13.02.2009 · Kathrin Hölzls erster Sieg kam zu einem idealen Zeitpunkt: im Riesenslalom der Weltmeisterschaft, wie 1978 bei Maria Epple. Mit der Bischofswiesenerin freut sich das ganze deutsche Team - Hölzl nimmt Maria Riesch und Felix Neureuther den Druck, Medaillen gewinnen zu müssen.
Von Peter Penders, Val d'IsèrePlötzlich brachen alle Dämme, plötzlich entlud sich alles, was sich in 52 Rennen nacheinander bei Großereignissen an Frust und Enttäuschung aufgestaut hatte. Kathrin Hölzl hatte gerade vor Erstaunen eine Hand vor den Mund genommen, da lag sie auch schon am Boden, umgerissen von ihrer Teamkollegin Maria Riesch. Die beiden kugelten im Zielraum durch den Schnee, und überall weiter oben taten es ihnen die an der Strecke positionierten Trainer und Betreuer gleich. Alle, die den gelb-schwarzen Teamanorak des Deutschen Ski-Verbandes trugen, feierten sich und Kathrin Hölzl, die derweil von Maria Riesch auf den Schultern herumgetragen wurde und scheinbar alles wie in Trance erlebte. Sie ist die neue Weltmeisterin im Riesenslalom, und beendet war die lange medaillenlose Zeit bei Großereignissen: Zuletzt hatte Martina Ertl bei den Olympischen Spielen 2002 in Salt Lake City die Bronzemedaille in der Kombination gewonnen, ein Jahr zuvor hatte sie mit dem Kombinationssieg in St. Anton auch den letzten deutschen WM-Titel gewonnen. Den letzten deutschen WM-Titel im Riesenslalom hatte 1978 Maria Epple gewonnen.
Dass es diesmal nach langer Zeit möglicherweise wieder etwas zu feiern geben würde, hatte sich nach dem ersten Lauf abgezeichnet. Viktoria Rebensburg auf Rang drei und Kathrin Hölzl auf Platz vier hatten sich hervorragende Ausgangspositionen beim Kampf um die Medaillen verschafft. Als es aber gleich zum WM-Titel reichte, verschlug es vielen erst einmal die Sprache. „Das ist der absolute Wahnsinn, ich bin hin und weg“, sagte Cheftrainer Matthias Berthold und lobte die neue Weltmeisterin. „Das hat sie sich verdient.“
Hölzls erster Sieg macht sie zur Weltmeisterin
Verdient auch deshalb, weil sie seit langem zu den besten Riesenslalomfahrerinnen der Welt gehört, ihr in den Rennen aber meist immer irgendetwas dazwischen gekommen war. Nur zweimal hatte sie es deshalb bislang im Weltcup auf ein Siegerpodium geschafft - 2007 beim Saisonfinale in der Lenzerheide auf Platz zwei und in diesem Jahr in Maribor mit dem dritten Rang.
Zu wenig für eine, von der Berthold extrem viel hält: „Technisch ist sie eine der Besten, vielleicht sogar die Beste der Welt.“ Das bewies sie nun nachhaltig auf der steilen „Face de Bellevarde“, die viele Fahrerinnen vor die erwarteten Probleme stellte. „Wir wussten, dass ihr diese Piste liegen würde“, sagte Alpinchef Wolfgang Maier - und es hatte in den vergangenen Tagen nicht viele gegeben, die sich so mit dieser Strecke angefreundet hatten. Den Zeitpunkt für ihre grandiose Vorstellung fand die Siegerin verständlicherweise so ideal wie überraschend: „Zum ersten Male ein Rennen gewinnen, und das gleich bei einer WM. Das kann ich noch nicht glauben.“
Rebensburg „verbockt oben alles“
Sie war ruhig geblieben, obwohl das Podium in Reichweite schien, sie hatte sich versucht einzureden, dies sei doch nur ein ganz normales Rennen. Das aber war es angesichts ihrer schlechten Weltcup-Erfahrungen dann aber eben nicht. Die Slowenin Tina Maze, auf Rang 15 nach dem ersten Lauf plaziert, hatte im zweiten Durchgang alles auf eine Karte gesetzt und war zunächst an die Spitze gefahren. „Ich wusste, dass ich annähernd so gut fahren musste wie Tina“, sagte Kathrin Hölzl.
