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Sozialpolitik und Schule Mehr Bildung für Hartz-IV-Kinder

19.02.2010 ·  Was brauchen Kinder von Hartz-IV-Empfängern zum Leben? Bei der Suche nach Antworten hilft ein Blick in Bildungseinrichtungen, die in sozialen Brennpunkten liegen - die Schillerschule in Esslingen oder die Kindertagesstätte KT 113 im Frankfurter Gallusviertel.

Von Lisa Becker
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Was brauchen die Kinder von Hartz-IV-Empfängern zum Leben? Seit das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil zum Arbeitslosengeld II (Hartz IV) auch eine Neuberechnung der Zahlungen für die Kinder gefordert hat, wird dies heftig diskutiert. Einig ist man sich zumindest über eines: Die Kinder brauchen eine bessere Bildung. Denn viel zu oft bleiben sie in ihren schulischen Leistungen unter ihren Möglichkeiten. Wie man das ändern kann, ist indes umstritten. Diskutiert werden die Möglichkeiten, den Familien mehr Geld zur freien Verfügung zu geben, mehr kostenlose Bildungsangebote zu unterbreiten oder das Bildungssystem ganz zu verändern.

Bei der Suche nach Antworten hilft ein Blick in Bildungseinrichtungen, die in sozialen Brennpunkten liegen. Die Schillerschule ist eine Grund- und Hauptschule in Esslingen. Rund 80 Prozent der Schüler kommen aus Migrantenfamilien; fast alle stammen aus sozial schwachen, bildungsfernen Familien, wie Direktor Ulrich Manz erläutert. Vom nächsten Schuljahr an wird es in der Hauptschule eine Neuerung geben. Es wird dann nicht mehr halbtags unterrichtet, sondern bis 16 Uhr. Das ist nach den Worten von Manz für seine Schüler, die oft aus einem anregungsarmen Elternhaus stammten, sehr wichtig. Schon heute nutzten viele Kinder die Schule auch nach dem Unterricht als Aufenthaltsort. Wenn die Hauptschule Ganztagsschule wird, soll den Schülern ein warmes Mittagessen angeboten werden. Dafür müssen sie bis zu 3 Euro zahlen. Kinder von Hartz-IV-Empfängern zahlen allerdings nur 1 Euro je Mahlzeit.

Geld für Klamotten statt Klassenfahrten?

Nichts zahlen müssen die Schüler für Schulbücher; lediglich Schulmaterialien müssen sie selbst kaufen. Dafür gibt es seit August 2009 für Kinder von Hartz-IV-Empfängern zu Beginn eines jeden Schuljahres ein „Schulstarterpaket“ von 100 Euro. Kaum zu finanzieren sind nach Manz’ Worten indes Klassenfahrten. Das liege aber auch an den Präferenzen der Familien, die ihr Geld eher für „neue Medien und Klamotten“ ausgäben. Ähnlich sehe es bei Museums- oder Theaterbesuchen aus. Einen gut ausgestatteten Förderverein, der helfen könnte, habe man leider nicht.

Was sich die Schüler nach Manz’ Ansicht nicht leisten können, sei ein „anständiger“ Computer oder Nachhilfeunterricht. Allerdings hat das Bundesarbeitsministerium vor wenigen Tagen bestimmt, dass ein Bedarf an Nachhilfe eine gesonderte staatliche Zahlung an Hartz-IV-Familien rechtfertigt. Die Schillerschule bietet eine für die Schüler kostenlose Förderung außerhalb des Unterrichts an, für die sie schon mehrere Preise bekommen hat. Im „Sprachzentrum“ können die Schüler jeden Mittwochnachmittag Kurse belegen, von Theaterspielen über Nachhilfe in Deutsch bis hin zu Musik. „Wenn ein Schüler fleißig ist, kann er im Laufe seiner Schulzeit 20 bis 30 Kurse absolviert haben“, sagt Manz. Für das Sprachzentrum bekommt die Schule von der Stadt Esslingen jedes Jahr 7500 Euro. Auch sind 26 Lehrerwochenstunden für das Zentrum bewilligt worden. Allerdings erhielten die Kursleiter nur 8 Euro je Unterrichtsstunde.

