Eigentlich ist das ja eine Weltmeisterschaft, wenn auch in der Biathlon-Diaspora. Kaum Zuschauer, wenig Atmosphäre. Vergleichbar mit dem Alpen-Cup, wo die zweite Garnitur der Skijäger ihre Kreise zieht. Trotzdem wird im Alpensia Biathlon-Zentrum allerhand geboten. Vor allem Kurioses. Im Verfolgungsrennen der Männer am Sonntag hat es beispielsweise drei Stunden gedauert, ehe der Sieger feststand.
Dabei war alles doch so eindeutig - zunächst. Ole Einar Björndalen, am Samstag Sieger im Sprint vor lauter Landsmännern, hatte in der Verfolgung ungefährdet seinen zweiten WM-Titel in Pyeongchang vor Augen, der Russe Maxim Tschudow und Alexander Os Silber und Bronze - bis die alarmierende Nachricht kam: Achtung, Falschfahrer! Und gleich ein Dutzend davon.
Für Falschfahrer sieht der Strafenkatalog Disqualifikation vor
Ausgerechnet Björndalen, der Mann, der doch immer weiß, wo es langgeht, weil er ja seit Jahren vornweg stiefelt, hat sich verlaufen - womöglich abgekürzt? Ist rechts abgebogen, wo es eigentlich geradeaus ging. Hat offenbar die dezenten blauen Markierungen übersehen, die eigentlich die Einfahrt sperren sollen, und hat den Kollegen Lars Berger, den Zweiten vom Vortag, im Schlepptau gleich mitgenommen. Die Gruppe hinter den beiden, gut 25 Sekunden zurück, hat die beiden Vorläufer zum Glück nicht im Blick gehabt und deshalb die blauen Markierungen ernst genommen - richtiger Kurs.
Die nächste Gruppe, darunter der Altenberger Michael Rösch, folgte lieber wieder Björndalens Spuren. Das Chaos war perfekt. Für Falschfahrer sieht der Strafenkatalog die Disqualifikation vor - sofern die Strecke eindeutig gekennzeichnet ist. Daran bestanden doch Zweifel. Auch Kati Wilhelm hatte sich zwei Stunden vorher gewundert, dass der Kurs offenbar kurzfristig geändert worden war. Ihr Instinkt hat sie aber nicht im Stich gelassen.
Nach drei Stunden war man wieder am Anfang angelangt
Bei den Männern war die Jury gefragt. Und die rang sich zu einem salomonischen Urteil durch: nämlich den Falschfahrern eine Strafminute aufzubrummen. Was Tschudow zum Titel befördert hätte - und Björndalen hinter Landsmann Os auf Rang drei zurückgeworfen. Keine Frage, dass die Norweger das nicht auf sich sitzen ließen. Und nicht nur sie. Also gab es umgehend einen Protest. Argument: Die Regeln sehen keine Zeitstrafe bei derartigen Vergehen vor. Was richtig ist. Mit Protesten befasst sich bei der Internationalen Biathlon-Union das Appellationsgericht.
Das Ergebnis ließ auf sich warten. Aber nach drei Stunden war man wieder am Anfang angelangt: Keine Strafe für die Falschfahrer. Gottlieb Taschler, der Vorsitzende des Gerichts, erklärte warum: „Weil sie sich keinen Zeitvorteil verschafft haben.“ Außerdem - man hat es schon vermutet - sei die Streckenführung nicht eindeutig gewesen. „Bei einer WM darf so etwas nicht passieren“, fügte Taschler noch an. Das vorläufige amtliche Endergebnis: Björndalen vor Tschudow und Os. Und Rösch als bester Deutscher Neunter. Die Siegerehrung freilich fiel aus. Es war fast 23 Uhr in Korea.
Trockentrainining heißt: Anschlag üben ohne Munition
Viel entscheidungsfreudiger war man zuvor in einer anderen Angelegenheit gewesen. Es kommt nicht alle Tage vor, dass sich beim Trockentraining ein Schuss löst. „Mir ist so was noch nie passiert“, sagte Andrea Henkel erschrocken, nachdem ihr erster Schuss die Wand der Aufwärmhalle glatt durchschlagen hatte. Ohne mehr als Sachschaden anzurichten. Was ein Glück war. Aber trotzdem ein massiver Verstoß gegen die Sicherheitsbestimmungen. Weil noch ein vergessenes Reservemagazin im Lauf steckte.
Trockentrainining heißt: Anschlag üben ohne Munition. „Das wäre auch nicht passiert, wenn ich die Waffe mit aufs Zimmer hätte nehmen dürfen“, sagte Andrea Henkel unter Tränen. Aber in Korea müssen laut Sicherheitsbestimmungen die Waffen in einem abgeschlossenen Raum aufbewahrt werden. Und sie hat halt vergessen, am Vorabend das Reservemagazin herauszunehmen. Folge: Disqualifikation für das Verfolgungsrennen. Kuriose WM.
