16.02.2009 · Sportpsychologen haben den Druck am Schießstand mit dem des Fußball-Elfmeterschützen verglichen. Schießen ist Kopfsache - ein Standardsatz des Biathlons. Aber es ist auch solides Handwerk: Präzision, Geschwindigkeit, Rhythmus.
Von Claus Dieterle, PyeongchangDer Moment der Wahrheit kann so brutal sein. Du hast die Konkurrenz abgehängt, bist beim Finale ganz allein auf der großen Bühne, dein Puls hat sich längst beruhigt, und eigentlich kann dich nur noch ein Erdbeben aufhalten. Die 20.000 im Stadion sind still geworden, und du spürst diese elektrisierende Spannung. Aber du machst alles wie immer, wie tausendmal geübt. Legst die Stöcke ab, nimmst das Gewehr vom Rücken, richtest dich in deiner Wohlfühlposition ein, prüfst die Windfähnchen, nimmst die erste Scheibe, groß wie ein Bierdeckel, ins Visier, ziehst behutsam den Abzug durch - und dann findet es statt, dieses Beben.
Beim ersten Mal denkst du: kein Problem; beim zweiten Fehlschuss: nicht weiter schlimm. Beim dritten kommt diese Kette in Gang, die sich kaum noch aufhalten lässt: „Da ist mir das Adrenalin reingeschossen, dann kriegst du das Zittern, und dann geht gar nichts mehr.“ So hat Magdalena Neuner ihre schwarze Serie in Antholz beschrieben, als sie den Sieg im Massenstart verpulvert hat. Fünf Fehler, das geht schon gegen die Wahrscheinlichkeitsrechnung. „Ich wäre am liebsten im Erdboden versunken.“
Mag es draußen auf der Strecke noch so heiß hergehen - beim Biathlon spielen sich die sportlichen Dramen - mit wenigen Ausnahmen - am Schießstand ab. Hier verdichtet sich die Biathlon-Welt auf ihren Nucleus - fünf kleine Scheiben. Hier triumphieren Feinmotorik und Feinmechanik über Kraft und Ausdauer - oder auch nicht. Hier zeigt sich, wer ein cooler, abgezockter Hund oder ein zittriges Nervenbündel ist. Held oder Depp? - diese Frage entscheidet sich oft erst mit dem letzten Schuss.
Und die Kameras, die unerbittlich heranzoomen, halten jede Regung fest. Sie zeigen bisweilen unerklärliche Phänomene: Die Weißrussin Daria Domratschewa, die in Oberhof hartnäckig in der Stehendposition schießt und nicht mitkriegt, dass die gesamte Konkurrenz auf dem Bauch liegt; oder den inzwischen des Dopings überführten Russen Dimitri Jaroschenko (siehe auch: Biathlon-Doping: „War das alles, oder nur die Spitze des Eisbergs?“), wie er beim Weltcup-Finale 2008 auf die falschen Scheiben schießt. Was Stress alles anrichten kann.
Sportpsychologen haben den Druck am Schießstand mit dem des Schützen im Elfmeterschießen verglichen. Nur dass beim Biathlon deutlich mehr Treffer fallen. Im Training trifft fast jeder, selbst die Wackelkandidaten. Aber in einer prallgefüllten Arena? Der Tunnelblick funktioniert plötzlich nicht mehr, die Geräuschkulisse drängt trotz Ohrstöpsel, massiv ins Bewusstsein, und mit einem Auge schielt man doch hinüber zur Konkurrenz.
Ein weites Feld für Mentaltrainer und Psychologen. Solchen mit akademischer Ausbildung und solchen mit Ausstrahlung. Der fünfmalige Olympiasieger Ole Einar Björndalen, auch in dieser Hinsicht einer der Pioniere, vertraut seit mehr als zehn Jahren einem Staubsaugervertreter namens Øyvind Hammer - der Erfolg gibt ihm recht.
Schießen ist Kopfsache - dieser Satz gehört im Biathlon zum Standardrepertoire. Aber es ist zuallererst solides Handwerk: Präzision, Geschwindigkeit, Rhythmus. Selbst Wunderläufer Björndalen hat mit eigenem Schießtrainer seine Defizite aufarbeiten müssen, um ganz oben zu bleiben. Umso mehr wundert man sich, welche Ignoranz dem Handwerkszeug in der Öffentlichkeit entgegengebracht wird.
