Die Konsumelektronik dürfte in diesem Jahr zu einem Billionen-Dollar-Markt werden. Zum Start der Branchenmesse Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas gaben sich die Veranstalter zuversichtlich, dass die Branche mit ihren Umsätzen in aller Welt erstmals diese Marke überspringen kann. Jenseits dieses möglichen Meilensteins könnte es allerdings ein durchwachsenes Jahr für die Branche werden.
„Das Wachstum wird sich im Vergleich zu 2011 etwas abschwächen“, sagte Steve Koenig, Analyst beim Verband Consumer Electronics Association (CEA), der die Messe ausrichtet. Er führt dies auf allgemein sinkende Verkaufspreise zurück. Die Branche hat zwar einige überragende Wachstumsmotoren wie internetfähige Handys (Smartphones) und Tabletcomputer, die sich auch im neuen Jahr glänzend entwickeln dürften. Doch in vielen anderen Produktkategorien wie Fernsehgeräten oder Personalcomputern ist das Bild trüb.
Umso mehr hofft die Branche, dass die CES auch in den schwächelnden Segmenten für neue Impulse sorgt. Hoffnungsträger der Messe sind zum Beispiel internetfähige TV-Geräte sowie eine neue Generation von sehr dünnen Laptops, die unter der Bezeichnung Ultrabooks laufen. Mit dem vergangenen Jahr kann der Industriezweig alles in allem zufrieden sein. Nach einer in Las Vegas vorgestellten Studie der CEA und des Marktforschungsinstituts GfK legte der Umsatz der Branche mit Elektronikgeräten gegenüber 2010 um 8 Prozent auf 993 Milliarden Dollar zu.
Verhaltene Prognose
Dagegen fällt die Prognose für dieses Jahr verhaltener aus. Er werde mit einem Wachstum von 5 Prozent auf 1,04 Billionen Dollar zu rechnen sein, hieß es. Diese Steigerung wird vor allem zweistelligen Steigerungsraten in aufstrebenden Ländern in Asien und Lateinamerika wie China, Indien oder Brasilien zu verdanken sein. Dagegen werden dem nordamerikanischen Markt stagnierende Umsätze vorhergesagt.
In Westeuropa wird sogar mit einem Minus von 3 Prozent gerechnet, das nach den Worten von Steve Bambridge von der GfK am Ende auch noch höher ausfallen könnte, sollte sich die wirtschaftliche Lage hier weiter eintrüben. Der Branche machten schon jetzt gerade in Ländern wie Italien, Spanien und Großbritannien Konsumzurückhaltung der Verbraucher zu schaffen. 2011 habe es in Westeuropa zwar noch ein Umsatzplus von 2 Prozent gegeben, das aber allein auf Währungseffekte zurückzuführen gewesen sei.
Allgemein verliert der westeuropäische Markt schon seit einiger Zeit an Bedeutung: So stand die Region 2008 noch für 26 Prozent des Umsatzes der Konsumelektronikindustrie in der Welt, im laufenden Jahr werden es nach Schätzungen in der Studie nur noch 20 Prozent sein. Die aufstrebenden asiatischen Länder haben ihren Anteil im gleichen Zeitraum von 15 auf 22 Prozent ausgebaut.
Neuer Anlauf von Google
Analyst Koenig nannte 2011 „das Jahr des Smartphone“. Der Studie zufolge sind die internetfähigen Handys im vergangenen Jahr zur umsatzstärksten Produktkategorie der gesamten Elektronikbranche geworden. Sie haben Notebook-Computer, Desktop-Computer und LCD-Fernseher hinter sich gelassen und kamen auf 18 Prozent des weltweiten Branchenumsatzes. Für das laufende Jahr wird ein weiterer Zuwachs auf 22 Prozent erwartet. Tabletcomputer wie das iPad von Apple erreichten 2011 einen Anteil von 4 Prozent am Umsatz, in diesem Jahr sollen es 5 Prozent werden. „Smartphones und Tablets saugen im Moment einen großen Teil der Konsumausgaben an, gerade für ältere Technologien bleibt da weniger übrig“, sagte Steve Bambridge von der GfK.
Keine großen Sprünge macht die Branche derzeit im Geschäft mit Fernsehgeräten: Im vergangenen Jahr ist die Zahl der verkauften Fernseher in der Welt nur um 2 Prozent auf 260 Millionen gestiegen, für 2012 wird nun ein Plus von einem Prozent vorausgesagt. Die Trendthemen, die in den vergangenen Jahren von der Branche propagiert wurden - dreidimensionale Bildschirmtechnik (3D) und internetfähiges Fernsehen - hatten bei den Verbrauchern bislang nicht die erhoffte Zugkraft.
Allerdings wird die Branche nicht aufgeben: So versucht zum Beispiel der Internetkonzern Google einen neuen Anlauf mit seiner Software-Plattform Google TV, die bei ihrer Einführung 2010 auf vernichtende Resonanz gestoßen war. Kurz vor der CES hat das Unternehmen eine Reihe neuer oder erweiterter Partnerschaften für Google TV mit Geräteherstellern wie LG angekündigt. CEA-Chefökonom Shawn Dubravac zeigte sich überzeugt, dass sich internetfähige Fernseher sehr schnell verbreiten werden. So hätten 2010 erst 12 Prozent aller verkauften Fernseher eine Verbindung zum Internet erlaubt, in diesem Jahr werde es fast die Hälfte sein.
Fernseher von Apple?
Tatsächlich könnte dem Segment 2012 noch eine Großoffensive von sehr prominenter Stelle bevorstehen. Denn in der Branche halten sich hartnäckig Spekulationen, dass Apple einen internetfähigen Fernseher auf den Markt bringt. Dubravac will auch 3D noch nicht abschreiben, trotz der bislang enttäuschenden Verkaufszahlen für solche Fernseher. „Manche Dinge setzen sich eben nicht von heute auf morgen durch, sondern brauchen Jahre, um sich zu etablieren.“ Die Branche werde 3D-Technik auch auf der diesjährigen CES vorantreiben, zum Beispiel mit Ansätzen, um die Brille zum Ansehen von 3D-Inhalten überflüssig zu machen.
Die Parade von iPad-Herausforderern, die es 2011 auf der CES gegeben hatte, wird es diesmal so nicht geben. Vor einem Jahr wurden Dubravac zufolge mehr als 100 Tablets vorgestellt, diesmal sollen es 50 sein. Trotz der vielen Wettbewerber führt Apple den Tabletmarkt bis heute noch immer an. Die CES könnte Nachahmer-Tablets bringen, die sich ebenfalls im Preis nach unten orientieren. Derweil könnten die Tablets selbst Konkurrenz von einer anderen aufstrebenden Gerätekategorie bekommen: Sogenannte Ultrabooks sind im Vorfeld der CES in der Branche zu einem der großen Messetrends erklärt worden. Nach den Worten von Dubravac sollen in Las Vegas zwischen 30 und 50 dieser dünnen Notebooks gezeigt werden, deren Inspiration das Macbook Air von Apple ist. Die Branche hofft, dass diese Ultrabooks dem wachstumsschwachen Personalcomputergeschäft den sehnlich erhofften Schub bringen - und sich nicht als genauso kurzlebig entpuppen wie viele der iPad-Herausforderer auf der letzten CES.
Die Kunden sind der Flickschusterei leid
Jürgen Dietze (dietzej)
- 10.01.2012, 13:25 Uhr
