01.09.2011 · Der Technologiekonzern und der Autohersteller entwickeln künftig gemeinsam elektrische Antriebstechnik. Eine wackelige Kooperation, die aber die Perspektive eines Zutritts zum wachsenden chinesischen Markt für Elektroautos bietet.
Von Rüdiger Köhn und Christoph RuhkampSiemens hat nach längerer Suche einen Partner für die Entwicklung von Elektroautos gefunden. Der Münchener Industriekonzern hat mit dem schwedisch-chinesischen Autohersteller Volvo eine Kooperation vereinbart. Sie bezieht sich zunächst nur auf die Entwicklung von elektrischer Antriebstechnik, Leistungselektronik und Ladetechnik, die in den Kompaktwagen Volvo C30 Electric eingebaut werden sollen. Erst wollen die beiden Partner zwei Jahre das Fahrzeug und die Komponenten entwickeln. 2013 könnte die Kooperation in eine Serienfertigung münden.
Schon zuvor war Siemens in Gesprächen mit Daimler, gab Siemens-Vorstand Siegfried Russwurm, zugleich Chef des Industriesektors, in München unumwunden zu. Doch die Stuttgarter hätten sich anders entschieden und mit Bosch ein Gemeinschaftsunternehmen gegründet. „Es ist ja schließlich eine Entscheidung der Automobilisten“, sagte er. Die gehen unterschiedliche Wege: VW will für seine elf Marken eine jeweils eigene Lösung für Elektroautos finden; BMW arbeitet in der Hybridtechnik mit Peugeot zusammen. Nun sollen die Schweden behilflich sein, dass sich Siemens als Systemlieferant in der Elektromobilität etablieren kann, was die Ausrüstung der Autos wie auch der Ladestationen angeht.
Exklusiv ist die Zusammenarbeit mit Volvo, die im Besitz des chinesischen Autokonzerns Geely ist, aber nicht. Beide Partner würden auch mit anderen Zulieferern beziehungsweise Autoherstellern sprechen. Tatsächlich wird Volvo sein erstes Elektroauto, den schon Ende 2012 in Serie gehenden Hybrid-Kombi V60, nicht mit Komponenten von Siemens ausstatten, sondern dafür auf den kanadischen Zulieferer Magna zurückgreifen. „Der Elektromotor für den V60 wird von Magna kommen“, sagte Volvo-Entwicklungschef Peter Mertens dieser Zeitung auf Anfrage.
Schon jetzt der größte Fahrzeugmarkt der Welt
Volvo hat keine Eile mit der Kooperation. „Wir haben uns bewusst zwei Jahre Zeit genommen“, sagte Volvo-Chef Stefan Jacoby in München. „Wir beginnen erst mit einer Freundschaft, bevor wir heiraten.“ Volvo habe sich bewusst noch nicht auf Siemens als Partner für die spätere Serienfertigung festgelegt, weil die Entwicklung zu dynamisch sei und sich die Umstände noch ändern könnten. Zu Stückzahlen einer Serienproduktion oder zum Volumen des Lieferumfangs machten beide Seiten keine Angaben. Die ersten Fahrzeuge mit Siemens-Elektromotoren sollen im November auf die Straße kommen und getestet werden. Ende 2012 will Volvo dann 200 Autos vom Modell C30 Electric als Testflotte an Siemens liefern.
Interessant wird die Kooperation durch die Perspektive auf einen Zutritt zum chinesischen Markt. Denn Volvo gehört seit einem Jahr zum chinesischen Geely-Konzern und ist gerade dabei, drei neue Fabriken in China zu errichten. China ist schon jetzt der größte Fahrzeugmarkt der Welt; bis 2017 wird sich die Autoproduktion dort laut Schätzung der Unternehmensberatung PWC auf 27 Millionen Einheiten im Jahr verdoppeln.
Subventionen nur für Partner einheimischer Unternehmen
„Die Entwicklung des chinesischen Markts wird aber nicht nur vom Konsumenten, sondern auch vom Staat gesteuert“, sagte PWC-Fachmann Felix Kuhnert anlässlich der Vorstellung einer Studie in Frankfurt. Die Führung in Peking habe angesichts der Abhängigkeit Chinas von Ölimporten und den Smogproblemen in den Städten die Förderung von Autos mit Elektro- und anderen alternativen Antrieben zum strategischen Ziel erklärt. Im Jahr 2020 sollen in China demnach fünf Millionen Elektrofahrzeuge fahren, der Staat investiert insgesamt zehn Milliarden Euro in dieses Ziel. „Falls die Konsumenten nicht von allein genügend Elektroautos kaufen, um das Ziel zu erreichen, könnte die Regierung vielleicht geneigt sein, mit weiteren Geboten und Verboten nachzuhelfen“, sagte Kuhnert. Denkbar seien etwa Einfahrverbote für Verbrennungsmotorautos in den Innenstädten der großen Millionenmetropolen.
Ausländische Hersteller können von Chinas Subventionen für Elektroautos nur als Partner in Gemeinschaftsunternehmen mit einheimischen Konzernen profitieren. Dennoch werde der chinesische Markt wegweisend beim Thema Elektromobilität sein, denn erst mit diesen Absatzmöglichkeiten rentiere sich eine Serienproduktion von Fahrzeugen mit Elektromotoren.
Warum Volvo?
Martin Schmitt (Ameisenschreck)
- 01.09.2011, 11:11 Uhr