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Materialschlacht beim Biathlon „Wir reden über alles - außer übers Wachsen“

19.02.2009 ·  Nicht nur weil die Strecken schlecht präpariert sind, haben die deutschen Skitechniker bei der Biathlon-WM alle Hände voll zu tun. Im Wachs-Container herrscht ständig dicke Luft. Claus Dieterle über eine Materialschlacht mit kleinen Betriebsgeheimnissen.

Von Claus Dieterle, Pyeongchang
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Wenn die deutschen Biathleten bei der WM in Pyeongchang Medaillen feiern (siehe auch: Biathlon-WM: Zweites Gold für Kati Wilhelm), geht es auch in der Wachskabine ausgelassen zu. Dann stoßen Björn Weisheit und seine vierköpfige Skitechniker-Crew schon mal an. Weil es auch ihre Erfolge sind. Weisheit, 35 Jahre alt und beim Deutschen Skiverband (DSV) als Cheftechniker für das Material verantwortlich, macht seinen Job seit sieben Jahren. Natürlich hat er auch schon erlebt, dass einer restlos bedient die Ski in die Ecke feuert. „Es gibt immer mal einen, der unzufrieden ist.“ Der Thüringer behauptet aber, dass „wir es in den letzten drei Jahren immer geschafft haben, den Athleten konkurrenzfähiges Material zu bieten.“ Auch in Pyeongchang, wo die Bedingungen anfangs extrem waren, haben Weisheit und seine vierköpfige Crew bislang gute Arbeit geleistet. Auf Strecken, deren Präparierung der Thüringer als „laienhaft“ bezeichnet. „Das entspricht nicht einmal Kreismeisterschaftsniveau.“

Materialschlacht ohne „Pülverchen“

Aber auch darauf muss man sich einstellen können. „Die drei Stunden vor den Rennen sind das Wichtigste“ - lautet das Motto von Weisheit, aber die WM-Vorbereitung hat schon vor einem Jahr begonnen. Mit Materialtests beim Weltcup in Pyeongchang. Und schon damals hat es extreme Temperaturschwankungen gegeben. Die WM ist für Weisheits Team auch insofern etwas besonderes, als hier jeder der zwölf Biathleten mit 15 Paar Ski auskommen muss. Im normalen Weltcup-Betrieb sind es doppelt so viele. Da gehen pro Wettkampftag schon mal 100 Paar Ski durch die Hände der Techniker, ehe die Wettkampfmodelle herausgefiltert sind.

Eine Materialschlacht. Insofern ist es in Korea etwas übersichtlicher. Zwar sind Weisheits Männer immer auf der Suche nach dem Superski, aber mit einem Vorurteil räumt der Chef-Techniker gleich auf. „Wir sind keine Alchimisten, die Geheimrezepte aus irgendwelchen Pülverchen zusammenrühren.“ Alles harte Arbeit, mit festgelegten Abläufen. Aber selbstverständlich auch mit kleinen Betriebsgeheimnissen. Da lässt man sich nicht in die Karten schauen, schon gar nicht von der Konkurrenz. „Klar gehen wir mit den Norwegern oder Schweden mal ein Bier trinken. Und wir reden über alles - außer übers Wachsen.“

Der Athlet wird zum Testpilot

Vier Stunden vor dem Start beginnt die unmittelbare Vorbereitung mit Messungen samt Wachs- und Strukturtests. Es ist aufwendig, aus sechs Wachsmischungen und vier Belagstrukturen die ideale Kombination herauszufiltern. Übrig bleiben vier Ski zur Auswahl. Dann, anderthalb Stunden vor dem Start, ist der Athlet als Testpilot gefordert. „Er hat das letzte Wort“, sagt Weisheit. Irrtum inbegriffen. Wie man einen „Überflieger“ präpariert, kann niemand genau sagen. „Da ist auch Glück dabei“, sagt der Techniker.

Den Superski, der alle anderen abhängt, gibt es ohnehin nur bei extremen Bedingungen. Wenn man bei Temperaturen von null bis minus acht Grad halbwegs seine Hausaufgaben macht, unterscheidet sich das Material höchstens in Nuancen. Der Überflieger, sagt Weisheit, habe aber auch sehr viel mit Psychologie zu tun, oder besser mit Physiologie: „Wenn ein Athlet in bestechender Form ist, glaubt er oft, es sei das Material.“

Da hilft nur testen, testen, testen

Natürlich haben im Wachs-Container längst moderne Zeiten Einzug gehalten. Die Datenbank gehört zum Standard. Und selbstverständlich kann man auch auf die Erkenntnisse von Langlauf und Nordischer Kombination zurückgreifen. Die Aussagekraft des elektronischen Speichers ist aber begrenzt. „Minus fünf Grad in Oberhof sind anders als in Oslo oder gar in Pyeongchang“, sagt Weisheit. Weil zur Präparierung auch Parameter wie Luftfeuchtigkeit, Sonneneinstrahlung, Schneebeschaffenheit, Höhenlage und Wind unerlässlich sind.

Da hilft nur testen, testen, testen. Techniker müssen vor allem eines können: Ski laufen, und zwar im Wettkampftempo. Kurze Strecken zwar, aber immer wieder. Sie sind also eher Athleten als Alchimisten. Ein körperlich sehr anspruchsvoller Job. Klar, dass sich lauter ehemalige Langläufer in den Wachskabinen tummeln. In Pyeongchang hilft der frühere Olympiasieger Mark Kirchner aus, der Disziplintrainer der Männer.

Auf die Dauer kann niemand den Job machen. Schon deswegen, weil im Wachs-Container ständig dicke Luft herrscht. Beim Aufbügeln der Wachse werden Fluor-Dämpfe frei. Nicht gerade gesundheitsfördernd. Derzeit läuft eine Studie der Internationalen Biathlon-Union zu den Auswirkungen: Die Ergebnisse stehen noch aus. Wie lange Weisheit sich diesen aufreibenden Job noch antut, weiß er nicht. Aber eines ist für ihn jetzt schon klar: „Wir sind froh, wenn wir das Kapitel Korea abgeschlossen haben.“

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Jahrgang 1956, Sportredakteur.

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