Matthias Müller macht erst gar keine Anstalten, auf dem Beifahrersitz Platz zu nehmen. „Auf geht's“, ruft er, öffnet die Fahrertür des neuen Porsche 911 und überlässt uns den Platz neben ihm. Gekonnt das Sakko an den Haken an der B-Säule gehängt, ein Porsche ist schließlich alltags- und bürotauglich, Motor wie gehabt mit links angeworfen, die Schranke an der Ausfahrt des Vorstandsgebäudes öffnet sich, der Sicherheitsdienst grüßt. Ja, hier fährt der Chef noch selbst. Viel Zeit vergeht hier rund um Stuttgart nicht, bis vor dem neuen 911 ein „alter“ auftaucht. Ohne Typenbezeichnung. Wie praktisch, so kann Müller am lebenden Objekt erklären, was ihm wichtig ist.
„Schauen Sie“, spricht der 1953 in Chemnitz geborene, in Bayern aufgewachsene (man hört das so deutlich wie den Boxer im Heck) und von Audi über Volkswagen ins Schwabenland gekommene Vorstandsvorsitzende, „ich möchte, dass da hinten 911 draufsteht. Auf jedem 911. Das Unternehmen gehe mit solchen Details bislang etwas oberflächlich um. Künftig also wird am Heck eines jeden Sportwagens aus Zuffenhausen der Name Porsche stehen, darunter die Ziffern 911 und die genauere Bezeichnung, Carrera S etwa. Und zwar nicht wie bisher mal in Schwarz, mal in Wagenfarbe, mal in Edelstahl. Sondern immer in Edelstahl Hochglanz. Hinten herrscht dann ein wenig Gedränge, aber Image ist Image. Dabei würde man den 911 wohl auch so als Sportwagenikone erkennen, sogar den neuen, die nunmehr siebte Generation, für die man schon den zweiten Blick braucht. Außer am Heck. Klar schärfer ist es geworden, so scharf, dass Müller junior, beruflich in Diensten des Audi-Designs stehend, beim Besuch des väterlichen Domizils lobende Worte fand. Stark sehe es aus. Müller senior wird später seine Hand über den Kotflügel streichen lassen. „Das ist Kraft.“
An der Ampel geht tatsächlich der Motor aus
Vorn, am aufgesetzten Markenemblem, hat er eine Gummidichtung als Trauerrand ausgemacht. Geändert. Jetzt schlummert das Emblem in einer Mulde. Die Fuge der Kofferraumhaube zum Stoßfänger zerfloss im Auge des Betrachters bisher aus flachem Winkel zu einer Welle. Geändert. Jetzt ist eine Lichtkante eingestanzt, der Blick stabilisiert. Und erst die neuen Außenspiegel. Kleinigkeiten im Gesamtkunstwerk. Fahrwerk, Bremsen, Leistungsentfaltung, Verbrauch, alles ist noch einen Tick besser geworden. 11 Millimeter flacher ist er nun und um 56 Millimeter auf 4,49 Meter Länge gewachsen. Vorn geht es sportlich-bequem zu, auf den hinteren Sitzen eng, für Kinder reicht es von Frankfurt bis Paris und zurück, wir haben es mit dem „alten“ ausprobiert. Stauraum für das Louis-Vuitton-Sortiment? Sagen wir, es gibt welchen.
Danke an den Treckerfahrer, er hält sich rechts, Müller lässt gleich die ganze Autoschlange dort liegen. Eine Taste in der vom Panamera entliehenen Mittelkonsole öffnet eine Klappe im Auspufftrakt. Herrlicher Sound. Na klar, es gibt einen Sportmodus. 294 kW (400 PS) hat dieser Carrera S. Wie viele Autos haben wir gerade überholt? Für genügsamere Naturen: Der Einstiegs-Carrera liefert 257 kW (350 PS), ist aus dem Stand in 4,6 Sekunden auf hundert und macht erst um 287 km/h Schluss. An der Ampel geht tatsächlich der Motor aus, Start-Stopp, unfassbar. Normverbrauch 8,2 Liter. Noch Fragen? Ja, wie viele Varianten wird es geben? „Vom derzeitigen Modell kenne ich 23. Jede hat ihre saubere Positionierung.“
Das Ziel heißt Le Mans 2014
Und diese: Ist Ihnen Power oder Verbrauch wichtiger? „Wo andere in Sportwagen hubraumstarke Achtzylinder eingebaut haben, fahren wir schon ewig einen Sechser-Boxer. Ein Drittel unseres Aufwands für Forschung und Entwicklung stecken wir in nachhaltige Mobilität. Soziale Akzeptanz ist wichtig. Ein Porsche-Besitzer musste sich noch nie dafür rechtfertigen, einen 911 zu fahren. Der neue ist 45 Kilogramm leichter als der Vorgänger. Rechnen wir die notwendigen Maßnahmen der aktuellen Gesetzgebung ein, ist er sogar mehr als 100 Kilogramm leichter. „Und sparsamer ist er auch geworden“, sagt Müller. Gleichzeitig legt die Fahrdynamik noch mal zu. Die Landstraße führt an einem Bach entlang, die malerische Landschaft fliegt vorbei. Serienmäßig ist das erste Siebengang-Schaltgetriebe verbaut, in unserem sortiert das Doppelkupplungsgetriebe ebenfalls sieben Stufen, vom Vorgang des Wechselns spüren die Insassen fast nichts, der Carrera stürmt voran. Hat der Mann gerade nur eine Hand am Lenkrad? „Walter Röhrl ist auf der Nordschleife 13 Sekunden schneller gewesen als mit dem Vorgänger.“
Bis zum Jahr 2018 will Porsche seinen Absatz auf 200.000 Einheiten fast verdoppeln. Das rechnet sich so: 2007 wurden mit drei Baureihen rund 100.000 Autos verkauft. Plus Panamera mit 25.000 Stück. Weitere 75.000 durch Wachstum in den Bric-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China). Und neue Modelle. Als nächstes der kleine Geländewagen Cajun, danach ein zweisitziger Spyder, von dem bisher nur inoffizielle Zeichnungen existieren, die aber sind ziemlich scharf. Der würde doch prima zu Porsche passen. „Das sagt mir eigentlich jeder. Das Projekt 551 ist schon sehr interessant.“ Aber auch so ein Auto müsse sich rechnen. „Wir lassen nicht zu, dass ein Modell andere subventioniert.“ Ein kleiner Panamera mit Namen Pajun? „Warum nicht. Ich frage mich zudem, ob nicht ein Auto wie einst der 959 ins Programm passen würde.“ Ein Mittelmotorsportwagen über dem 911 also. Etwas für die DTM oder die Formel 1? „Nein, das passt nicht.“ Le Mans 2014 heißt das Ziel.
