19.02.2009 · Schon als Aktiver war Jochen Behle nicht leise, eckte immer wieder an. Auch als Trainer lässt er sich laut und deutlich vernehmen. Vor der Nordischen Ski-WM in Liberec redete der Chefcoach des Deutschen Ski-Verbandes Klartext.
Von Christiane Moravetz, LiberecAuch nach dem dritten Versuch, einen Parkplatz irgendwo im tiefen Neuschnee von Liberec zu finden, bleibt Jochen Behle ruhig. Winter ist sein Geschäft, und „wer heutzutage behaupten kann, sein Hobby zum Beruf gemacht zu haben, der sollte sich ohnehin nicht beklagen“, sagt er. Langlauf bestimmt sein Leben, erst als Athlet, jetzt als Cheftrainer des Deutschen Ski-Verbandes.
Schon als Aktiver war Behle nicht leise, eckte immer wieder an. „Ich habe mich das eine oder andere Mal zu der einen oder anderen Äußerung hinreißen lassen“, sagt er, „im Nachhinein waren sie ja nicht so ganz unrecht.“ Auch als Trainer lässt sich Behle laut und deutlich vernehmen, sei es als Kritiker, sei es als Verteidiger seiner Sportler. „Ich sage, was ich denke, heute vielleicht ein bisschen bedächtiger, vielleicht zwei-, dreimal mehr überlegt.“ Noch immer aber gilt für ihn: „Ich habe die Zunge geradeaus.“
„Das ist nicht meine Entscheidung“
Zu Beginn der Weltmeisterschaften in Liberec – an diesem Donnerstag fällt die erste Entscheidung im 10-Kilometer-Langlauf der Damen – mag Behle nichts schönreden. „Die Lage bei den Damen ist nicht so, wie wir uns das vorstellen“, sagt er. Und deshalb gehen an diesem Donnerstag auch nur Steffi Böhler, die sich von einer Virusinfektion erholt hat, und Katrin Zeller an den Start. Manuela Henkel laboriert noch an den Folgen einer Bauchdeckenzerrung, Evi Sachenbacher-Stehle und Claudia Nystad blieben bisher hinter Behles Erwartungen zurück. Der Chef setzt grundsätzlich an: „Es ist ja schön, wenn die Läuferinnen mitbestimmen, aber es muss auch eine Leistung dabei rauskommen“, sagt er mit einem Seitenhieb auf Disziplintrainer Ismo Hämäläinen.
Schon in Kuusamo, zu Beginn des Winters, mahnte Behle bei dem Finnen konsequentes Eingreifen an. Doch der, so Behle, gebe zu schnell nach – „und dann heißt es immer: Das ist nicht meine Entscheidung, das hat Jochen gesagt.“ Schließlich habe Hämäläinen die Verantwortung für den Frauen-Langlauf, also müsse er auch daran gemessen werden. Unter die besten acht zu kommen ist die Zielsetzung. Denn immerhin, sagt Behle, „wird nach der Ergebnisliste abgerechnet und nicht danach, wer fröhlich ins Ziel kommt“. Von seinem Männer-Team erhofft Behle beides: Erfolg, der sich in der einen oder anderen Medaille ausdrückt, und gute Stimmung. Denn sowohl Axel Teichmann als auch Tobias Angerer haben in dieser Saison schon bewiesen, dass sie zu den besten Langläufern der Welt gehören.
Fünf Tage Schutzsperre für Norgren
Behle fühlt sich heute eher wie ein Manager und Betreuer, der dem Sportler Hilfestellung gibt, der nicht nur die sportliche Entwicklung, sondern auch die der Persönlichkeit im Blick hat. Das alles, sagt er, gehe nur im Team. „Und natürlich gibt es da Reibungspunkte. Man muss ja auch negative Entscheidungen treffen – und die tun jedem weh: dem der sie treffen muss, und dem, über den sie getroffen werden.“
Eine „negative Entscheidung“, die nicht Behle traf, ist in seinem Kopf sehr präsent. Immer wieder lässt er in Gesprächen die seiner Meinung nach ungerechte Schutzsperre für Evi Sachenbacher-Stehle bei den Olympischen Spielen von Turin einfließen und seine heftige Reaktion darauf. „Es heißt immer: Wir stehen hinter dir. Aber in solchen Fällen muss ich mich vor die Athleten stellen“, sagt er. Freilich muss die Ausdauersportart Langlauf damit leben, dass solche Sperren wegen überhöhter Hämoglobinwerte mit dem Verdacht des Dopings in Zusammenhang gebracht werden. In Liberec traf es am Mittwoch die Schwedin Britta Norgren, die fünf Tage lang nicht starten darf und damit zwei Rennen verpasst.
„Kein Versteckspiel wie im Radsport“
„Man kommt dann immer mit Pauschalverdacht daher“, sagt Behle und verweist seinerseits auf das andere, das bessere Kontrollsystem. Für Liberec hat der Internationale Skiverband umfangreiche Tests vor und nach den Wettkämpfen angesetzt, das größte Kontrollprogramm bei einem sportlichen Großereignis außerhalb von Olympischen Spielen bisher. „Bei uns gibt es kein Versteckspiel wie im Radsport“, sagt Behle. „Der Deutsche Ski-Verband tut auch einiges dafür, mit zusätzlichen Trainingskontrollen, um auch dem Athleten die Gelegenheit zu geben, nachweisen zu können, dass er sauber ist.“ Und doch wird auch Behle oft nachdenklich.
„Wenn da Leute auftauchen, die vorher nirgendwo in der Ergebnisliste vorne standen und jetzt auf einmal da sind, muss man hellhörig werden“, sagt er. Für seinen Sport hat er in diesem Winter nichts Verdächtiges entdecken können, „das waren bei allen konstante Entwicklungen“. Doch wenn drei Biathleten – immerhin auch Langläufer – des Dopings überführt werden, reagiert Behle laut und deutlich: „Das sind keine dummen Biathleten“, sagt er in Verteidigung der Sportart, „das sind einfach dumme Russen.“ Da alle drei Sünder aus dem gleichen Team kommen, „muss man mal reagieren und überlegen, ob man nicht eine Sanktion gegen die ganze Mannschaft ausspricht“. Und da ist er wieder ebenjener Jochen Behle, der „die Zunge geradeaus hat“.