Home
http://www.faz.net/-haa-704sf
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Renault Alpine Frischer Plattfisch zum Geburtstag

 ·  Klein, flach, frech und viel zu lange in den ewigen französischen Jagdgründen verschwunden: Die Renault Alpine ist eine Legende. Nun kehrt sie zu ihrem fünfzigsten Geburtstag zurück.

Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (0)
© AFP Natürlich Blau: Renault-Alpine 110-50. Nur ein Prototyp, bisher...

Zu ihrem fünfzigsten Geburtstag lässt Renault die Alpine mit einem spektakulären Auftritt auferstehen. Der Prototyp dreht im Rahmenprogramm des Großen Preises von Monaco seine Runden. Die Alpine 110-50 wird von einem 3,5-Liter-Sechszylinder-Mittelmotor befeuert, der 400 PS (295 kW) entwickelt und bis 7.500/min dreht. Die Kraft wird mittels eines sequenziellen Sechsganggetriebes übertragen, das aus der Formel 1 entlehnt ist. Seine noch immer kompakten Abmessungen von 4,33 Meter Länge, 1,96 Meter Breite, 1,23 Meter Höhe und 2,62 Meter Radstand dürften wieselflinke Fortbewegung ebenso garantieren wie das sportlich niedrige Leergewicht von 880 Kilogramm. Letzteres kommt auch deshalb zustande, weil die Karosserie aus Kohlefaser gefertigt ist. Woran bis zur Serie noch gefeilt werden sollte: In den Tank des Prototyps passen nur 30 Liter Kraftstoff.

Welch eine Geschichte fährt hier mit: Die Alpine A 110 zählt zu den großen Automobillegenden Frankreichs. 2012 wird „le Turbot“ (der Plattfisch) 50 Jahre alt. Mit dem Namen A 110 verbinden sich Rallye-Erfolge, allen voran der Gewinn der Markenmeisterschaft 1971 und der ersten Rallye-Weltmeisterschaft 1973. Das Erfolgsrezept ist so alt wie jung, konsequenter Minimalismus und kompromisslose Sportlichkeit zeichnen wahre Sportwagen aus.

Rückblick in den Oktober 1962: Auf dem Pariser Salon herrscht Premierenfieber. Die Autowelt trifft sich erstmals nicht mehr im historischen Grand Palais, sondern in den Ausstellungshallen an der Porte de Versailles zur großen Herbstmesse. Ausgerechnet die kleine Sportwagenmanufaktur Alpine stiehlt hier so manchem großen Hersteller die Schau, denn auf ihrem Stand ist ein Fahrzeug zu sehen, das direkt von der Rennstrecke zu kommen scheint. Sein Name: A 110 Berlinette „Tour de France“. Mit 1,13 Meter Höhe reicht der Neuling den meisten Betrachtern gerade einmal bis zur Hüfte. Die aerodynamisch geformte Frontpartie mit Scheinwerfern hinter Plexiglasabdeckungen, die flache Windschutzscheibe, die niedrigen Seitenfenster und die sanft abfallende Heckpartie lassen keinen Zweifel am Wesen des nur 3,85 Meter langen Zweisitzers.

Das Kampfgewicht von 575 Kilogramm auch nicht. Der Name des A-110-Schöpfers steht ebenfalls für kompromisslose Sportlichkeit: Jean Rédélé. Der Renault-Händler und Rallye-Pilot aus Dieppe baut seit 1955 in seiner Heimatstadt Sportwagen auf Renault-Basis. Zur Erinnerung an seinen Sieg beim Coupe des Alpes 1954 auf einem Renault 4 CV 1063 gibt er ihnen den Markennamen Alpine. Alpine-Modelle sind keine Hochpreis-Exoten, sondern Sportwagen für jedermann aus bewährten Renault-Komponenten. Deshalb lassen sie sich in jeder Renault-Werkstatt warten.

