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Mittwoch, 19. Juni 2013
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"Wer war noch mal mein erster Mörder?"

 ·  Jurastudenten sammeln im Gefängnis hautnah Berufserfahrung im Strafvollzug / Von Sebastian Flohr

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"Ich überlege gerade, wer mein erster Mörder war", sagt Blanche. Nein, gestorben ist die junge Frau noch nicht, und einen Mord hat sie auch nie erlebt. Aber einem Mörder gegenüber zu sitzen ist für die 26 Jahre alte Jurastudentin keine Besonderheit, denn einmal in der Woche besucht sie freiwillig die Justizvollzugsanstalt Mannheim. Blanche ist eine von 33 Mitgliedern der kriminologischen Haftgruppe der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Jeden Mittwoch von 19 bis 21 Uhr treffen sich angehende Juristen sowie Psychologen, Soziologen und Pädagogen, um hinter Gittern mit den Gefangenen zu sprechen. Scheine gibt es für ihren Einsatz keine. Vielmehr bildet ihr Engagement eine Brücke zwischen theoretisch-universitärer Ausbildung und der so oft geforderten Praxis. "Hier haben die Mörder, Betrüger oder Hehler auch ein Gesicht", sagt Anna. Bei Vorlesungen im Strafrecht sei immer nur die Rede von Person A oder Person B. "Man erfährt hier auch etwas über das Motiv und die soziale Situation, die manche Menschen zu einem Verbrechen bewegen." Dabei bleibt so manches Vorurteil auf der Strecke: "Am Anfang war es für mich erstaunlich, daß meine Klischees, die ich von den Gefangenen hatte, sich so gar nicht erfüllt haben", schildert Julia.

In den Gesprächsrunden versuchen die Studenten resozialisierend auf die Gefangenen einzuwirken. Gesprochen wird über politische, soziale und auch persönliche Themen. In dieser Woche sind die Integrationspolitik und der Einbürgerungstest Gegenstand der Diskussion hinter den Gefängnismauern. "Die Inhaftierten sollen lernen, sich argumentativ mit anderen Meinungen und Menschen auseinanderzusetzen", sagt die 24 Jahre alte Soziologiestudentin Yvonne begeistert. Sie und ihre beiden Kommilitoninnen Denise und Julia sind auf das heutige Treffen mit den Häftlingen gut vorbereitet. Aus dem Internet haben sie sich die neuesten Gesetzesvorschläge für den hessischen Einbürgerungstest heruntergeladen und sich Statistiken zum Thema Integration besorgt.

Der kleine schwarze Wagen der Studentinnen parkt vor dem Gefängnis. An der Pforte müssen sie ihre Ausweise abgeben. "Hier im offenen Vollzug ist die Kontrolle nicht ganz so streng wie in der geschlossenen Haftanstalt", erläutert Julia. Die kriminologische Haftgruppe teilt sich jede Woche auf. Ein Teil der Studierenden besucht die geschlossene Justizvollzugsanstalt Mannheim, die anderen den offenen Vollzug, in dem ausschließlich Männer inhaftiert sind. Hier sollen die männlichen Gefangenen Schritt für Schritt auf ihre Entlassung vorbereitet werden.

Zehn Männer warten schon auf Yvonne, Denise und Julia in dem kleinen verrauchten Zimmer. Das Publikum ist bunt gemischt. Jüngere, Ältere, Deutsche sowie Männer ausländischer Herkunft. Häftling Rainer, der wegen zu hoher Schulden hinter Gittern sitzt, zündet sich eine Zigarette an. Seine Fingerspitzen sind von dem ständigen Nikotinkonsum mittlerweile gelb gefärbt: "Die Ausländer, die bei uns leben und sich nicht benehmen, müssen alle raus", äußert er sich zum Thema Integration. Neben dem Austausch der einzelnen Meinungen wird aber auch intensiv über Gesetzesvorlagen und die Bedeutung der Sprache für eine gelungene Einbürgerung nachgedacht: "Sprache ist unheimlich wichtig, um die Eigenarten eines Landes zu verstehen", wirft der ehemalige Englischlehrer Jochen in die Diskussion mit ein. Plötzlich wird es laut am Tisch: "Hast du mich etwa beleidigt? Dann können wir das draußen vor der Tür klären", sagt Rainer zu seinem kurdischen Mithäftling. Jetzt sind die drei Studentinnen gefordert: "Also wir haben hier Absprachen und dulden keine Beleidigungen", ermahnt Yvonne. Nach der kurzen Aufregung kann die Diskussion geregelt weitergehen. Auch das Verhalten der Studenten der Haftgruppe ist an gewisse Bedingungen geknüpft: In den Sitzungen werden die Studentinnen angehalten, keine kurzen Röcke oder weite Ausschnitte zu tragen. Nachnamen und Adressen dürfen nicht an die Gefangenen preisgegeben werden, und Kontakte nach der Haftentlassung sind verboten. Wer sich verliebt, wird ausgeschlossen. Eine dauerhafte Mitarbeit und ein tadelloses polizeiliches Führungszeugnis sind weitere Grundbedingungen für den studentischen Einsatz hinter Gittern.

