22.02.2009 · Der russische Präsident Medwedjew kündigt per SMS den Anti-Doping-Kampf an, der russische Biathlon-Verband will nach Hintermännern suchen, die Dialog-Bereitschaft ist zurückgekehrt. Aber was zählen diese Vorhaben wirklich?
Von Claus Dieterle, PyeongchangZuerst hat Mattias Nilsson an einen Scherz geglaubt. Und es gibt viele, die glauben daran noch immer. Wer erhält schon vom russischen Staatspräsidenten Dmitrij Medwedjew eine Nachricht – und dann per SMS? „Wir haben das nachgeprüft“, behauptet Wolfgang Pichler, der deutsche Trainer der schwedischen Biathleten. Demnach soll die SMS tatsächlich aus dem Kreml abgeschickt worden sein. Inhalt: „Er hat Nilsson versichert, dass er sich stark im Anti-Doping-Kampf engagieren werde“, sagt Pichler. Nilsson ist jener Mann, der die drei russischen Dopingsünder Ekaterina Jurjewa, Albina Achatowa und Dimitri Jaroschenko auf seiner Homepage als „Idioten“ bezeichnet hatte und daraufhin mit Morddrohungen überschwemmt worden war. In 43 Mails, die mittlerweile der Internationalen Biathlon-Union (IBU) übergeben worden sind, zusammen mit der Bitte um eine Sicherheitsgarantie für die komplette schwedische Mannschaft, wenn sie Ende März zum Weltcup-Finale ins westsibirische Biathlonzentrum Chanty-Mansijsk reisen muss. Anders Besseberg, der Norweger an der Spitze der IBU, nimmt die Angelegenheit ernst: „Die IBU wird das Organisationskomitee in Chanty-Mansijsk und die russischen Behörden kontaktieren. Wir wollen eine Sicherheitsgarantie für alle Athleten.“
Zehn-Punkte-Forderungskatalog
Es ist schon eine merkwürdige Weltmeisterschaft in Pyeongchang. Eine WM der Parallelwelten. Auf der einen Seite tröpfelt die WM vor halbleeren Rängen auf einem weißen Band in brauner Landschaft so vor sich hin, auf der anderen ist durch die Dopingfälle unheimlich viel in Bewegung gekommen. Es war eine Woche der Krisensitzungen, der Drohgebärden, der verhärteten Fronten – zwischen Athleten, Trainern und Funktionären – und eine Woche der Botschaften – per E-Mail, SMS oder Brief; sogar die Politik schaltete sich ein, und eine Resolution wurde verfasst: ein Zehn-Punkte-Forderungskatalog an die IBU, initiiert vom amerikanischen Teamchef Max Cobb.
Die wichtigsten Punkte: drastische Erhöhung der ganzjährigen Doping-Kontrollen, lebenslange Strafen für des Blutdopings überführte Athleten und in Doping-Praktiken verstrickte Mediziner, Trainer, Betreuer und Funktionäre, Reduzierung der Weltcup-Startplätze bei mehr als einem Dopingfall in der betreffenden Nation, 24 Monate Sperre einer Nation als Ausrichter internationaler Veranstaltungen. 26 der 38 gemeldeten Teams – darunter die Deutschen – haben in Pyeongchang bislang unterzeichnet. Die Unterschrift der Russen ist nicht darunter. Am Samstag siegten die russischen Frauen im Staffel-Wettbewerb.
Die Dialog-Bereitschaft ist zurückgekehrt
Aber während die Zeichen Anfang der Woche noch auf totale Konfrontation standen und die Russen sich als arme, isolierte Mobbing-Opfer verkauften, ist dann irgendwann wieder die Dialog-Bereitschaft zurückgekehrt: unter den Athleten, die der lange merkwürdig defensive Athletensprecher Ole Einar Björndalen zur Aussprache beim Weltcup in Trondheim eingeladen hat; unter den Funktionären, wobei IBU-Vizepräsident Alfons Hörmann keinen Zweifel daran lässt, welche Seite sich bewegen musste.
Immerhin hatte er den russischen Vorstandskollegen Alexander Tichonow als „sportpolitschen Geisterfahrer“ bezeichnet, nachdem der erklärt hatte, er halte die drei russischen Dopingsünder für unschuldig. Es gab im Vorstand eine heftige Aussprache, Herr Tichonow musste Stellung beziehen, und heraus kam „eine Kehrtwende um 180 Grad“, wie Hörmann sagt. „Vielleicht hat sich die mehrtägige Diskussion gelohnt“, sagt Hörmann.
Ein Brief vom neuen Präsidenten
Vielleicht ist Tichonow aber auch nur ein gewiefter Taktiker. Allerdings hat sich der neue Biathlon-Präsident, der Milliardär Michail Prochorow, in einem Brief an den IBU-Vorstand zu Wort gemeldet. Eigentlich war er persönlich in Pyeongchang angekündigt, aber immerhin hat die IBU seine Absichtserklärung jetzt schwarz auf weiß: „Er hat angekündigt, eine Sonderkommission zu bilden, die alle Fakten rund um die Dopingfälle auf den Tisch bringt, und uns Hilfe bei der Suche nach den Hintermännern zugesichert“, sagt IBU-Präsident Anders Besseberg. Ein bisschen Glasnost.
Aber Absichtserklärungen müssen Taten folgen, und da sind jetzt zuerst die Russen gefordert. Und was den Forderungskatalog angeht, stellt Hörmann Folgendes fest: „Das ist eine sehr wichtige Willensbekundung gegenüber der IBU. Manche Forderungen lassen sich sehr schnell umsetzen, andere haben eher Symbolcharakter.“ Weil sie einer Regeländerung bedürften. Und die kann laut Satzung allein der Kongress beschließen. Eine Option im Anti-Doping-Kampf hat sich die IBU allerdings schon jetzt offengelassen. Im Gegensatz zu früher hat sie den Weltcup-Kalender für nächste Saison noch nicht verabschiedet. Vielleicht muss da ein Veranstalter noch bangen.
„Pichler, Welcome to Russia“
Pichler und seine Schweden sind inzwischen schon etwas entspannter. Die Sicherheitsgarantie haben sie laut der Agentur RIA Nowosti inzwischen bekommen. Vom Innenministerium in Moskau. Rund 300 Polizisten, heißt es, würden für einen ordentlichen Verlauf der Veranstaltung sorgen. Aber man hört ja dieser Tage so viel. Die russischen Fans, in Pyeongchang eindeutig in der Mehrheit, haben jedenfalls schon den Teppich ausgerollt – oder besser gesagt ein Transparent: „Pichler, Welcome to Russia.“ Und weil daneben ein Smiley prangte, nehmen wir mal an, dass es freundlich gemeint ist.