Im Sprachzentrum werden auch Kurse für Eltern angeboten. In diesem Halbjahr lernen 120 Erwachsene in 15 Sprach-, Sport-, Musik- und Computerkursen. Die Kurse finanzieren sie mit rund einem Euro je Stunde. Mit den Kursen will man auch die Eltern in die Schule holen. Eltern, die sich für die Schule interessieren, schicken mit einer höheren Wahrscheinlichkeit ihre Kinder in eine weiterführende Schule, erklärt Manz.

„Viele Interessen werden schon vor der Schule geweckt“

Auch wenn es in der Schillerschule gelingt, den Bildungserfolg der Schüler von der sozialen Herkunft ein Stück weit zu entkoppeln, fühlt sich Manz dennoch in seinen Möglichkeiten beschränkt. Er glaubt, dass der Schlüssel für den Bildungserfolg von Kindern in der frühkindlichen Bildung liege. „Viele Interessen werden schon vor der Schule geweckt. Was im Kindergartenalter versäumt wurde, können wir dann nur noch schwer aufholen.“

Auch Petra Erasmi weiß um die Bedeutung der frühkindlichen Bildung. Sie leitet die städtische Kindertagesstätte KT 113 im Frankfurter Gallusviertel. Dort haben gut 90 Prozent der 102 Kinder im Alter von ein und zwölf Jahren einen Migrationshintergrund; viele stammen aus Familien, die von Sozialleistungen leben. Von den 60 Kindergartenkindern bis sechs Jahren werden zwei Drittel ganztags betreut. Am liebsten würde die KT 113 die Ganztagsbetreuung auf alle Kinder ausdehnen; die Nachfrage ist da. Dafür brauche man jedoch mindestens drei Vollzeit-Erzieherstellen mehr. Mit jeder Stunde in der Kita mehr könnte man die Kinder besser auf die Schule vorbereiten, sagt Erasmi. „Wir sprechen viel mit den Kindern, experimentieren, machen Waldtage und arbeiten in der Werkstatt. Wir bieten ein abwechslungsreiches Umfeld, das manche Familien so nicht leisten können.“

Besonders gute Erfahrungen macht sie mit Kindern, die im Alter von weniger als drei Jahren in die Kita kommen. „Diese Kinder sind superfit.“ Sie entwickelten sich sprachlich besonders gut und seien oft besonders selbstbewusst. Ein früher Kindergartenbesuch stärke zudem die Kontakte der Einrichtung zu den Eltern.

Mit der finanziellen Ausstattung der KT 113 kommt Erasmi gut zurecht. Gerade hat man hochwertige neue Holzmöbel bekommen. Dass es keinen Förderverein gibt, beeinträchtige zumindest die pädagogische Arbeit nicht, sagt sie. Und beim Besuch von Veranstaltungen helfe unter anderem das „Bildungsnetzwerk“ der städtischen Kitas, über das man zum Beispiel kostenfreie Führungen buchen könne.

Für einen Ganztagsplatz in der KT 113 muss eine Familie, deren Jahresbruttoeinkommen unter 24 600 Euro liegt, 102 Euro im Monat zahlen: 48 Euro für Betreuung, 49 Euro für Essen und 5 Euro für Getränke. Familien, die von Sozialleistungen leben, zahlen weniger: 30 Euro im Monat für das erste Kind, 15 Euro für das zweite Kind und nichts für das dritte und jedes weitere Kind.

Viele Kinder aus sozial
schwachen Familien bleiben in der Schule unter ihren
Möglichkeiten. Frühkindliche Bildung und mehr
Ganztagsangebote könnten helfen, dies zu ändern. Das zeigt der Blick in zwei Bildungseinrichtungen.

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Jahrgang 1966, Redakteurin in der Wirtschaft

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