländewagen um etwa ein Viertel höher motorisiert als das Durchschnittsauto. Ein wachsender Teil der Neuwagenverkäufe - derzeit 13 Prozent - entfällt auf SUV.
Obwohl die Pferdestärke in Deutschland seit 1978 keine gesetzliche Einheit im Messwesen mehr ist und von der Leistungseinheit „Watt“ abgelöst wurde, hat sie sich vor allem im Sprachgebrauch gehalten. Ebenso veraltet wie dieser Sprachgebrauch wirkt das Rennen der Autohersteller um immer mehr PS. Vielleicht einigen die Hersteller sich eines Tages auf eine Obergrenze für PS - so wie sie sich vor vielen Jahren mit Ausnahme von Porsche darauf festgelegt haben, kein Fahrzeug mit mehr als 250 Kilometern pro Stunde Höchstgeschwindigkeit auf den Markt zu bringen.
RE: Verzichtprediger @ Wolfgang Richter
Oliver Heim (mopsfidel)
- 31.07.2011, 04:02 Uhr
Verzichtprediger
Wolfgang Richter (langweiler2)
- 30.07.2011, 19:11 Uhr
Hohe Motorleistung, ein effizientes Geschäftsmodell!
Ortmar Buss (ojbuss)
- 30.07.2011, 18:53 Uhr
Fetisch Auto
gisbert heimes (gisbert4)
- 30.07.2011, 18:47 Uhr
Weniger ist manchmal mehr - vergessen?
Alexander Batschari (heilex)
- 30.07.2011, 18:38 Uhr