Ein potenzieller Rennwagen für jeden Kunden

Die Wettbewerbsversionen der Alpine unterscheiden sich von den zivilen Varianten in erster Linie durch das gestärkte Triebwerk. Das Aussehen ist identisch. Dies gibt jedem Kunden das Gefühl, in einem potentiellen Rennwagen zu sitzen. Als erstes Modell aus eigener Fertigung bringt Rédélé 1955 das kleine, leichte Sportcoupé A 106 auf Basis des Renault 4 CV heraus. Die Typbezeichnung bezieht sich auf die Baureihen-Chiffre des Triebwerks (1060er-Serie). Auch bei den folgenden Modellreihen folgt Rédélés Firma - zumeist - dieser Linie. Der Einbau des Triebwerks im Heck bietet Traktionsvorteile. Mit der A 106 startet bei dem Kleinserienhersteller auch die Tradition der Kunststoffkarosserie, kombiniert mit einem Plattform- oder Zentralrohrrahmen.

1958 führt die Sportwagenschmiede den Typ A 108 ein, zunächst als Cabriolet, von 1959 auch als Variante mit festem Hardtop. Die Basis bietet der Renault Dauphine. Im September 1960 erscheint bei der Tour de France Automobile die Berlinette A 108. Das flache Heckmotor-Coupé nimmt in Grundzügen die Form der legendären A 110 vorweg und bietet mit seinem Gewicht von 530 Kilogramm beste Voraussetzungen für den Renn- und Rallyeeinsatz.

Für die A 110 hat das Team von Rédélé die Form der Berlinette A108 überarbeitet. Wieder steht die Ziffernfolge für einen neuen Motor: die 956-Kubikzentimeter-Maschine des Renault 8, der im Juni 1962 sein Debüt gefeiert hat. Dank seiner fünf- statt dreifach gelagerten Kurbelwelle bietet das längs eingebaute Vierzylinderaggregat noch bessere Tuning-Möglichkeiten als die technisch ausgereizten Vorläufer aus 4 CV und Dauphine.

Statt 44 PS im R 8 leistet das Triebwerk in der A 110 anfangs 52 PS und beschleunigt die Flunder auf 170 km/h - ein Wert, der Anfang der 1960er Jahre eine Ausnahme ist. Seine Kraft überträgt der Vierzylinder über ein 4-Gang-Schaltgetriebe an die Hinterräder. Gegen Aufpreis sind 5Gänge möglich. Da der Kühler des Renault-8-Motors nicht mehr vor, sondern hinter dem Triebwerk sitzt, werden die seitlichen Lufteinlässe des Vorgängers A 108 überflüssig. Die Konturen bleiben jedoch als dekorative Sicken im Kunststoffkleid erhalten. Seine Atemluft bezieht das Triebwerk über Ansaugöffnungen neben der Motorhaube.

In späteren Ausführungen legt die Alpine auf bis zu 730 Kilogramm zu, aber auch damit zählt die überwiegend in der klassischen französischen Rennfarbe Blau georderte Berlinette zu den leichtesten Serienfahrzeugen ihrer Zeit. Außerdem verzichtet Alpine auf gewichtigen Komfort. Die Serienausstattung beschränkt sich auf das Nötigste. Zum Produktionsstart 1962 enthält die Aufpreisliste nur Liegesitze, Nebelscheinwerfer, die beheizbare Windschutzscheibe und das Sportlenkrad.

Kofferraum? Fehlanzeige. Das Abteil unter der Fronthaube wird vom Benzintank und vom Reserverad in Beschlag genommen. Für Gepäck bleibt nur ein winziger Raum hinter den Sitzen. In die steigt man nicht ein, man schlängelt sich in sie hinein. Tür öffnen, rechtes Bein unter das Lenkrad einfädeln, das Gesäß in den Sitz fallen lassen, linkes Bein nachziehen, so sieht der typische Bewegungsablauf aus. Einmal drin, finden sich Fahrer und Beifahrer in einer halb liegenden Position wieder und betrachten die Welt von schräg unten. Wir sehen schon sehnsüchtige Fans einen Song komponieren: So wie 62 kann’s wieder sein...

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1966, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für „Technik und Motor“.

Jüngste Beiträge