Annähernd so gut gelang nicht ganz, aber gut genug, um von den 1,33 Sekunden Vorsprung aus dem ersten Durchgang neun Hundertstelsekunden zu retten. Bei drei noch ausstehenden Fahrerinnen stand sie damit vorläufig auf Platz eins und war sich sicher, dass ihre Zeit für eine Medaille reichen würde. „Die Piste war schließlich immer schwieriger geworden“, sagte sie - und sollte mit ihrer Einschätzung Recht behalten. Ihre 19 Jahre alte Teamkollegin Viktoria Rebensburg leistete sich früh einen Fahrfehler und versuchte sich dann vergeblich an Schadensbegrenzung. Sie fiel auf Rang neun zurück und war vor allem auf sich selber sauer: „Oben habe ich alles verbockt“, sagte die Junioren-Weltmeisterin, die für ihren riskanten Fahrstil bekannt ist.
Maria Riesch als erste Gratulantin
Bronze für Kathrin Hölzl war damit sicher; Silber wurde es, als auch die Finnin Tanja Poutiainen (0,54 Sekunden zurück) ihre Zeit nicht unterbieten konnte und auf Platz drei zurückfiel; und Gold war es schließlich, als die führende Österreicherin Kathrin Zettel nach zwei, drei Fehlern noch auf den sechsten Platz abrutschte. Kathrin Hölzl schlug die Ende vors Gesicht - und da stürmte auch schon Maria Riesch heran.
Es spricht für den Teamgeist in der deutschen Mannschaft, dass ausgerechnet die Fahrerin, von der alle bei dieser Weltmeisterschaft Medaillen erwartet hatten und die bisher leer ausgegangen war, als erste Gratulantin heranstürmte und sich so losgelöst freute, als aber sie selber gewonnen. Alleine mit diesen Emotionen blieb sie nicht. „Das ist ein Hammer, das ist eine extreme Erlösung“, sagte Maier, nachdem schon die Befürchtungen immer größer geworden waren, auch bei der vierten WM hintereinander am Ende mit leeren Händen dazustehen.
„Uns kann hier nichts mehr passieren“
„Jetzt können wir Alpinen auch mal wieder den Kopf hochnehmen, jetzt stellen wir sogar einen Weltmeister. Uns kann hier nichts mehr passieren“, sagte Maier. Wer weiß, wer weiß: Die Goldmedaille der fassungslosen Kathrin Hölzl wirkte wie eine kollektive Befreiung für ein ganzes Team. „Die ganze negative Stimmung ist weg“, sagte Felix Neureuther, der zwar im Riesenslalom an diesem Freitag ohne Chance, aber im Slalom am Sonntag für eine weitere Überraschung sorgen könnte.
Auch Maria Riesch wirkte trotz Platz 28 in diesem Rennen, als sei eine Tonnenlast von ihr abgefallen. Sie geht als Führende im Slalom-Weltcup am Samstag als Medaillenkandidatin in der Zickzackfahrt an den Start. „Kathrins Titel hilft auch der Maria“, sagte Maier. Es könnte plötzlich noch so einiges passieren.
Riesenslalom der Frauen:
Gold: Kathrin Hölzl (Bischofswiesen) 2:03,09 Minuten (1:00,21/1:03,28)
Silber: Tina Maze (Slowenien) 2:03,58 (1:01,54/1:02,04)
Bronze: Tanja Poutiainen (Finnland) 2:04,03 (59,93/1:04,10)
4. Denise Karbon (Italien) 2:04,16 (1:00,92/1:03,24), 5. Michaela Kirchgasser 2:04,22 (1:00,80/1:03,42), 6. Kathrin Zettel (beide Österreich) 2:04,31 (59,53/1:04,78), 7. Tessa Worley (Frankreich) 2:04,63 (1:00,45/1:04,18), 8. Maria Pietilä-Holmner (Schweden) 2:04,71 (1:01,46/1:03,25), 9. Viktoria Rebensburg (Kreuth) 2:04,74 (1:00,10/1:04,64), 10. Elisabeth Görgl (Österreich) 2:04,97 (1:01,16/1:03,81), ... 28. Maria Riesch (Partenkirchen) 2:15,17 (1:13,91/1:01,26)
Bravo
Werner Neustock (altego)
- 12.02.2009, 16:41 Uhr
Die arme Riesch,
resi mayer (kimwales)
- 12.02.2009, 17:43 Uhr
Es geht doch ...
Rudolf Wallenburger (UIS0547)
- 12.02.2009, 18:01 Uhr