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WM-Stadien in Südafrika Kelch und Kalebasse

04.06.2010 ·  Sieben der zehn WM-Stadien wurden für das Fußballturnier umgebaut oder erweitert und auf Fifa-Standard gebracht. Drei sind komplette Neubauten und verdanken ihr Erscheinungsbild einem erprobten deutschen Planer-Duo. Gezeigt wird Technik vom Feinsten.

Von Georg Küffner
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Wegen seiner wirren Korbhülle nennen die Chinesen es das Vogelnest. Riesig, beeindruckend hebt sich die Silhouette des Nationalstadions gegen den Himmel der chinesischen Hauptstadt ab. Die Sportenthusiasten haben den von den Schweizer Stararchitekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron konzipierten Bau noch vor ihrem geistigen Auge, wenn sie an die Olympischen Spiele in Peking denken, aber scharf kalkulierende Betriebswirte und nüchtern denkende Ingenieure blicken eher skeptisch auf diesen Monumentalbau.

Denn seit die letzten Olympioniken das 330 Meter lange, 220 Meter breite und 69 Meter aufragende Oval verlassen haben, ist es den Betreibern nur ansatzweise gelungen, für den Prachtbau lukrative Wettkämpfe zu akquirieren. Auch der Besucherstrom an Tagestouristen, die für umgerechnet fünf Euro eine Besichtigungstour durch die Innereien des Vogelnests buchen, ist nach anfänglicher Euphorie auf 2000 Personen je Tag drastisch geschrumpft, so dass wohl keine Chance besteht, die auf dem gigantischen Oval lastenden Schulden von 350 Millionen Euro (plus jährlicher Instandhaltungskosten von gut sieben Millionen Euro) wie geplant in 30 Jahren einzuspielen.

So weit die Kostenrechnung. Und was sagen die Ingenieure? Der bei den Stuttgarter Tragwerksplanern „schlaich bergermann und partner“ (sbp) für die Stadien zuständige Partner Knut Göppert, hält mit seiner Kritik nicht hinterm Berg und wird grundsätzlich: Er beklagt, dass man in jüngster Zeit vermehrt in „unnütze“ Grenzbereiche vordringe, und führt dazu ein Beispiel aus dem artverwandten Brückenbau an. So würde etwa das Tragvermögen der stählernen Halteseile der geplanten, komplett durchgerechneten Hängebrücke über die Straße von Messina durch ihr Eigengewicht und die Last der angehängten Fahrbahn bereits zu 85 Prozent aufgezehrt, so dass für den eigentlichen Zweck des Baus, nämlich Fahrzeuge zu tragen, nur noch ein kleiner Anteil übrig bleibe.

Konstruktion des Vogelnests

Ähnlich „verschwenderisch“ sei man bei der Konstruktion des Vogelnests vorgegangen, was aus Sicht des Planers Göppert der vollkommen falsche Weg ist. Er nennt als positives Beispiel das von ihm und seinen sbp-Kollegen anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland vor vier Jahren über das Berliner Olympiastadion gespannte, 30 Meter auskragende Membrandach, dessen Eigengewicht nur schlappe 25 Prozent der Gesamtlast ausmache. Völlig anders sieht das beim Pekinger Vogelnest aus, das 45 000 Tonnen Stahl verschlungen hat: 95 Prozent des Materials werden allein dafür benötigt, sich selbst zu tragen. Göppert: „Das gewählte Konzept ist für ein Bauwerk dieser Größe wenig geeignet - der Maßstab stimmt einfach nicht.“

Dieses Urteil steht für eine völlig andere Herangehensweise an den Bau von Stadien, (Messe-)Hallen und Flughafenterminals, die sbp seit Jahren erfolgreich im Tandem mit den Hamburger Architekten von Gerkan, Marg und Partner (gmp) praktiziert: Ihnen geht es um den effizienten Einsatz der Materialien. Der Kraftfluss, der sich durch ihre Bauwerke schlängelt, soll ablesbar sein. Entsprechend leicht und transparent fallen ihre Gebäude aus. Nach ihrer Auffassung muss die Konstruktion vom staunenden Betrachter nachvollzogen oder zumindest erkannt werden können; dieser Herausforderung müssen sich die Fußballfans in den südafrikanischen Stadien in den kommenden Wochen stellen.

Drei Stadien sind komplette Neubauten

Sieben der zehn WM-Stadien wurden für das Fußballturnier umgebaut oder erweitert und auf Fifa-Standard gebracht. Drei sind komplette Neubauten und verdanken ihr Erscheinungsbild dem erprobten deutschen Planer-Duo, während beim größten, dem Soccer City Stadium in Johannesburg, die Stuttgarter Planer mit den südafrikanischen Architekten Boogertman + Partner gemeinsame Sache gemacht haben.

Herausgekommen ist für die 90 000 Plätze fassende Zentralarena daher das wohl afrikanischste alle Stadien, stand bei der Form doch die aus getrockneten Flaschenkürbissen hergestellte Kalebasse Pate. Die wurde dem 1987 erbauten ersten nationalen Fußballstadion des Landes übergestülpt, das man gründlich und damit teuer ertüchtigt hat. Ein kompletter Neubau schied aus, da Nelson Mandela im Soccer City Stadium seine erste große Ansprache nach seiner Freilassung gehalten hatte. Die neue Dachkonstruktion musste daher in den „Bestand“ hineingeplant werden. Das hat man mit Hilfe von einige Meter weit auseinanderstehenden, steil aufragenden Wandscheiben gelöst, auf denen das Tragwerk aufsitzt. Ein über den Pfeilern die Arena umlaufender, dreieckiger Tragring übernimmt die Funktion einer Wirbelsäule, während die nach außen und in Richtung Spielfeld sich vorwagenden Trägerkonstruktionen wie Rippen wirken.

