22.06.2011 · Nur mit ausländischen Fachkräften bleibt die deutsche Wirtschaft wettbewerbsfähig, sagt Arbeitsministerin Ursula von der Leyen. Das geltende Zuwanderungsrecht ist ihr zu schwammig. Doch ihre Vorstellungen stoßen in den eigenen Reihen auf Widerstand .
Frau Ministerin, bisher dürfen nur Spezialitätenköche und Spitzensportler aus Nicht-EU-Ländern ohne Sondergenehmigung in Deutschland arbeiten. Nun sollen auch Ärzte, Maschinenbau- und Elektroingenieure dieses Privileg genießen. Soll das ernsthaft das lang erwartete Fachkräftekonzept der Bundesregierung sein?
Das ist ein Baustein. Wir wollen Spitzenleute herholen. Unqualifizierte brauchen wir nicht, wir haben genug damit zu tun, unsere Geringqualifizierten weiterzubilden. Zu dem Konzept gehört aber mehr. Deutschland verfügt über große schlummernde Potentiale bei Frauen und Älteren.
Nennen Sie die Zuwanderung von Spitzenkräften bewusst zuerst?
Nein, es geht um das Inland, die EU und den globalen Arbeitsmarkt. Das ist ein Dreisprung aus der Demographiefalle, und wir dürfen keinen einzigen Satz davon verstolpern. Wenn wir Spitze bleiben wollen, brauchen wir auch Spitzenleute von überall her. Direkt dahinter entstehen dann auch viele Arbeitsplätze für Menschen hier, die weniger qualifiziert sind. Hartz-IV-Empfänger kann man nicht im Crashkurs zu Ingenieuren umschulen.
Die Aufhebung der Vorrangprüfung für drei Berufe ist das einzig Konkrete am Konzept der Koalition. Das hätten Sie als Arbeitsministerin schon längst anordnen können, ohne Kabinettsbeschluss.
Das Fachkräfteproblem löst niemand alleine. Vor einiger Zeit war Deutschland noch der kranke Mann Europas, das Topthema Massenarbeitslosigkeit. Jetzt haben wir das deutsche Jobwunder und eine Million unbesetzte Stellen. Die Entwicklung ist rasant. Wir müssen uns dringend am globalen Arbeitsmarkt sichtbar und attraktiv positionieren. Ein Beispiel: Alle ringen um Elektroingenieure. Wenn wir Weltspitze in der Elektromobilität sein wollen, dann ist die Frage: Wo finden wir Ingenieure, die Batterien für unsere Automobilindustrie entwickeln?
Aber wegen des Jobwunders wäre doch jetzt der richtige Zeitpunkt für mehr Mut.
Unbedingt! Wir sind erst am Anfang. Das Konzept ist unsere gemeinsame Basis, mit Arbeitgebern, Gewerkschaften und allen Ressorts der Regierung.
Wohin muss die Reise gehen?
Die Stärke der deutschen Wirtschaft ist doch, dass sie so breit aufgestellt ist. Deutschland ist ökonomisch ein Tausendfüßler und nicht so monothematisch wie England mit dem Finanzsektor, Spanien mit Bauwirtschaft oder Portugal mit Landwirtschaft. Wir leben von Ideen und klugen Leuten, die sie umsetzen können. Wenn uns bestimmte Branchen aus Fachkräftemangel wegbrechen, verspielen wir diese Stellung. Deswegen muss das Signal für die Unternehmen sein: Ja, ihr kriegt Spitzenleute aus aller Welt. Aber ihr müsst auch Hausaufgaben im Inland machen.
Was verlangen Sie von der Wirtschaft?
Ich sehe drei Baustellen. Erstens: Aus- und Weiterbilden auf breiter Front. Kein junger Mensch darf ohne abgeschlossene Ausbildung ins Leben entlassen werden. Die Abbrecherquote von 10 Prozent muss mindestens halbiert werden. Zweitens: Ohne die Frauen geht es nicht. Frauen wollen arbeiten, nicht nur in der Breite, sondern auch mit Karriereperspektiven bis in die Spitze. Beruf und Familie müssen besser zu vereinbaren sein, auch im Betrieb. Ein Lackmus-Test ist auch die Entgeltungleichheit zwischen Männern und Frauen. Drittens: Ältere. Ihre kostbare Erfahrung muss mehr geschätzt und in den Betrieben durch Weiterbildung erhalten werden.
