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Biathlon-WM Pannen, Pleiten, Peinlichkeiten

16.02.2009 ·  Der Ton ist schärfer geworden, die Stimmung bei der Biathlon-WM ist gereizt. Am Ruhetag wird schon von einem Boykott des Weltcup-Finales in Chanty-Mansijsk geredet. Was ist bloß aus der Biathlon-Familie geworden?

Von Claus Dieterle, Pyeongchang
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„Das ist ein Befehl.“ Fast bellt Anders Besseberg diesen Satz in seinem harten Norweger-Deutsch in sein Handy. Der Präsident der Internationalen Biathlon-Union (IBU) ist in diesen Tagen gefordert wie nie in den 17 Jahren seiner Amtszeit – als oberster Krisenmanager. Auch am Ruhetag der Weltmeisterschaft. Diesmal geht es um ein Gerät zur Streckenpräparierung, das mal wieder nicht dort ist, wo es sein soll, nämlich im Biathlonstadion. Es ist nur das jüngste Glied in einer Kette von Pannen, Pleiten und Peinlichkeiten, die scheinbar nicht abreißt.

Der Ton ist schärfer geworden, die Stimmung gereizt, und mancher ist mit seiner Geduld am Ende. „Sind wir hier bei einer Klubmeisterschaft oder bei einer WM?“ Diese rhetorische Frage hat eine gute Stunde zuvor in der Mannschaftsführersitzung der deutsche Trainer der Schweden, Wolfgang Pichler, in den Raum geworfen. Weil sich im durchaus schmucken Biathlon-Zentrum von Alpensia Dinge abspielen, die einer WM unwürdig sind. Überall Krisenherde: technische Pannen, die Inkompetenz der lokalen Organisation, zweifelhafte Jury-Entscheidungen. Dazu kommt noch die Doping-Problematik, die die Fronten verhärtet. Die viel beschworene Harmonie der großen Biathlon-Familie ist dahin. Risse tun sich auf im Gefüge.

„Wir haben doch gesehen, dass die Leute hier überfordert sind“

Anfangs war alles nur ein Wetterproblem. 16 Grad, Föhnsturm, Regen – das sind selbstverständlich widrige Bedingungen, aber sie haben nur das eigentliche Dilemma an den Tag gebracht: eine schlichtweg mangelhafte WM-Vorbereitung. Dabei hätte man schon vom Weltcup ein Jahr zuvor gewarnt sein müssen. „Wir haben doch gesehen, dass die Leute hier überfordert sind“, sagt Pichler, der auch Sprecher der Trainer ist. Deshalb hat er schon im Sommer einen „Assistenten für den Renndirektor bei Besseberg angefordert“. Einer, der in der heißen WM-Vorbereitung vor Ort nach dem Rechten sieht. Es gibt ihn bis heute nicht.

Die Koreaner tun Pichler leid: „Die können nichts dafür.“ Weil ihnen die Erfahrung fehlt. Die Kritik geht in eine andere Richtung. Renndirektor Franz Berger aus Österreich muss sich schon fragen lassen, ob er seinen Job mit der nötigen Weitsicht angegangen ist. Die hätte hektisches Krisenmanagement wohl erspart. Es geht eben noch reichlich amateurhaft zu in der Wachstumsbranche Biathlon.

Die Falschfahrer-Episode hat ein Nachspiel

Wieso kann beispielsweise der Rumäne Roland Gerbacea ins Verfolgungsrennen schlüpfen, obwohl er am Tag zuvor im Sprint disqualifiziert worden ist? Schulterzucken. „Eine peinliche Angelegenheit“, sagt Norbert Baier, der Technische Delegierte der IBU. Was passiert mit dem einen Weltcup-Punkt, den Gerbacea als unrechtmäßiger 40. des Sprints dem Schweden Björn Ferry als 41. weggenommen hat? Was ist mit dem Chinesen Chengye Zhang, der wegen dieser Panne im Verfolgungsrennen ganz draußen bleiben musste? Warum müssen die deutschen Skijägerinnen die Jury darauf hinweisen, dass die Strecke falsch ausgezeichnet ist? Warum rennen Betreuer auf die Strecke, um den Athleten den richtigen Weg zu weisen?

Reichlich Konfliktstoff. Kein Wunder, dass die Falschfahrer-Episode vom Sonntag, die Ole Einar Björndalens Rekord, den 12. WM-Titel, überlagerte, ein Nachspiel hat. „Betrug“, rief ein russischer Betreuer in den Raum, und Dimitri Aleksaschin, der Vizepräsident der Russischen Biathlon-Union, fragte provokant, ob es jetzt möglich sei, die Regeln zu brechen? Ob jetzt jeder nach Lust und Laune seinen Weg suchen könne? Die Russen sind sauer, weil die Jury Maxim Tschudow zum Sieger erklärt hat, was das Appellationsgericht wieder verwarf. Sie glauben an eine politische Entscheidung. Vielleicht sogar an ein Komplott.

„Krass, dass die so tun, als sei nichts gewesen“

Was wiederum mit Krisenherd Nummer zwei zu tun hat, in dem reichlich Sprengstoff steckt. Seit die drei Russen Ekaterina Jurjewa, Albina Achatowa und Dimitri Jaroschenko des Dopings überführt worden sind, ist nur noch an der Oberfläche alles beim Alten. Darunter rumort es heftig.

Viele gehen inzwischen auf Distanz, angewidert vom Verhalten der Russen in Pyeongchang. Kein Wort des Bedauerns, keine Erklärung, nichts. „Die sind extrem gut gelaunt“, sagt Magdalena Neuner, fassungslos über so viel Dreistigkeit. „Krass, dass die so tun, als sei nichts gewesen.“ Früher habe man vor allem mit Ekaterina Jurjewa schon mal ein paar Späßchen gemacht, aber nach den Vorfällen sei der Kontakt so gut wie abgerissen. „Man geht sich aus dem Weg.“

Morddrohungen und Boykottdrohungen

Auch Pichler ist bestürzt über das Auftreten des russischen Teams: „Die wissen überhaupt nicht, was sie kaputtmachen. Und wir kriegen einen Ruf, den wir nicht verdient haben.“ Pichler hat aber auch Angst, weit mehr zu verlieren als seinen Ruf. „Wir kriegen immer noch Morddrohungen aus Russland.“ Seit Mattias Nilsson, einer seiner Athleten, auf seiner Homepage die drei Gedopten als „Idioten“ bezeichnet hat, ist dort der Teufel los. „Wir werden das alles sammeln und der IBU übergeben“, sagt Pichler.

Das Weltcup-Finale findet in der westsibirischen Stadt Chanty-Mansijsk statt, und da fürchten die Schweden jetzt um Leib und Leben. Deswegen fordert Pichler von der russischen Regierung „eine Sicherheitsgarantie, dass wir wieder heil heimkommen. Sonst werden wir nicht hinfahren.“ Es könnte gut sein, dass die Schweden nicht die einzigen sind. Das Wort vom Boykott macht – vorerst noch ganz leise – die Runde. Was ist bloß aus der Biathlon-Familie geworden?

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Jahrgang 1956, Sportredakteur.

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