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Doping im Biathlon Wie in einem schlechten Kriminalroman

16.02.2009 ·  Gibt es Auswüchse wie im Radsport? Nach dem Doping-Skandal um die drei russischen Biathleten rumort es in der Szene. Nun gibt es gar Morddrohungen gegen die Schweden. Aber die Stimmung bei den Russen scheint erstaunlich gut.

Von Claus Dieterle, Pyeongchang
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Schon am Tag danach war alles wie immer. Jedenfalls vordergründig. Die Russinnen trieben vor der Kamera ihre Späße, und niemand verweigerte Olga Saizewa den Händedruck, als sie auf das Podium trat, um sich von dem Häuflein russischer Fans für Platz drei im Sprint feiern zu lassen (siehe auch: Biathlon-WM: Für Kati Wilhelm schließt sich der Kreis). Auch Kati Wilhelm, die Siegerin des ersten WM-Wettbewerbs, griff artig zu. Wenn auch mit einem faden Beigeschmack, wie sie später zugab. „Natürlich ist es schwierig, denen zu begegnen, nachdem drei ihrer Spitzenleute erwischt worden sind, aber solange gegen jemanden nichts vorliegt, werde ich den Händedruck nicht verweigern.“

Frau Saizewa dagegen verweigerte sich - oder besser: die Aussage. Die Russin mochte sich trotz wiederholter Nachfrage partout nicht zu ihren ertappten Kollegen äußern. Alles wie gehabt. „Man hat schon beinahe das Gefühl, dass die gar nicht leugnen, dass da etwas Krummes gelaufen ist. Das ist starker Tobak“, sagt Kati Wilhelm, die manchmal die Angst beschleicht, „dass sich die Fans irgendwann von uns abwenden könnten, weil sie uns nicht mehr glauben.“ So wie das im Radsport passiert sei: „Da haben sich die Fans doch auch verarscht gefühlt. Ich hoffe nur, dass es bei uns nie so weit kommt.“

Ekaterina Jurjewa - positiv, Albina Achatowa - positiv, Dimitri Jaroschenko - positiv - so hatte Anders Besseberg am Vortag mit hartem Blick sein Statement begonnen und dann von „systematischem Doping in einer unserer stärksten Nationen“ und möglichen Hintermännern gesprochen. Begriffe, die vor kurzem im Biathlon höchstens gedacht, aber nie ausgesprochen worden wären. Schon gar nicht vom Chef der Internationalen Biathlon-Union (IBU). Der befürchtet angesichts eines neuen Blut-Doping-Mittels inzwischen sogar, dass das nur „die Spitze des Eisbergs“ gewesen sein könnte. Zumal noch eine Menge Proben ausstehen - vom Weltcup in Antholz etwa und von der Testphase in der unmittelbaren WM-Vorbereitung.

„Die Morddrohungen gegen uns sind schon harte Bandagen“

Die Nachricht von den drei russischen Doping-Sündern hat Insider nicht großartig überrascht. „Wenn ich ganz ehrlich bin“, sagt Wolfgang Pichler, der bayerische Trainer der schwedischen Biathleten, „ich hab's mir gedacht.“ Es schwingt eine gehörige Portion Wut mit, wenn er sagt: „Die Russen haben uns seit Jahren verarscht.“ Und wenn es nach ihm ginge, „gehören die rausgeschmissen“. Das hätten sie bei der Tour de France mit den auffällig gewordenen Radsport-Teams schließlich auch gemacht. Er glaubt aber nicht, dass Biathlon nun auf den Spuren des Radsports wandelt. Auf rund zehn Prozent beziffert er die Herde der schwarzen Schafe mit Gewehr. Kein Vergleich mit dem flächendeckenden Doping im Radsport. Jedenfalls noch nicht.