Die Wirtschaft verspricht all das, fordert aber ein Punktesystem für die Zuwanderung. Wer die richtige Qualifikation mitbringt, soll hier arbeiten dürfen. Kommt eine solche Regelung?
Der Prozess steht am Anfang. Wir haben gerade erst erlebt, dass trotz der Arbeitnehmer-Freizügigkeit seit dem 1. Mai keine Massen kommen, sondern nur wenige und eher gut Qualifizierte. Das schafft Vertrauen in der Politik und in der Bevölkerung. Als Nächstes muss über die Gehaltsschwelle gesprochen werden, ab der jemand hier leben und arbeiten darf. Und sicher wird in dieser Legislaturperiode ein modernes Zuwanderungsrecht noch einmal debattiert werden.
Sehen Sie denn Chancen für ein Punktesystem wie in Kanada mit klaren Kriterien für eine gesteuerte Zuwanderung?
Teile solch eines Punktesystems sind klug, nämlich die klare Ansage, was jemand, der ins Land kommen will, können muss, damit er zu uns passt. Ich möchte, dass zusätzlich die Nachfrageseite zum Kriterium wird. Das heißt: Wo ist der Markt leergefegt, für welche Branchen und Berufe brauchen wir Leute?
Können Sie so ein Modell gegen die Kritiker in der CDU und vor allem in der CSU durchsetzen?
Wir sind uns doch im Grundsatz einig. Niemand will mehr Einwanderung in unsere Sozialsysteme. Alle sind für kluge Köpfe, die beitragen zum Wohlstand des ganzen Landes. Mit den geltenden schwammigen Spielregeln in Deutschland erreichen wir weder das eine noch das andere.
Warum ist es so schwierig, die Einkommensschwelle von 66.000 auf 40.000 Euro zu senken?
Ich bin zuversichtlich, dass wir das in den nächsten Wochen lösen werden, besonders im Zusammenhang mit der europäischen Blue Card, die wir hierzulande umsetzen müssen. Sie regelt, zu welchen Bedingungen sich Ausländer in der EU Arbeit suchen können. Ich unterstütze Wirtschaftsminister Rösler mit seiner Forderung, sich an der Lebenswirklichkeit zu orientieren. 40.000 Euro sind schon ein sehr anständiges Anfangsgehalt für junge Menschen. Deutlich höhere Gehaltsschwellen erreichen nur ältere Fachleute, die schon etabliert sind und Familien haben. Dann zieht man nicht mehr so schnell in ein anderes Land.
Bundeskanzlerin Angela Merkel hat klar gesagt, in der Politik gehe es in der Zuwanderungsfrage nicht nach dem Willen der Wirtschaft . . .
. . . Sie hat recht, wenn sie die Hausaufgaben der Wirtschaft anmahnt. Ich plädiere wie sie dafür, nicht das eine gegen das andere auszuspielen. Ich weiß, dass Angela Merkel offen ist, Spitzenleute nach Deutschland zu holen. Aber sie mahnt faire Löhne und soziale Leitplanken an - und Chancen für diejenigen, die bisher unter ihren Möglichkeiten gearbeitet haben. Das gehört zusammen, weil wir auch viele junge, fähige Leute ins Ausland verlieren.
Der Ansturm aus Osteuropa nach der Öffnung des Arbeitsmarktes am 1. Mai ist ausgeblieben. Warum sollten künftig die Fachkräfte in Massen strömen?
Was wir jetzt machen, stellt erst mal Normalität her. Künftig geht in Deutschland, was in anderen Ländern schon lange möglich ist. Unternehmen können jetzt schnell reagieren, wenn ein Auftrag hereinkommt, für den sie einen Elektroingenieur brauchen. Wenn sie einen finden, der die deutsche Sprache beherrscht und herkommen möchte, sollten sie keine Stunde verlieren, ihm ein Angebot zu machen. Solche Leute sind weltweit gesucht. Nur mit ihnen können wir Innovationen vorantreiben und Aufträge in Deutschland halten. Dann bekommen viele Menschen dahinter Arbeit, letztlich auch unsere Hartz-IV-Empfänger.
Wie viel Zeit bleibt der Regierung, das aktuelle Konzept um die fehlenden Punkte zu ergänzen?