„Der Plug-In-Hybrid ist in vielen Baureihen verfolgenswert“
200.000 Stück bis 2018. Und das scheint noch konservativ gerechnet. Es gibt Menschen, die machen sich da etwas Sorgen um den Markenkern. Müller nicht. „Wir verwässern gar nichts. Der 911 ist der Maßstab aller Dinge, unsere DNA. Alle anderen Modelle müssen sich an ihm orientieren. Das werden Sie in den künftigen Modellen sehen. Unser Mutterkonzern Volkswagen lässt uns dabei weitgehend freie Hand. Wir investieren eher in ein Auto, als einen Kompromiss einzugehen. Wenn wir meinen, ein vorhandener Allradantrieb aus dem Konzernbaukasten sei uns für den Cajun nicht sportlich genug, müssen wir einen eigenen entwickeln.“
Da fragt sich der geneigte Beobachter, warum der Panamera mit nur 250 PS dieselt, während die von Audi entliehene Maschine in Ingolstädter Motorenräumen deutlich potenter nageln darf. „Sicher könnte der Panamera Diesel etwas mehr Leistung vertragen. Für unseren Handel war aber die rasche Markteinführung wichtiger. Die Nachfrage gibt uns ja recht. Aber wir arbeiten daran.“
Von hinten brüllt der Boxer, wir haben ihn nicht vergessen. Wie könnten wir. Oder droht ihm etwa ein Hybrid? Gar ein Diesel? „Ich war früher nie ein Fan vom Diesel. Aber da hat sich meine Meinung geändert. Der 911 wäre sicher der letzte Porsche, der einen Diesel bekommt. Der Plug-In-Hybrid ist in vielen Baureihen verfolgenswert. Zunächst kommen der Panamera und der Cayenne. Dann sehen wir weiter“, sagt Müller.
„Ein allgemeines Tempolimit in Deutschland ist nicht zielführend“
Schon ist Zuffenhausen wieder in Sicht. Zwei Fragen schnell noch. Wie sieht es mit einer Produktion außerhalb Deutschlands aus? „Wir haben nicht vor, im Ausland zu produzieren. Unser Business Case würde sich dadurch nicht verbessern. Das könnte sich aber ändern, falls uns protektionistische Maßnahmen begegnen.“ Und mit Tempolimits? „Ein allgemeines Tempolimit in Deutschland ist nicht zielführend. Dann rollt der Verkehr nur noch langsamer. Wir müssen auf intelligente Steuerung mit Navigation und Assistenzsystemen setzen. So sparen wir auch Kraftstoff.“
Der Porsche biegt auf das Werksgelände ein, Müller lädt noch auf einen Kaffee in sein erstaunlich bescheidenes Büro. Wie es ihm so geht in Stuttgart? „Dass ich als Bayer nach Schwaben gekommen bin, war kein großes Problem. Die Kollegen von Porsche waren eher skeptisch, weil ich von VW kam. Das ist vorbei. Alle haben verstanden, dass wir gemeinsam diesem Juwel neuen Glanz verleihen wollen.“ 88.037 Euro kostet dieses Juwel als Carrera, 102.436 Euro als Carrera S.
Ich dachte, wenigstens hier würde sinnvoll kommentiert.
Erwin Löffler (turbooeko)
- 18.09.2011, 01:37 Uhr
911
Silke Helbing (SHelbing)
- 17.09.2011, 15:02 Uhr
schlechtes Vorzeichen
Rudolf Blasy (bayrubl)
- 17.09.2011, 12:21 Uhr
Chefs und Cheffchen
Arnulf Haubold (statlerundwaldorf)
- 17.09.2011, 11:21 Uhr
Auch wenn ich ein Spaßverderber sein sollte...
Rudolf Blasy (bayrubl)
- 16.09.2011, 22:06 Uhr