Pichler ist der Sprecher der Biathlon-Trainer, und die haben sich mühsam darauf verständigt, härtere Strafen als die üblichen zwei Jahre zu fordern. Aber Pichler sagt auch: „Es gibt zwei Fraktionen unter den Trainern. Da haben schon einige Angst.“ Der russische Einfluss ist groß. An die Hintermänner heranzukommen dürfte ohnehin problematisch sein. Und Forderungen, den russischen Verband komplett zu sperren oder den Russen die WM 2011 in Khanty Mansiysk zu entziehen, klingen zwar entschlossen, sind aber kaum umzusetzen. Das geben die Regeln nicht her. Und wenn sie geändert werden sollen, bedürfen sie der Mehrheit. Auch da kann der russische Verband seinen Einfluss geltend machen.

So ganz frei von Angst ist übrigens auch Pichler nicht. Mattias Nilsson, einer seiner Biathleten, hat auf seiner Website die drei gedopten Russen als „Idioten“ bezeichnet. Seither sind er und auch andere schwedische Biathleten massiven elektronischen Drohgebärden ausgesetzt. „Die Morddrohungen gegen uns sind schon harte Bandagen“, sagt Pichler und fordert Schutz für das Weltcupfinale in Khanty Mansiysk: „Wir können nicht in der Angst dort hinfahren, umgebracht zu werden. Unsere Sportler haben Angst.“ Das klingt wie ein schlechter Kriminalroman.

„Sonst können wird nicht nach Russland fliegen und starten“

Pichler war am Sonntag nach eigener Aussage von einem russischen Funktionär handgreiflich angegangen worden und appellierte an die IBU, für Sicherheit zu sorgen. „Sonst können wird nicht nach Russland fliegen und dort starten. Das möchten wir, denn wir haben ja im Gesamtweltcup einige aussichtsreiche Athleten. Doch Sicherheit geht vor“, sagte der Trainer der aktuellen Verfolgungs-Weltmeisterin Helena Jonsson (siehe auch: Biathletin Kati Wilhelm: „Ich habe Angst, die Fans zu verlieren“). Die Schweden hatten zuvor im Zusammenhang mit den drei Doping-Fällen bei russischen Biathleten auch einen generellen Boykott des Weltcup-Finales ins Gespräch gebracht. IBU-Präsident Anders Besseberg versprach, dass sich der Vorstand auf seiner Sitzung am Freitag mit der Problematik befassen werde. „Wir nehmen das sehr ernst“, sagte der Norweger.

Magdalena Neuner zeigte sich unterdessen verwundert über die gute Stimmung im russischen Biathlon-Team nach den drei Doping-Fällen. „Die sind extrem gut gelaunt. Die sitzen am Tisch und lachen und es ist Superstimmung bei denen.“ In der deutschen Mannschaft habe man sich über dieses Verhalten unterhalten. „Es ist nicht ganz nachvollziehbar. Ich weiß nicht wie es wäre, wenn bei uns so ein Fall auftreten würde, ob wir da noch so gut gelaunt wären“, sagte die 22 Jahre sechsmalige Weltmeisterin, die von Bundestrainer Uwe Müssiggang nicht für das Einzelrennen über 15 Kilometer am Mittwoch nominiert wurde.

„Einen Heimflug mit viel Spaß - was soll man dazu sagen?“

„Ich kann nicht in diese Menschen reinschauen. Ich weiß nicht, was die denken und was die für eine Einstellung zu dem Ganzen haben. Ich finde es einfach nur total enttäuschend und schade. Es ist schon ganz schön krass, dass die alle so tun, als wäre nichts gewesen“, kritisierte Magdalena Neuner weiter das Verhalten der russischen Biathleten. „Selbst diejenigen, die betroffen sind, schreiben, sie hätten einen schönen Heimflug mit viel Spaß. Was soll man dazu sagen?“

Wie groß der Doping-Eisberg im Biathlon auch immer sein mag: Die IBU scheint endlich Ernst zu machen, um ein Problem in den Griff zu bekommen, das schon länger existiert. Es ist - vorerst - ein russisches. Der Verband hat in diesem Winter den Druck auf die Athleten dermaßen erhöht, dass sich der Russe Maxim Tschudow über eine mitternächtliche Doping-Kontrolle in Oberhof öffentlich beschwerte. Auch da zeigt sich ein gravierender Unterschied zu den Deutschen. „Von mir aus können sie nachts um vier kommen, wenn ich dadurch meine Unschuld belegen kann“, sagt Michael Rösch. Die drei überführten Athleten sehen sich derweil unschuldig und wollen Einspruch einlegen.

