21.02.2009 · Wolfgang Loitzl ist der erste österreichische Einzel-Weltmeister im Skispringen seit 18 Jahren. Während der Tourneesieger einen österreichischen Doppelsieg krönte, verpasste Martin Schmitt als Fünfter das Podest um 5,5 Punkte - weil er ein bisschen zu viel wagte.
Von Christiane Moravetz, Liberec„Jetzt kommt wieder der berühmte Satz“, sagte Werner Schuster, „es geht hier um die Medaillen.“ Der Bundestrainer der deutschen Skispringer zog ein erstes Fazit, nachdem sein Bester, Martin Schmitt, Fünfter des Springens von der Normalschanze bei den nordischen Weltmeisterschaften in Liberec (Reichenberg) geworden war: „Ich bin zufrieden.“
Ein paar Meter entfernt standen jene drei Skispringer zum Siegesfoto zusammen, die genau diese Medaillen gewonnen hatten: Wolfgang Loitzl als Weltmeister, sein Teamkollege Gregor Schlierenzauer und der Schweizer Simon Ammann. Jene drei Springer also, die das Skispringen in dieser Saison dominieren, die - Schlierenzauer vor Ammann und Loitzl - die Weltcup-Wertung anführen.
„Martin hat einen wirklich guten Wettkampf gemacht“
Mit zwei technisch gewohnt sauberen Sprüngen auf 103,5 und 99 Meter und sieben Punkten Vorsprung gewann Loitzl seinen ersten Einzeltitel und den ersten Skisprung-Einzeltitel für Österreich bei Weltmeisterschaften seit 18 Jahren. Als bestenfalls dritte Kraft in der österreichischen Mannschaft war er in die Saison gegangen, nun steht der 29 Jahre alte Familienvater aus Bad Mitterndorf in der Steiermark nach seinem Sieg bei der Vierschanzentournee und dem Erfolg am Samstag in Liberec mindestens auf einer Ebene mit dem jungen Überflieger Gregor Schlierenzauer.
„Auf so einer Anlage hat er sowieso zum absoluten Favoritenkreis gehört“, sagte Martin Schmitt. Erst nachdem Schmitt den Marathon vor Mikrofonen und Fernsehkameras hinter sich gebracht hatte, konnte ihm sein Bundestrainer ein erstes Wort der Anerkennung sagen. „Martin hat einen wirklich guten Wettkampf gemacht“, ließ er dann wissen, „man brauchte in dem leicht turbulenten Springen ein Quentchen Glück, um aufs Podest zu kommen.“
Ein Stockwerk tiefer
Die Ränge 15 für Michael Uhrmann und 17 für Michael Neumayer sowie Platz 19 für Stefan Hocke brachten Schuster zu der Einschätzung: „Wir können erhobenen Hauptes rausgehen.“ Das immer wieder ausgesprochene Ziel, eine Medaille mit dem Team, ist nach wie vor in Reichweite. Eine erste Zeit der Verarbeitung seines Ergebnisses nahm sich Martin Schmitt schon gleich nach dem Sprung. In allen Einzelheiten erklärte er die kleinen Fehler, die ihn eine Medaille gekostet hatten. „Da kam mein Urinstinkt durch“, sagte er leise zu Schuster.
Er habe nach einem ganz guten ersten Versuch im zweiten den Fokus auf den Absprung gelegt, der sei ihm auch gelungen. „Aber so schnell, wie ich mir das erarbeitet habe, war es auch wieder weg.“ Durch zuviel Angriff im Flug habe er sich Höhe genommen, „und dann war ich gleich ein Stockwerk tiefer, und da fehlen schnell zwei, drei Meter“.
Morgenstern stürzt nach der Landung
Auch die Kleinschanze, sagte Schmitt, habe einen Reiz, mit Spannung bis zum letzten Springer. Nur einen Punkt lag er am Ende hinter dem Polen Kamil Stoch zurück, 5,5 Punkte hinter Ammann. „Natürlich wäre es auch möglich gewesen, auf das Podest zu springen. Aber das können heute viele sagen.“ Allen voran der Österreicher Thomas Morgenstern und der Finne Harri Olli. Morgenstern, Fünfter nach dem ersten Durchgang, flog auch im zweiten Durchgang als einziger über 100 Meter (101,5), stürzte aber nach der Landung und wurde Achter.
Olli, zuletzt Sieger des Skifliegens von Oberstdorf vor einer Woche, führte gar nach einem Sprung auf 104,5 - und fand sich mit 87 Metern im zweiten Durchgang auf Platz 13 wieder. Stefan Hocke, Dritter in der Qualifikation anderthalb Stunden vor dem Wettkampf und auch nach den Trainingsleistungen hoch gehandelt, bekam seine Nervosität nicht in den Griff: „Vielleicht war ich doch ein bisschen zu verkrampft“, sagte er.
Uhrmann behält den Humor
Am Abend zuvor hatte es ein Déjà-vu gegeben, eines der unangenehmen Art. Wie vor zwei Jahren in Sapporo war Michael Uhrmann im Training gestürzt. Damals hatte er sich die meisten Knochen im Fuß gebrochen, „diesmal ist es ja glimpflich ausgegangen“, sagte er. Er überdrehte und prellte sich die Schulter-Kapsel, erlitt Einblutung im Muskel zwischen Schulter und Oberarm. Den Arm konnte er am Samstag nur bis 90 Grad heben. „Das reicht für eine Telemark-Landung“, sagte Carolin Otterbein, die Physiotherapeutin.
So ganz konnte Uhrmann die Erinnerung nicht verdrängen. „Aber als ich unten lag, habe ich fast ein bisschen schmunzeln müssen, dass es wieder passiert ist. Und dann habe ich nur noch den Kopf geschüttelt.“ Der Schreck war auch den anderen Mannschaftsmitgliedern in die Knochen gefahren. „Man steht dort oben auf dem Anlaufturm und sieht ihn gar nicht hinten rausfahren aus dem Auslauf. Da schwitzt man schon und denkt: Das darf doch nicht wahr sein“, sagte Schmitt. Uhrmann behielt zumindest seinen Humor: „Jetzt habe ich bald alle Körperteile durch.“ Und die Kleinschanze, so Schuster, sei ohne hin nicht seine Spezialität.