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Biathlon in Pyeongchang Alles außer Ambiente

20.02.2009 ·  Pyeongchang will die Olympischen Winterspiele 2018 austragen. Die Biathlon-WM sollte Werbung für Korea sein. Die Infrastruktur ist teils imposant, aber auch fehlerbehaftet. Prickelnde Atmospähre kommt in Pyeongchang auch nicht auf.

Von Claus Dieterle, Pyeongchang
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„Remember the dream of Pyeongchang“ – an diesem Schild muss man jeden Tag vorbei, auf dem Weg ins Biathlonzentrum. Der Traum lebt noch, der Traum von Olympia. Trotz der Enttäuschung aus zwei vergeblichen Olympiabewerbungen – für 2010 und für 2014. Jinsun Kim, der Gouverneur der Provinz Gangwon, hat es klipp und klar gesagt: „Wir sind zweimal gescheitert, aber wir haben unsere Hoffnung nie aufgegeben. Ja, wir bewerben uns für 2018.“ Als einer der Konkurrenten von München. Und noch eines hat der Gouverneur betont: „Diese Weltmeisterschaften sind eine gute Gelegenheit, für Pyeongchang zu werben.“

Wer sich dieser Tage auf die Suche nach dem präolympischen Geist oder wenigstens ein bisschen Atmosphäre begibt – bei der Biathlon-WM wird er nicht fündig. Dabei ist das neue nordische Zentrum im Sport- und Freizeitpark Alpensia ein Vorzeigeobjekt: das für 20 Millionen US-Dollar erbaute Biathlonzentrum, das Langlaufstadion, die imposante Skisprunganlage, an der noch eifrig gewerkelt wird – alles kompakt auf einem Fleck, höchstens zehn Gehminuten auseinander.

„Ob das der geeignete Platz für ein Biathlonstadion ist?“

Und im Juni wird auch der neue Hotelkomplex mit 8000 Betten fertig sein. Imposant, aber irgendwie deplaziert mitten im leeren Raum. Und doch typisch. Einen kleinen Haken hat dieser Standort übrigens. „Ich weiß nicht, ob das der geeignete Platz für ein Biathlonstadion ist“, sagt Skijägerin Magdalena Neuner und deutet auf die knatternden Flaggen an den Fahnenmasten. Der Wind, der meist vom nahen Japanischen Meer herüberweht, ist hier oben in 700 Metern Höhe ein ständiger Begleiter.

Ideal für die Gewinnung von Windenergie, wie das Spalier von Windrädern auf den Kuppen zeigt. Die Biathleten mögen Wind noch verkraften, aber Thomas Pfüller, der Sportdirektor und Generalsekretär des Deutschen Skiverbandes (DSV) bezweifelt, „dass auf diesen Schanzen je ein Skispringen stattfinden wird. Es bläst hier oft mit solcher Stärke, dass es fraglich wäre, ob Wettbewerbe wie Skispringen, Nordische Kombination, Abfahrtslauf oder Super G überhaupt stattfinden könnten.“ Nicht gerade ein Pluspunkt.

„Haben keinen Grund, diesen Mitbewerber zu unterschätzen“

Die größte Stärke der 40.000-Einwohner-Region Pyeongchang, rund 160 Kilometer nördlich von Seoul im Taebaek-Gebirge, liegt woanders: Sie verspricht Olympische Spiele der kurzen Wege. Wenn man die alpinen Skiwettbewerbe und die Eissportarten in der 230.000-Einwohner Küstenstadt Gangneung hinzurechnet, muss man den Radius um Pyeongchang höchstens auf 40 Kilometer ausdehnen. Die Evaluierungskommission des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) hat den Koreanern schon bei der letzten Bewerbung „sehr hohe Qualität“ bescheinigt.