Nachts muss das gute Stück angekettet werden
Ihre Ski halten die Biathleten hinterher demonstrativ in die Kamera, loben die Techniker, weil die mal wieder die berühmte „Rakete“ unter die Füße gezaubert haben. Profis wissen, was sie ihrem Ausrüster schuldig sind. Dennoch: Die 20 bis 30 Paar Ski, mit denen jeder Biathlet im Weltcup unterwegs ist, sind schlichtweg Material, je nach Verhältnissen austauschbar. Das Gewehr dagegen ist ein Unikat mit nahezu persönlichem Status.
Vor allem bei den Herren klingt es beinahe zärtlich, wenn sie über ihre Waffe reden. Was sie nur tun, wenn man sie ausdrücklich fragt. Dann spricht Olympiasieger Michael Greis schon mal - ein wenig verlegen zwar - von „meinem Baby“, und Björndalen nennt es „einen schönen Freund, mit dem ich viel Zeit verbringe“. Dieses Dreieinhalb-Kilo-Baby mit Kaliber 5,6 Millimeter kann tödlich sein. Deswegen gibt es strenge Sicherheitsbestimmungen. Der kleine Waffenschein und der europäische Feuerwaffenpass sind Pflicht, auf Reisen müssen die Waffenkästen im Hotel angekettet werden - oder sie verschwinden nachts in Waffenkammern.
„Mein Nachbar, der Willi, ist nämlich Tischler“
Biathlon-Gewehre sind wie Maßanzüge, sie sind ihrem Besitzer oft millimetergenau auf den Leib geschneidert, Haute Couture aus Holz. „Gewehrsystem schießt, Schaft trifft“, lautet die Formel. Björndalen vertraut bei der Maßarbeit den handwerklichen Fähigkeiten eines 65 Jahre alten norwegischen Spezialisten, der Österreicher Christoph Sumann reicht seinen „Henrystutzen“, wie er sein Gewehr im Scherz schon mal nennt, einfach über den Gartenzaun. „Mein Nachbar, der Willi, ist nämlich Tischler.“
Und die durchorganisierten Deutschen wenden sich vertrauensvoll an „den Mann mit den goldenen Händen“, wie ihn Bundestrainer Frank Ullrich nennt: Sandro Brislinger, 34 Jahre alt, gelernter Büchsenmacher und Waffentechniker in der Oberhofer Sportfördergruppe der Bundeswehr. Alles, was die deutschen Skijäger am Schießstand in die Hände nehmen, ist vorher durch die von Brislinger gegangen.
„Sibirien“ als Kältekammer in der Lüneburger Heide
Der Mann weiß eine Menge über die beiden im Biathlon verwendeten Gewehrsysteme von Anschütz und Baikal, kennt sich bestens aus mit Munition von Dynamit Nobel, Fiocchi oder Lapua, testet sie bei minus 22 Grad in „Sibirien“, wie die Kältekammer in der Lüneburger Heide scherzhaft genannt wird, und bastelt den deutschen Skijägern in monatelanger Handarbeit Gewehrschäfte aus Nussbaum-Kernholz, zehn Jahre lang abgelagert, das Stück zu 200 Euro.
Wenn sie die Arbeitszeit von Brislinger bezahlen müssten, dann würde das Gewehr am Ende 10.000 bis 12.000 Euro kosten. So gesehen, sind rund 3000 Euro pro Waffe günstig. Das gilt auch für die Munition. Es gibt schnelle, langsame, kälteempfindliche - eine Wissenschaft für sich. Zwischen 15 und 16 Euro kostet die Packung Wettkampfmunition à 50 Schuss. Wenn man bedenkt, dass ein Biathlet im Jahr 12.000 bis 15.000 Mal den Finger krumm macht, kommen schon mal 4000 bis zu 5000 Euro zusammen.