Engpässe sind schon sichtbar. Wir müssen jetzt dranbleiben. Deutschland ist keine Insel. Alle anderen werben um dieselben gut ausgebildeten Leute. Es ist kein Gnadenakt, so jemanden hineinzulassen, sondern es geht bei der Öffnung des Arbeitsmarkts um die Entfaltung von Deutschlands Stärke.
Das Gespräch führten Henrike Roßbach und Kerstin Schwenn.
Von Engpässen und dem Mangel an Fachkräften
Bedroht der Mangel an Fachkräften in Deutschland die Grundlage des Wohlstandes kommender Generationen, oder ist er nur eine Erfindung von Arbeitgebern und Medien? Mit beiden Positionen lässt sich in der öffentlichen Debatte viel Aufsehen erregen. Häufig werden in der Diskussion allerdings die Begriffe durcheinandergeworfen, oder es bleibt der Bezugszeitraum unklar. Antworten auf häufig gestellte Fragen:
Was versteht man unter Fachkräftemangel?
Arbeitsmarktforscher sprechen von Fachkräftemangel, wenn der Bedarf an ausgebildeten Fachkräften erkennbar und dauerhaft über dem verfügbaren Angebot liegt. Das schließt kurzfristige Engpässe aus. Davon abzugrenzen ist ein genereller Arbeitskräftemangel, der unabhängig von der Qualifikation der Arbeitnehmer das Angebot und die Nachfrage gegenüberstellt.
Kann man derzeit von einem flächendeckenden Mangel in Deutschland sprechen?
Nein. In einzelnen Regionen kann es allerdings durchaus zu Engpässen kommen, auch bestimmte Qualifikationen können knapp werden. Als Beispiel werden häufig Metall- und Elektroberufe in Bayern und Baden-Württemberg genannt oder die sogenannte Ingenieurlücke mit derzeit rund 73.000 offenen Stellen. Wobei die Lage heute weitaus schwieriger wäre, wenn nur der erlernte Beruf zählte. Durch die berufliche Flexibilität vieler Arbeitnehmer passt sich das Angebot der Nachfrage aber erheblich an.
Welches Szenario ist für die Zukunft wahrscheinlich?
Die deutsche Bevölkerung altert und schrumpft. Deshalb wird bis zum Jahr 2025 die Zahl der Leute, die theoretisch einer Arbeit nachgehen können, um 6,5 Millionen Personen abnehmen. Die Forschungsinstitute erwarten, dass Qualifikation dann noch stärker über die Chancen am Arbeitsmarkt entscheiden wird als heute. Denn für Tätigkeiten, die keine Ausbildung benötigen, wird es den Prognosen zufolge auch im Jahr 2025 noch genügend Arbeitskräfte geben, weil der Bedarf an Hilfsarbeitern in einer immer komplexeren Arbeitswelt erheblich sinkt.
Ganz anders sieht es für Fachkräfte mit mittlerem Qualifikationsniveau aus, für die - schreibt man die heutigen Bedingungen fort - ein deutlicher Mangel vorhergesagt wird. Hier wechseln in den kommenden Jahren besonders viele Personen in den Ruhestand, und es kommen verhältnismäßig wenige nach. Weil bei den akademischen Abschlüssen das Neuangebot die Austritte übertrifft, ist die Lage weniger angespannt. Allerdings gehen die Prognosen hier auseinander.
Wie ist die Lage für MINT-Berufe?
Das Akronym steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Fachkräfte mit solchen Qualifikationen gelten als besonders gefragt. Der erste Blick auf die Daten überrascht: Derzeit liegt - Berechnungen auf Grundlage des Mikrozensus vom Statistischen Bundesamt zufolge - das Angebot an Arbeitskräften deutlich über der Nachfrage, und auch wenn sich die Lücke bis 2025 etwas schließt, ergibt sich rein rechnerisch noch lange kein Mangel. Allerdings gilt folgende Besonderheit: Nur jeder Zweite mit MINT-Qualifikation bleibt dauerhaft in seinem Berufsfeld, weil etwa Ingenieure ins Management wechseln. Das heißt, der Bedarf wird schon heute zu einem erheblichen Teil durch den Einsatz von Fachfremden gedeckt. Weil dies künftig deutlich schwieriger wird, rechnen die Wissenschaftler mit einem demographisch bedingten Engpass. (svs.)