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Spargelernte Eine Maschine für vierzig Hände

 ·  Die mangelnde Verfügbarkeit von Erntehelfern ist ein Problem der Spargel-Branche. Unter den Bauern sind maschinelle Erntehelfer dennoch umstritten - zumal unklar ist, ob Mensch oder Maschine effizienter sind.

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Hans Lang kann die Arbeit, die ihm sein Betrieb dieser Tage beschert, kaum alleine schaffen. Auf seinen 10 Hektar Spargelfeldern strecken jeden Tag viele weiße Stangen ihre Köpfe aus der Erde - dank des warmen Wetters hat die Saison früh begonnen. Noch vor vier Jahren hat er für die Ernte zwischen Anfang April und dem 24. Juni - dem sogenannten Spargelsilvester - bis zu 25 Saisonarbeiter beschäftigt, die mit krummen Rücken und mühsamer Handarbeit Spargel gestochen haben, zehn Stunden am Tag. Heute beschäftigt er nur noch vier Erntehelfer - bei gleicher Fläche.

Lang hat sich eine Kirpy zugelegt, eine vollautomatische Spargelerntemaschine. Deren rotierende Scheiben schneiden in den Erddämmen den Spargel wenige Zentimeter über der Wurzel ab, ein Band befördert ihn samt Erdbett auf die Maschine, wo bis zu vier Erntehelfer das Gemüse in Kisten packen. Bis zu 1000 Kilogramm schafft Kirpy in der Stunde; für diese Leistung braucht es etwa zwanzig menschliche Helfer. Außerdem hat die Maschine einen nützlichen Nebeneffekt: Die Erddämme, in denen der Spargel wächst, werden von Steinen und Wurzeln gereinigt und neu aufgeschichtet.

Lang hat sich schnell mit dieser Technik angefreundet. Als die Maschine 2008 auf den Markt kam, hat er sich gleich eine zugelegt - der Aufwand mit den Erntehelfern war ihm zu groß: „Mal kommen sie, dann nicht, manchmal ist es überhaupt schwierig, genügend Arbeitskräfte zu finden.“ Mit Kirpy könne er ernten, wann er wolle, sagt er, zum Beispiel vor Feiertagen die Mengen erhöhen. Kirpy ist aber auch eine Investition: Die Maschine kostet je nach Ausführung 80.000 bis 100.000 Euro - ein Saisonarbeiter verdient nach Tarifvertrag je Stunde 6,40 Euro. Die Ausgaben für Kirpy habe man nach etwa drei Jahren drin, sagt Lang.

„Spargel kann man nicht als Massenprodukt ernten“

Rund 39 solcher Maschinen fahren derzeit über deutsche Spargelfelder - doch wird bisher nur ein kleiner Teil der insgesamt knapp 23 000 Hektar Anbaufläche automatisch geerntet. Denn die Technik, die den Unternehmer Lang so begeistert, ist in der Spargelbranche umstritten: Der Kampf Mensch gegen Maschine ist in einen weiteren Bereich der Landwirtschaft vorgedrungen. „Gar nichts“ hält etwa Rolf Meinhardt von der maschinellen Ernte.

„Spargel kann man nicht als Massenprodukt ernten“, ist der Erzeuger aus dem südhessischen Weiterstadt überzeugt. Da die Maschine alle Stangen unabhängig von ihrer Länge abschneide, gebe es außerdem einen großen Anteil an zu kurzem Spargel, der sich nicht als Premiumware verkaufen lasse. Auch deshalb seien die Erträge 30 bis 40 Prozent kleiner als bei manueller Ernte. „Ich glaube nicht, dass sich diese Technik durchsetzen wird“, sagt Meinhardt, der auf seinen 80 Hektar rund 150 Erntehelfer beschäftigt.

Die Firma ai-solution, die den Kirpy entwickelt hat, sieht das anders. Im Vergleich zum vergangenen Jahr hat sich der Verkauf der Spargelerntemaschinen deutlich gesteigert - 2010 waren erst 22 Stück im Einsatz. Der Spezialmaschinenhersteller aus Wolfsburg, der im Kerngeschäft Pumpen und Autoteile herstellt, ist nicht der einzige, aber der dominante Anbieter von Spargelvollerntern auf dem deutschen Markt.

„Diese Maschine ist keine eierlegende Wollmilchsau“

Laut Geschäftsführer Christian Bornstein hat das Spargelerntemaschinengeschäft mittlerweile einen Umsatzanteil von 40 Prozent. „Natürlich ist diese Maschine keine eierlegende Wollmilchsau“, sagt Bornstein. Er baut vor allem auf das Problem, das die Branche in regelmäßigen Abständen heimsucht: die mangelnde Verfügbarkeit von Erntehelfern. Wenn der Leidensdruck von Seiten der Produzenten da sei, so denken sie auch eher an die maschinelle Ernte, sagt Bornstein. Deshalb erhofft er sich vom Wegfall der Hürden für osteuropäische Arbeitnehmer einen positiven Effekt auf sein Geschäft. Viele, so die Überlegung, könnten sich dann statt der körperlich anstrengenden Erntehelfertätigkeit eine weniger belastende Beschäftigung suchen.

Diese Bedenken teilt man auf Seiten der Erzeuger nicht. Simon Schumacher vom Verband Süddeutscher Spargel- und Erdbeererzeuger glaubt, dass sich auch im nächsten Jahr noch genug Saisonarbeitskräfte finden werden. „Das sind meist Menschen, die sich damit ein Zubrot verdienen und danach wieder zurück zu ihren Familien wollen“, sagt Schumacher. Und wenn die Polen nicht mehr kämen, so werde eben der Anteil der Rumänen und Bulgaren wachsen. Nicht wenige der Erzeuger setzen Kirpy in Kombination mit Erntehelfern ein - als „Feuerwehrauto“, wenn etwa vor Feiertagen besonders viel geerntet werden soll.

Menschliche Leistung ist nicht so leicht nachzuahmen

Bisher ungeklärt ist, ob Kirpy tatsächlich effizienter ist als der Mensch. Das wird in zum Teil mehrjährigen Forschungsprojekten untersucht. Bisher ließ sich erst feststellen, dass Kirpy 2010 - für die Spargelbauern aufgrund des nassen und relativ kalten Wetters ein sehr schwieriges Jahr - keine befriedigenden Ergebnisse geliefert hat. Diese Experimente hat auch Joachim Ziegler im Blick. Der Leiter der Gemüseanbauberatung im Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum Rheinland-Pfalz glaubt, dass man diese Entwicklung intensiv beobachten müsse. Für den Anbauberater stellt sich vor allem die Frage, wie sich die kurzen Stangen verkaufen lassen, die Kirpy bei seiner „Rodetechnik“ liefert.

Den Entwicklern von Kirpy schwebt ohnehin noch etwas anderes vor: Die selektive Ernte, wie sie der von ai-solution schon vor zwei Jahren vorgestellte „Panther“ macht. Mit einer Kamera erkennt die Maschine, welcher Spargel schon geerntet werden kann, und zieht ihn mit einem Greifarm aus dem Boden. Noch vor zwei Jahren dachte Bornstein, dass der Panther bald reif für den Markt sei. Doch in Wolfsburg wird noch immer an dem selektiven Erntehelfer getüftelt. Die menschliche Leistung, gibt Bornstein zu, ist in diesem Fall nicht so leicht nachzuahmen.

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