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Olympische Winterspiele „Nehmt das Siegespodest in Beschlag“

06.02.2009 ·  In zwölf Monaten wird man in Vancouver zum dritten Mal die olympische Karawane auf ihrer Dauertournee rund um die Welt begrüßen: Das kanadische Förderprogramm wird aber wohl erst nach 2010 richtig wirken.

Von Jürgen Kalwa, New York
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Als Ausrichterland von Olympischen Spielen hält Kanada einen kuriosen Rekord. Es ist die einzige Nation, die bereits zweimal die Jugend der Welt zum größten Sportspektakel der Welt willkommen heißen durfte und dabei den perfekten Gastgeber spielte: Man ließ bei den Entscheidungen den anderen den Vortritt. Weder im Sommer 1976 in Montreal noch im Winter 1988 in Calgary gewannen kanadische Sportler auch nur eine einzige Goldmedaille.

Eine solche Bilanz galt bereits als schmählich, als man noch rund um die Spiele den Spruch vom „Dabei sein ist alles“ pflegte und sowohl die Veranstalter als auch die Athleten vom alten Amateurgedanken beseelt waren. Aber die Menschen in dem wirtschaftlich aufstrebenden, rohstoffreichen und riesigen Land, das in den letzten fünfzig Jahren eine Verdopplung der Bevölkerung auf 34 Millionen erlebte, nahmen es sportlich. Auch wenn man dabei immer ein wenig neidisch auf andere schaute, die zum entscheidenden Zeitpunkt ihre Sportler auf Weltklasseformat getrimmt hatten.

Enorme Ambitionen

Für Kanada ist bei vielen Vergleichen stets Australien der Maßstab, wo man ebenfalls am Gängelband der britischen Kolonialherren groß geworden ist. In den meisten Kategorien von Belang schneidet man dabei ganz gut ab. Aber im Sport ruft der Blick in die Statistik eher Depressionen hervor. Man denke nur an Melbourne 1956, als Australien mit 13 Goldmedaillen erstmals sportlichen Großmachtstatus demonstrierte. Oder an Sydney 2000, als dies mit 16 ersten Plätzen noch einmal deutlich unterstrichen wurde.

In zwölf Monaten wird man in Kanada, in Vancouver und Whistler, zum dritten Mal die olympische Karawane auf ihrer Dauertournee rund um die Welt begrüßen. Diesmal allerdings will man sich nicht länger unterbuttern lassen. Deshalb wurde 2005 die mit Steuergeldern von insgesamt umgerechnet 80 Millionen Euro ausgestattete Initiative „Own the Podium“ ins Leben gerufen. Dahinter steckten enorme Ambitionen. Kanada nahm sich für 2010 vor, 35 Medaillen zu gewinnen und den ersten Platz in der Nationenwertung zu erobern.

Auf dem Weg dahin kam man vor drei Jahren in Turin bereits erstaunlich weit: Dank siebenmal Gold, zehnmal Silber und siebenmal Bronze wurde die weiß-rote Fahne mit dem Ahornblatt bei Siegerehrungen fast so häufig hochgezogen wie die deutsche und die amerikanische. Vor allem die Eisschnellläufer zeigten sich im Piemont von ihrer besten Seite. Da konnte man sogar das vorzeitige Aus der eigenen Mannschaft im Viertelfinale des Eishockeyturniers gegen Russland verschmerzen.

Berichte über die Mannschaft häuften sich

Das Geld aus dem Topf von „Own the Podium“, was man mit „Nehmt das Siegespodest in Beschlag“ übersetzen kann, sorgte erstmals für eine großzügige Ausstattung von Trainerstäben und breite Organisationsstrukturen. Es gab Unterstützung für wissenschaftliche Projekte und für einen innovativen Gedanken, der für ein Land mit langen Wintern und so viel Eis und Schnee eher überraschend war: Man wollte talentierte Athleten aus Sommersportarten anwerben und umschulen.

Zu den Trainern, die man langfristig anheuern konnte, gehört der ehemalige Rodel-Europameister Wolfgang Staudinger, der seine Schüler vom Potential her auf eine Stufe mit Topfahrern aus Deutschland stellt. Was den Leistungsstand betrifft, seien sie gar „nicht so weit entfernt“ von der Elite. Seine Fahrer, darunter die 21 Jahre alte Alex Gough aus Calgary, die sich in diesem Winter ein Stück weit in die Weltspitze vorgetastet hat, gehören allerdings noch nicht zu den Medaillenaspiranten für Vancouver. Was dem Berchtesgadener recht ist. Sein Vertrag läuft bis 2014.

Während sich die kanadischen Wintersportler dank der Unterstützung nunmehr von ihrer besseren Seite zeigen, scheinen den Athleten in den Sommersportarten die gesteigerten Erwartungen nicht zu bekommen. Die Pekinger Bilanz war so eklatant schwach, dass sich die Berichte über das Weh und Ach der Mannschaft häuften. Die entsandten Athleten hatten nach einer Woche noch keine Medaille gewonnen. Anders etwa als die Mongolei, Vietnam oder Togo.

„In der zweiten Halbzeit stärker“

Ein Umstand, der so manche daran erinnerte, dass die Erinnerungen an olympische Höhepunkte für Kanadier eher negativer Natur sind. Man denke an die 100 Meter von Seoul 1988, die der gedopte und dann verbannte Ben Johnson gewann. Oder an den Skandal im Eiskunstlauf von Salt Lake City 2002 um die französische Punktrichterin Marie-Reine Le Gougne, die im Paarlauf Jamie Salé und David Pelletier um den Sieg brachte. Den beiden Sportlern wurde nachträglich eine Goldmedaille zuerkannt.

Das Eis wurde in Peking dann doch noch gebrochen. Und Kanadas Sportler standen noch 18mal auf dem Treppchen, darunter dreimal ganz oben. Premierminister Stephen Harper hatte recht behalten, als er während der Spiele seine Landsleute ermunterte, nicht gleich alle Hoffnungen aufzugeben. Kanada sei „in der zweiten Halbzeit stärker“. Und abgesehen davon, müsse man die Sache sportlich und nicht immer bloß erfolgsorientiert sehen: „Wir jubeln für jeden, der das Ahornblatt trägt.“

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