Und bei der Biathlon-WM waren vier IOC-Mitglieder vor Ort, um sich einen Überblick über den Stand der Vorbereitungen zu verschaffen. Das hat auch Bernhard Schwank, der neue Geschäftsführer der Münchner Bewerbungs GmbH für die Spiele 2018, getan. „Wir haben keinen Grund, diesen Mitbewerber zu unterschätzen“, sagt Schwank, dem in Pyeongchang „die urbane Anbindung“ fehlt. Die 15-Millionen-Stadt Seoul ist drei Autostunden entfernt, und wenn die Koreaner für einen Kurzurlaub in die Berge rausfahren, dann bevölkern sie lieber die Skipisten rund um das Yongpyong Resort am Fuße des 1456 Meter hohen Dragon Peak.

„Wir können die Zuschauer fast mit Handschlag begrüßen“

Dort ist derzeit auch der gesamte Biathlon-Tross untergebracht. Über die Qualität von Unterkunft und Verpflegung kann niemand klagen, aber ein Retorten-Moloch nach dem Vorbild französischer Skistationen mit einem Schuss Disneyworld ist eben nicht jedermanns Sache. Das Stückchen Europa in den koreanischen Bergen bietet alles an Annehmlichkeiten – außer Ambiente. Am meisten fehlt den Sportlern aber das, was den Reiz einer WM ausmacht: prickelnde Atmosphäre. „Wir können die Zuschauer ja fast mit Handschlag begrüßen“, sagt die zweifache Weltmeisterin Kati Wilhelm über das koreanische Desinteresse.

Wo soll die Begeisterung auch herkommen? Wer im Flugzeug nach Seoul eine Viertelstunde braucht, um seinem Nachbarn zu erklären, was Biathlon ist, muss sich nicht wundern, wenn die Koreaner den Schützen mit den Langlaufski nicht gerade die Bude einrennen, auch wenn die Biathlon-WM tatsächlich im heimischen Fernsehen gezeigt wird – inklusive Regelkunde. Und für die europäischen Fans ist Korea zu weit.

Vor Ort redet man von „Kreismeisterschaften“ oder „Dorf-WM“

Immerhin: Seit die koreanische Trommlergruppe auf der halbleeren Tribüne für Wirbel sorgt, ist es nicht mehr ganz so trist im Biathlonzentrum. Die Männer in den Fellkostümen sorgen wenigstens für ein bisschen Stimmung. Aber es ist schon eine merkwürdige Weltmeisterschaft.

Da boomt die Branche, da sind trotz Russen-Dopings die Einschaltquoten in der Heimat zur frühen Morgenstunde respektabel, bei den Verhandlungen zum neuen Fernsehvertrag sind Rekordsummen im Gespräch, aber vor Ort fallen schon mal Begriffe wie „Kreismeisterschaften“ oder „Dorf-WM“. Seung-Soo Han, Chef von Pyeongchangs Olympiabewerbung 2014, findet das nicht fair. „Wir müssen erst noch unsere Erfahrungen machen.“

„Die Leute haben gesagt, die kann über das Eis laufen“

Nami Kim, Vizepräsidentin der Internationalen Biathlon-Union (IBU) und treibende Kraft bei der WM-Vergabe nach Korea, behauptet allerdings, ihre Landsleute seien sehr neugierig und allem Neuen gegenüber aufgeschlossen. Und sie erzählt die Geschichte von der Holländerin, die einst die Schlittschuhe in Korea bekannt gemacht hat. „Die Leute haben gesagt, da ist eine, die kann über das Eis laufen. Am nächsten Tag haben ihr 2000 Menschen zugeschaut.“

Kufensport ist in Korea, im Land der Shorttracker, längst populär, aber im Biathlonstadion wäre man über 2000 Neugierige geradezu begeistert. Nein, als Werbeveranstaltung für Olympia 2018 taugt eine „Dorf-WM“ nun wirklich nicht. Kati Wilhelm, die auch jeden Tag an dem besagten Schild vorbei muss, sagt nur: „Könnte gut sein, dass es ein Traum bleibt.“

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Jahrgang 1956, Sportredakteur.

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