Deutschland ist in Sachen Jugendarbeitslosigkeit mit rund 8 Prozent ein Musterschüler. In Europa stehen lediglich die Niederlande besser da. Kein Vergleich also zur verheerenden Situation in Spanien, wo jeder Zweite unter 25 Jahren auf der Suche nach einer Perspektive ist. Auch in anderen Peripheriestaaten zahlen vor allem die Jungen die Zeche für die rauschende Party vor der Krise. Während dort viele schmerzhafte Einschnitte noch bevorstehen, redet sich Deutschland dank der raschen Konjunkturerholung die Köpfe heiß über Fachkräftemangel und qualifizierte Zuwanderung. Die Demographie tut ihr Übriges: Jährlich schrumpft hierzulande das Angebot an Arbeitskräften im Saldo um mehr als 100.000. Selbst Ostdeutschland, wo junge Menschen zwei Jahrzehnte lang frustriert ihr Bündel schnürten und gen Westen zogen, buhlt mittlerweile um die Gunst von Rückkehrern.
So gar nicht in dieses Szenario passen die ständigen Warnungen der Gewerkschaften vor den Folgen einer „Generation Praktikum“ von Akademikern, deren Berufsbiographie ein einziges Konvolut aus „prekärer und befristeter Beschäftigung“ zu werden drohe. Diese These trifft den Nerv nicht weniger Menschen, die das Gefühl beschleicht, in einer zunehmend auf Flexibilität und Mobilität ausgerichteten Arbeitswelt nicht Schritt halten zu können. Bleiben also ausgerechnet gebildete junge Menschen am Ende auf der Strecke?
Die knappste Antwort auf diese Frage lautet: nein. Wenn Deutschland in einer Berufsgruppe keine schwerwiegenden Sorgen hat, dann sind es die Akademiker. Es gibt keine „Generation“, der mehrheitlich eine Zukunft aus un- oder schlechtbezahlten Praktika blüht - und es hat sie auch nie gegeben. Die Arbeitslosenquote in dieser Gruppe liegt seit vielen Jahren konstant auf Vollbeschäftigungsniveau, und die Zahl derer, die sich dauerhaft unter Qualifikation verkaufen müssen, ist nach allen vorliegenden Erkenntnissen gering. Häufige Praktika sind ein Phänomen, das auf bestimmte Qualifikationen und Branchen beschränkt ist. Dass sich Kunst- und Kulturschaffenden keine Alternative bietet, ist keine neue Entwicklung und in hohem Maße durch Haushaltszwänge der Arbeitgeber wie Museen und Theater begründet.
Befristungen haben zugenommen
Zugenommen hat freilich die Zahl der befristeten Neueinstellungen. Mittlerweile hat rund jeder zweite dieser Arbeitsverträge ein Verfallsdatum. Das bedeutet für die Betroffenen zunächst einmal mehr Unsicherheit. Wer weniger Gewissheit über die Zukunft hat, der zögert mit der Gründung einer Familie oder bekommt keinen Kredit für eine Immobilie. Doch diese Unklarheit ist - anders als oft Glauben gemacht wird - meist kein Dauerzustand. Viele Arbeitgeber setzen Befristungen bei Berufsanfängern als verlängerte Probezeit ein und bauen schon entsprechende Anschlussklauseln in den Arbeitsvertrag ein. In jedem zweiten Fall geht es anschließend unbefristet weiter.
Auch die Zunahme von Projektarbeit in einer wissensbasierten Gesellschaft fördert Befristungen. Forschungsinstitute oder Hochschulen können und dürfen viele Stellen nur so lange ausschreiben, wie das Budget gesichert ist. Sollte man deshalb auf sie verzichten? Sogar die gewünschte bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie trägt dazu bei: Wer mehr Elternzeiten kompensieren muss, stellt mehr befristeten Ersatz ein. Dieser hat dann aber zumindest schon mal einen Fuß in der Tür und damit die Chance, sich für weitere Aufgaben zu empfehlen. Für viele Einsteiger ist die befristete erste Stelle eine Investition, die sich später auszahlt.
Allerdings hat noch nicht jeder Personalverantwortliche die Zeichen der Zeit erkannt. Obwohl in Deutschland das Gejammer wegen angeblich fast 70.000 unbesetzter Ingenieurstellen groß ist, werden Berufsneulinge in vielen Ausschreibungen für solche Posten ausgeschlossen. „Langjährige Berufserfahrung“ ist aber zunehmend schwieriger zu finden, wenn man nicht bereit ist, auch entsprechend zu bezahlen. Nur langsam setzt sich im Management die Erkenntnis durch, dass ein schrumpfender Bewerbermarkt höhere Investitionen in die Personalentwicklung erforderlich macht.
(Aus-)Bildung ist der beste Schutz vor Arbeitslosigkeit
Dennoch gilt, bezogen auf die Chancen junger Menschen am Arbeitsmarkt, der alte Satz: (Aus-)Bildung ist der beste Schutz vor Arbeitslosigkeit. Deshalb sind es nicht die jungen Akademiker, auf die politische und gesellschaftliche Kräfte ihr Hauptaugenmerk richten müssen. Es geht in erster Linie um Jugendliche mit schlechtem oder gar ohne Schulabschluss, die schon an der Schwelle zum Ausbildungssystem zu scheitern drohen. Wie muss ein Schulsystem aussehen, das gefährdete Kinder und Jugendliche möglichst früh erkennt? Wie kann verhindert werden, dass am Arbeitsmarkt von morgen die Fachkräfte ausgehen, während gleichzeitig ein Überschuss Geringqualifizierter herrscht, für die es zunehmend weniger Beschäftigung gibt?
Für die Wettbewerbsfähigkeit der Volkswirtschaft wie für die Leistungsfähigkeit des Sozialstaats sind Antworten auf diese Fragen von entscheidender Bedeutung. Auf unsinnige Praktikumsdebatten sollte man deshalb nicht länger Energie verschwenden.
déformation professionnelle
Andreas Müller (abumachuf)
- 18.05.2011, 18:31 Uhr
Statistik
Maximilian Meier (maxmeier999)
- 18.05.2011, 18:57 Uhr
Wer suchet, der findet
Clemens Finck (Punraz)
- 18.05.2011, 19:08 Uhr
@Andreas Halle (an-ha)
Marcel Meier (MarcelMeier)
- 18.05.2011, 19:44 Uhr
falsch informiert
tom neuhaus (neuhaus61)
- 18.05.2011, 20:08 Uhr