03.02.2009 · Eine Abfahrtsstrecke, auf der den Skifahrern schwindelig wird. Ungeräumte Wege, die von den Ein-Euro-Zuschauern in Eisbahnen verwandelt werden. Und ein 200 Jahre schwelender Streit der dorfbestimmenden Familien: willkommen bei der alpinen Ski-WM.
Von Peter Penders, Val d'Isère47 Jahre, seit den Titelkämpfen 1962 in Chamonix, haben sie in Frankreich darauf gewartet, endlich wieder alpine Ski-Weltmeisterschaften ausrichten zu dürfen. Als das Ski-Idol Jean-Claude Killy das Kunststück vollbracht hatte, genügend Stimmen für Val d'Isère bei der Abstimmung des Internationalen Ski-Verbandes (FIS) zu sammeln, war der Jubel zunächst dementsprechend groß - die Probleme kamen erst später. Denn wie üblich in diesen Bergdörfern kennt jeder jeden, und viele sind miteinander verwandt, das ist natürlich auch in Val d'Isère mit seinen knapp 1800 Bewohnern nicht anders. Dummerweise sind sich die bestimmenden Familien Bonnevie und Mattis in vielen Dingen nicht immer einig, seit im Jahre 1800 irgendetwas bei einer Hochzeit nicht stimmig verlaufen ist.
Das wirkt bis heute nach und sorgte für einige Probleme bei der zeitlichen Gestaltung der nötigen Bauarbeiten, etwa der des Pressezentrums. Vor zwei Jahren trat deshalb Killy entnervt als Chef des Organisationskomitees zurück, die FIS drohte mit dem Entzug der Weltmeisterschaften, was in Wahrheit natürlich niemals passiert wäre. Die Landesregierung schaltete sich ein, daraufhin nahm alles doch seinen Weg - und nun kann sie beginnen - die WM mit 73 teilnehmenden Verbänden und vielen Exoten. Sogar ein Fahrer aus Nepal hat den Weg nach Val d'Isère gefunden (siehe: Alpine Ski-WM: Starter aus Nepal und der Mongolei dabei), vermutlich gut vorbereitet, wie FIS-Präsident Gianfranco Kasper mutmaßte: „Die haben ja sehr viel Schnee da.“
Autofrei sollte der WM-Ort sein, ist er aber nicht
Haben sie in Val d'Isère auch, was einigermaßen beruhigte, denn schließlich haben die Organisatoren eine „grüne WM“ angekündigt. Nicht schon wieder, dachte der geübte WM-Besucher und erinnerte sich an die Titelkämpfe 2005 in Bormio, wo keine einzige Schneeflocke den Weg in die die staubige Stadt gefunden hatte und sich nur ein weißes Schneeband mitten durch die braunen Berge schlängelte. Davon kann in den Hochsavoyen nicht die Rede sein, und das Grüne dieser WM bezieht sich alleine auf den Umweltschutz.
Autofrei sollen diese Titelkämpfe werden, also muss man sein Auto auf einem der Parkplätze am Ortseingang- oder Ausgang abstellen. Allerdings offenbar nicht jeder, zumindest schlängelte sich nach der Eröffnungsfeier ein passabler Stau etwas umständlich durch das wegen diverser Absperrungen mit einer neuen Verkehrsführung versehene Val d'Isère.
Auf Split, Sand, Salz und ähnlichen Firlefanz wird verzichtet
Auf den verschneiten Straßen lässt sich aber etwas sicherer fahren als auf den Fußwegen gehen, womit man sich als an jederzeit schnee- und eisfreie Bürgersteige gewohnter Städter erst zurechtfinden muss. Während man in Deutschland beim Sichtbarwerden der ersten Schneeflocke sofort mit Besen und Schneeschieber auf den Gehweg eilt, bewaffnet mit Eimern voller Split, Sand und schlimmstenfalls Salz, um mögliche Schadensersatzansprüche gestürzter Fußgänger zu verhindern, wird in Val d'Isère auf derlei Firlefanz vollständig verzichtet.
Das könnte besonders interessant werden, wenn ein anderes Konzept dieser WM großen Erfolg hat. Weil die jährlichen Weltcuprennen in der Vergangenheit stets fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfanden und das Fernsehen deshalb stets große Mühe hatte, mit den wenigen Zuschauern eine große Fanschar vorzutäuschen, hat sich Killy etwas besonderes ausgedacht. Die Eintrittskarten wurden für einen Euro verkauft, inklusive der Busanreise aus dem Tal und einer Gemüsesuppe.
Die „Bellevarde“ ist nichts für Ein-Euro-Zuschauer
Wenn alle Ein-Euro-Zuschauer tatsächlich kommen, hätten rund 250.000 Skifans diese WM besucht - und nebenbei die letzten begehbaren Fußwege in Eisbahnen verwandelt. Das sind die Pisten natürlich auch, ganz so, wie es der Skirennfahrer liebt und der Tourist fürchtet. Der Urlauber allerdings wird sich ohnehin nicht auf die „Bellevarde“ wagen, wo fast alle Rennen stattfinden werden. Nur die Abfahrt und der Superriesenslalom der Damen werden auf der „Solaise“ ausgetragen, die aber ebenfalls als sehr anspruchsvoll gilt.
Die „Bellevarde“ allerdings hat einen Ruf wie Donnerhall, seit sie der ehemalige Schweizer Abfahrtsheld Bernhard Russi zu Beginn seiner zweiten Karriere als Pistenarchitekt anlässlich der Olympischen Spielen 1992 aus den Felsen sprengen ließ. Weil die Strecke zu steil war, um sie einfach wie damals noch weitgehend üblich in der Schusshaltung herunterzurasen, mussten die Kurzsetzer diverse Kurven einbauen. Die Athleten fluchten, weil ihre langen Latten für so etwas überhaupt nicht ausgelegt waren. „Die Strecke war ihrer Zeit voraus“, sagt Russi. Heute gilt sie als Ursprung aller Entwicklungen zum taillierten Ski, trotzdem ist sie immer noch anders als alle Strecken im Weltcup.
Eine Strecke, auf der den Skifahrern schwindelig wird
Nur einmal ist die „Bellevarde“ seit 1992 gefahren worden, und bei der WM-Generalprobe im Dezember fluchten die Fahrer wieder genauso wie ihre Kollegen vor 17 Jahren. Sehr eng und sehr steil geht es zu, wieder erwarten die Athleten so viele Kurven, dass ihnen schwindelig werden wird. Eine Strecke für Tüftler, eine Strecke für die Skifirmen, die angeblich besonderes Material für diese WM entwickelt haben sollen, was aber niemand zugibt.
„Es wird auf die Abstimmung ankommen“, betonen die Fahrer, was dem Hobbyskifahrer soviel sagt wie dem Autofahrer, wenn er ein Formel 1-Rennen verfolgt. Dafür täuscht der Eindruck nicht, den man schon von unten hat. Von oben, sagt der deutsche Abfahrer Peter Strodl, sieht es genauso aus: „Sehr steil und sehr beeindruckend.“