Der Sturm über Val d’Isère hat über Nacht nicht nur jede Menge Schnee in den ohnehin sehr weißen WM-Ort gebracht, sondern auch neuen Spott für die österreichische Männermannschaft. Ein paar Österreicher sind schließlich für zwei weitere Jahre Weltmeister. Aber nur, weil der Teamwettbewerb abgesagt werden musste und auch nicht mehr nachgeholt werden kann. Oder anders herum: Nun können sie nicht einmal mehr diesen Titel holen, nachdem in Val d’Isère bislang alles schiefgegangen ist, was schiefgehen konnte. Keine Medaille im Superriesenslalom, keine Medaille in der Abfahrt, keine Medaille in der Kombination – da hört in der Skisportnation Nummer eins der Spaß auf.
Der Österreichische Rundfunk lässt sich diese Weltmeisterschaften einiges kosten, auch wenn er ansonsten in diesen Zeiten sparen muss. Nicht aber beim Skisport: 7,3 Millionen Euro wurden als Sonderbudget für die Titelkämpfe bewilligt, und damit kann man einige Sendezeit füllen. Eine Stunde beträgt der Vorlauf vor den Rennen, und so eine Stunde kann unglaublich lang werden, wenn der Erfolg ausbleibt. „Das ist so, als ob bei uns Deutschland im Fußball in der WM-Vorrunde ausscheidet“, sagt der deutsche Alpinchef Wolfgang Maier zur Aufregung im Nachbarland.
Jede Menge Sachverständige zur Problemlösung
Maier ist nicht der Einzige, der in diesen Tagen Vergleiche zum Fußball wählte. „Auch Real Madrid verliert ab und zu mal ein Spiel“, sagte sein österreichischer Kollege Hans Pum, was er aber besser bleiben gelassen hätte. Denn zum einen tut Real Madrid mit interessanten Fehlern bekanntermaßen eine Menge dazu, um ab und zu mal ein Spiel zu verlieren – und zum anderen steht am Ende einer Misserfolgskette bei Real immer der Rauswurf des Trainers. Davon aber will Pum nichts wissen: „Die Chefs bleiben“, hat er schon verkündet.
Weil der alpine Skisport so wichtig ist in Österreich, gibt es für den interessierten Zuhörer erfreulicherweise jede Menge Sachverständige, die zur Lösung des Problems beitragen wollen. Präsident Peter Schröcksnadel, der große Mann im österreichischen Sport, fand beispielsweise im Interview mit dem „Standard“ etwas heraus, was auch für den Deutschen Ski-Verband gelten könnte: „Für die Leute, die wir dabeihaben, ist der Berg nicht geeignet.“ So richtig abgestimmt aber war das nicht mit dem Cheftrainer, denn derselben Zeitung vertraute Toni Giger an: „Wir dürfen uns jetzt nur nicht etwas einbilden, wie zum Beispiel, dass uns der Berg einfach nicht liegt.“
Die Aufregung in der Heimat ist groß
Das aber tat die Piste „Face de Bellevarde“ bislang tatsächlich nicht. Mal kam der Nebel dazwischen, der dem im Abfahrts-Weltcup führenden Michael Walchhofer jede Chance von vornherein raubte, ihm aber gleich zwei Schussfahrten einbrockte. Mal kam eine Erkältung dazwischen, die Hermann Maier im Superriesenslalom etwas die Sinne raubte und ihn davon sprechen ließ, der Schnee habe wie heißer Asphalt im Sommer geflimmert. Und das Pech fehlte auch nicht, denn Benjamin Raich fuhr im Superriesenslalom nicht nur um 16 Hundertstelsekunden am Titel und als Fünfter sogar komplett an einer Medaille, sondern in der Kombinationsabfahrt auch noch an einem Tor vorbei. „Mir tut das Herz weh, wenn ich den Berg hinaufschau“, sagte deshalb Pum.
Zwar ist noch nicht alles verloren, denn auch im Riesenslalom und vor allem im abschließenden Slalom, in dem jeder der fünf österreichischen Starter ein Medaillenkandidat ist, können die Österreicher noch jede Menge gewinnen. Die Aufregung in der Heimat ist aber groß, und deshalb beruhigte Schröcksnadel mit dem Verweis auf die letzten alpinen Titelkämpfe: „In Are waren wir zum selben Zeitpunkt auch nicht besser.“
Des Präsidenten Worte aber halfen auch nicht wirklich weiter, weil sie kompletter Unsinn waren, wie im skisportbegeisterten Österreich jeder sofort wusste. In Are hatte Fritz Strobl den zweiten Platz im Superriesenslalom und Benjamin Raich den zweiten Rang in der Kombination belegt. Nur in der Abfahrt waren die Österreicher auch vor zwei Jahren in Schweden ähnlich schlecht.
Keine Medaille, das ist kaum zu ertragen
Keine Medaillen in den schnellen Disziplinen aber, das ist ein echtes Desaster im Land der Abfahrer. Giger sei schuld, finden einige Experten, weil er das Spezialistentum beendet habe und mehr auf Allrounder setze. Klingt gut, taugt aber mit dem Blick auf die „Face de Bellevarde“ auch nicht zur Erklärung, denn auf der kurvenreichen Strecke waren die im Riesenslalom geübten Allrounder deutlich im Vorteil. Und Giger verweist darauf, dass sein seit Jahren erprobtes Konzept so schlecht nicht sein kann: Hermann Maier führt schließlich im Weltcup die Super-G-Wertung, Michael Walchhofer die Abfahrtswertung und Benjamin Raich die Riesenslalomwertung an.
Das hilft aber alles nicht, wenn es in der Abfahrt so danebengeht wie in Val d’Isère. Kein Titel, das ist schlimm genug, keine Medaille, das ist kaum zu ertragen, und flugs werden die Bilder gezeigt von St. Anton 2001 (Hannes Trinkl), Salt Lake City (Fritz Strobl) und St. Moritz (Michael Walchhofer), als die schnellsten Skifahrer noch wie selbstverständlich aus Österreich kamen. Die Zeiten aber haben sich geändert: „Jetzt sind wir halt eine Zickzacknation“, sagt Schröcksnadel. Er meinte damit aber nur den Skisport.