"Als ich mit den Gefängnisbesuchen angefangen habe, war es schon ein komisches Gefühl, völlig auf den Justizvollzugsbeamten angewiesen zu sein", sagt Axel, der regelmäßig die geschlossene Haftanstalt in Mannheim besucht. Auch auf den korrekten Umgang mit den Justizvollzugsbeamten werden die Studenten vor Eintritt in die Haftgruppe vorbereitet. Bezeichnungen wie "Schließer" oder "Wärter" sind absolut tabu. Blanche erinnert sich an ihre ersten Besuche im Gefängnis mit Unbehagen. "Als mir mein erster Gesprächspartner von seinem Mord erzählt hat, war das schon ein komisches Gefühl, aber im Laufe der Zeit tritt die Tat in den Hintergrund. Sie spielt dann irgendwie keine so große Rolle mehr."

Ob die Inhaftierten sich tatsächlich immer wahrheitsgemäß über ihre Tat und ihre Motive äußern, bleibt für die Studenten ungewiß. "Genau hiermit sollen sie sich auseinandersetzen", sagt Thomas Feltes, Professor für Kriminologie, Kriminalpolitik und Polizeiwissenschaft der Ruhr- Universität Bochum. Auch in Bochum haben Studenten die Möglichkeit, hinter die Gefängnismauern zu schauen. "Die Studenten sollen durch die Gespräche lernen, wie mit Wahrheit umgegangen wird." Das sei für ihr späteres Berufsleben als Strafverteidiger, Staatsanwalt oder Richter besonders wichtig. Durch die Gefängnisbesuche profitieren jedoch auch die Inhaftierten. "Die Gefangenen schätzen es, einen Gesprächspartner zu haben, an den sie sich wenden können, denn die Stellen für Psychologen und geistliche Seelsorger sind rar geworden", sagt Feltes.

Soziologiestudentin Yvonne reicht Häftling Rainer noch einmal das Feuerzeug herüber. Es ist 21 Uhr. Die letzte Zigarette muß zügig zu Ende geraucht werden. "Hat jemand noch einen Themenvorschlag für eine der nächsten Sitzungen?" fragt Denise, während sie den Tisch beiseite schiebt, um das Fenster zu öffnen. Eine Antwort erhält sie nicht.

Mit dem Sitzungsende ist für die drei Studentinnen noch lange nicht Schluß. In einer nahe gelegenen amerikanischen Bar warten schon die Besucher der geschlossenen Haftanstalt auf Julia, Denise und Yvonne zur Nachbesprechung. Bei Pommes und Sandwiches werden jede Woche die Erlebnisse hinter Gittern aufgearbeitet. "Als mir am Anfang ein Häftling von seinem Mord erzählt hat, war ich anschließend froh, mit meinem Kommilitonen darüber sprechen zu können", sagt Axel. "Ich habe zwei Stunden neben ihm gesessen, bis er plötzlich gesagt hat: Dann habe ich ihn nun mal abgestochen." Solche Dinge alleine würden einem schon nahegehen. Nicht nur die Gespräche prägen das soziale Verhalten der Studenten. Sie verändern auch die Wahrnehmung einiger Teilnehmer: "Vieles, was sonst selbstverständlich ist, nimmt man ganz anders wahr. Plötzlich erkennt man, wie schön es ist, einfach durch die Fußgängerzone zu laufen oder spazierenzugehen", sagt Studentin Aline.

Quelle: F.A.Z., 01.07.2006, Nr. 150 / Seite 73
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