„Ihre Waffen liegen nur 50 Gramm über dem Limit“
Zum Glück sind alle A-Kader-Athleten bei einer Bundesbehörde - die übernimmt die Kosten. Die Deutschen gehören damit zu den Privilegierten. „Bei uns wird auch im Training mit Wettkampfmunition geschossen“, sagt Brislinger. Ein Wettbewerbsvorteil gegenüber ärmeren Nationen, die zur deutlich billigeren Trainingsmunition greifen müssen - mit anderen Eigenschaften. Es ist eine Materialschlacht im Verborgenen, weil Biathlon-Gewehre für den großen Feuerwaffen-Markt uninteressant sind.
Perfektionisten wie Greis oder Björndalen sind die Kreativen, die Tüftler, die Trendsetter im Biathlon-Zirkus. Experimentierfreudig, ständig auf der Suche nach Innovationen - Irrwege inbegriffen. Der Trend zum zulässigen Mindestgewicht ist jedenfalls gestoppt. Hungermodelle mit maximal ausgesägtem Schaft-Torso haben sich als zu leicht erwiesen. „3,5 Kilo sind zu instabil im Anschlag“, sagt der Österreicher Sumann. Eine Erfahrung, die fast alle gemacht haben. Es sei denn, man gehört - wie Andrea Henkel oder Martina Beck - zu den Leichtgewichten, die nicht mal einen Zentner auf die Waage bringen: „Ihre Waffen liegen nur 50 Gramm über dem Limit“, sagt Brislinger. Die Weltelite hat sich so zwischen 3,8 und 4,1 Kilo eingependelt.
Gewehre sind - emotional betrachtet - Männersache
Das Gewehr ist nicht nur die lukrativste Werbefläche des Biathleten - 60.000 bis 80.000 Euro ist so ein Sponsoren-Logo am Schaft wert -, es bietet auch Platz für die persönliche Note. Früher waren die Schäfte naturbelassen, seit einigen Jahren schillern sie in allen möglichen Farben. Björndalen hat es mit Orange-Blau versucht und ist mittlerweile bei Einheits-Schwarz gelandet, Michael Rösch mag es rot-weiß, Toni Lang giftgrün - ganz zufällig jeweils die Sponsor-Farben, Andreas Birnbacher steht auf Schwarz-Rot-Gold.
Nahezu intim wird es auf der Augenklappe. Wenn die Kamera am Schießstand von der Seite heranzoomt, blickt der Fernsehzuschauer Björndalen tief ins eigene Auge - das Werk eines Südtiroler Künstlers. Auch die Frauen, ansonsten geradezu Gewehr-Modemuffel, haben die Augenklappe als kreative Zone entdeckt. Die Schwedin Anna Carin Olofsson etwa präsentiert das lachende Kindergesicht von Sohn Liam. Trotzdem: Gewehre sind - emotional betrachtet - Männersache. „Die behalten das Gewehr auch nach der Karriere“, sagt Brislinger: „Frauen nicht.“ Was nicht heißt, dass sie schlechter schießen.
Aber wer kann seinem Baby schon böse sein?
Natürlich hat so ein Gewehr auch mal Aussetzer: Wobei den berühmten Patronenklemmern meistens menschliche Unzulänglichkeiten vorausgehen: zu hastiges Repetieren oder Verschmutzung - nicht jeder nimmt es mit der Babypflege so genau. Aber wer kann seinem Baby schon böse sein? Außer vielleicht, wenn Materialermüdung den Schlagbolzen brechen lässt - ein neuralgischer Punkt.
Katja Beer hat so 2002 ihre Olympiateilnahme verpasst, die russische Damenstaffel vermutlich den WM-Titel 2008. Was fast zum Politikum wurde. Albina Achatowa, wie ihre damalige Staffelkollegin Ekaterina Jurjewa inzwischen als Doping-Sünderin entlarvt (siehe auch: Biathlon-Doping: „War das alles, oder nur die Spitze des Eisbergs?“), brach damals in Östersund der Schlagbolzen - ihres deutschen Fabrikats, das alle Russen bevorzugen. Prompt vermutete man in Russland ein Komplott. Weil die deutsche Staffel gewann. Deren Schlussläuferin - Kati Wilhelm - schwört übrigens auf ein russisches Modell.