„Das ist ein Mysterium, verpackt in einem Rätsel“

Es ist die mangelnde Kooperationsbereitschaft der Russen, im Anti-Doping-Kampf mitzuspielen, die die IBU letzten Endes auf Distanz hat gehen lassen. Zum ersten Mal deutlich wurde das im Januar beim Weltcup in Oberhof, nachdem beim Russen Iwan Tscheressow zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres ein zu hoher Hämoglobingehalt im Blut festgestellt worden war. James Carrabre, der kanadische Vorsitzende des medizinischen Komitees, hatte auf die Frage, warum der russische Verband keine Ausnahmegenehmigung für Tscheressow beantragt habe, vieldeutig geantwortet: „Das ist ein Mysterium, verpackt in einem Rätsel.“ Die Russen, sagte er, vertrauten nur eigenen Ärzten.

Die anderen wiederum trauen den Russen nicht. Es hat schon länger rumort in der Szene: Zu viele Ungereimtheiten, zu starke Leistungsschwankungen, zu viele Zufälle, vorwiegend ein Team betreffend. Gerüchte, Vermutungen, alles hinter vorgehaltener Hand. Dazu eine Historie, die ebenfalls für sich spricht. Bei Albina Achatowa fand sich 2003 eine Ärztin als Sündenbock, Olga Pylewa, heute Medwedzewa, wurde bei Olympia 2006 mit dem Aufputschmittel Carphedon überführt, bei Sergej Roschkow war es 2007 der zu hohe Hämoglobinwert, bei Tatjana Moiseewa fand sich 2008 ein ärztliches Attest, das bescheinigte, das fragliche Mittel als Augentropfen - und damit legal - genommen zu haben. Eine lange Kette von Indizien, die sich beim Blick auf die Sünderkartei anderer Sportarten verlängert: acht gedopte Ruderer, sieben suspendierte Top-Leichtathletinnen, fünf Weltklasse-Geher mit Epo erwischt. Allesamt aus Russland.

„Die Situation ist für mich sehr unangenehm“

Unterdessen erwägt der russische Skijäger Maxim Tschudow nach dem chaotischen Verfolgungsrennen, die Siegerehrung am Dienstag zu boykottieren. Tschudow war am Sonntag beim Rennen über 12,5 Kilometer durch eine Jury zunächst zum Sieger erklärt worden, dann aber von einer Berufungsinstanz auf den zweiten Platz gesetzt worden. „Dass die Regelverstöße von Wettkämpfern folgenlos bleiben, ist für mich völlig unverständlich“, sagte er am Montag dem Internetportal „allsport.ru“. Er spielte damit auf den zum Sieger erklärten Norweger Ole Einar Björndalen an, der in der ersten Runde wie elf andere Läufer einen falschen Weg gewählt hatte. Björndalen gewann vor Tschudow und seinem Landsmann Alexander Os.

Er war zunächst mit einer 60-Sekunden-Zeitstrafe belegt worden und rutschte hinter Tschudow und Os auf Platz drei. Nach einem erfolgreichen Protest wurde die ursprüngliche Reihenfolge wieder gewertet. Tschudow nannte die Entscheidung der Jury „einen Präzedenzfall“. Er sei noch unentschlossen, ob er unter diesen Umständen seine Medaille persönlich entgegennehme. „Die Situation ist für mich sehr unangenehm, aber am Einzelrennen der Männer über 20 Kilometer werde ich an diesem Dienstag auf jeden Fall teilnehmen“, betonte Tschudow. Ein Sprecher des russischen Teams sagte „allsport.ru“, der Biathlon-Verband in Moskau prüfe eine Klage gegen das Urteil der Jury beim Internationalen Sportgerichtshof (Cas) in Lausanne.

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Jahrgang 1956, Sportredakteur.

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