Verdankt seine Wirkung auch seiner Farbigkeit

Das auf einem ehemaligen Goldminengelände und neben Abraumhalden liegende Stadion verdankt seine Wirkung auch seiner Farbigkeit. Dafür sorgen sehr dünne, faserarmierte rote und ockerfarbene, Betonplatten, die als Außenhaut fungieren. Nach oben und zur Stadionmitte hin hat man dagegen transluzente und transparente Materialien gewählt, wobei das Dach den unteren Rang nicht schützt. Dazu wäre eine Spannweite notwendig gewesen, die sowohl die Formgrenzen der Kalebasse als auch die des Budgets gesprengt hätte.

Diese Zwänge gab es in Durban, wo wohl der schönste der drei Neubauten entstand, nicht. Hier war es erklärter Wille der städtischen Bauherren, für ihre zögerlich prosperierende Hafenstadt ein Erkennungszeichen, möglichst von der Wucht einer Elbphilharmonie oder einer Golden Gate Bridge, hingestellt zu bekommen. Und die hat das neue Moses-Mabhida-Stadium zweifelsfrei, hat man hier doch das für die Statik von Stadiondächern gern genutzte Speichenrad mit außenliegendem Druck- und einem inneren Zugring zur „Zwei-Bogen-Lösung“ weiterentwickelt: Wie bei einer Bogenbrücke werden die (Dach-)Lasten von einem vertikalen Bogen gehalten, der sich nach Westen und damit zum Stadtzentrum hin aufspaltet, wobei als „Widerlager“ für die „Hängeseile“ ein das Stadion umfassender horizontaler Ringbogen fungiert. Doch der Clou der Konstruktion ist das auf halber Höhe die „Hängeseile“ einschnürende Zug-Ringseil, das die Membran-Dacheindeckung nach oben hin begrenzt. Dadurch wird es möglich, dass beide Linien, der Seilzugring und der liegende (Druck-) Bogen den Tribünenkanten folgen, ohne zueinander affin sein zu müssen.

Das Wahrzeichen von Durban

Für das Herstellen des 104 Meter aufragenden Bogens hat man die aus dem Brückenbau bekannte Freivorbaumethode genutzt. Stück für Stück wurde mit eigens nach Südafrika verfrachteten Groß-Kränen in luftiger Höhe der Träger angestückelt und durch Hilfsstützen und Seile gesichert, wobei man streng darauf achtete, dass aufkommender Starkwind dem noch offenen Bogen nicht gefährlich werden konnte.

Heute ist das Stadion das Wahrzeichen von Durban, dessen Stadtverwaltung von Beginn an von ihrer „fleischfressenden Blume“ so begeistert war, dass sie sich eine Aussichtsplattform oben auf dem Stadionbogen wünschte - und bekam. Eine Standseilbahn für zehn Personen fährt diesen Punkt an, von dem aus man die Stadt überblicken kann. Möglich ist außerdem, den Bogen auf der gegenüberliegenden Seite in Bergsteigermanier zu erklimmen, entsprechend gesichert und unter Anleitung erfahrener Kletterer.

Vor gänzlich anderen Herausforderungen standen Architekten und Ingenieure beim Entwurf des Stadions in Kapstadt, das, lange bevor der erste Bagger anrollte, Ärger unter der weißen Bevölkerung hervorrief. Es wurde in der Lokalpresse als „schreckliches Furunkel“ gebrandmarkt, aber den Kritikern dürfte ihre damalige Meinung längst peinlich sein, denn das Green Point Stadion ist die wohl eleganteste unter den südafrikanischen Sportarenen geworden. Herausgekommen ist ein imposanter, kelchartiger Bau, dessen leicht geschwungene Dachlinie sich optimal an die horizontale Silhouette des Tafelbergs und an die des benachbarten Signal Hill anpasst. Die transparente Membranhaut sorgt dafür, dass das Stadion zu jeder Tageszeit die Farbigkeit der Umgebung aufnimmt, nachts sieht es (von innen beleuchtet) wie ein gerade gelandetes riesiges Ufo aus.

Stützenlos ragt das Dach von der „verbogenen“ Felge nach vorn

Das geschwungene Dach ist kein Zufallsprodukt. Vielmehr hat man dem äußeren (Druck-)Ring gerade die Wellenform gegeben, dass die nach unten angrenzenden Tribünenplätze stets den gleichen Abstand zur gegenüberliegenden Eckfahne haben. Stützenlos ragt das Dach von der „verbogenen“ Felge nach vorn und wird von der vergleichsweise großen Last der Glaseindeckung (TVG) auch bei aufsteigenden Winden niedergehalten. Die Montage lief ab wie bei allen Speichenrad-Dächern: An den Außenring hat man das Spinnennetz mit dem inneren Zugring der Dachkonstruktion angehängt und anschließend das Ganze mit starken Pressen in die Endposition gehoben.

Bleibt noch das Stadion der Autostadt Port Elizabeth: Hier galt es, mit kleinem Budget ein Stadion zu bauen, das die Zuschauer gegen die vom Indischen Ozean her wehenden Winde schützen, aber „nicht billig“ aussehen soll. Da unklar war, wie lange das Geld reichen würde, hat man sich für ein Modulkonzept entschieden, das aus sich über die Tribünenränge stülpenden „Bananenblättern“ besteht. Die Haut der Blätter besteht abwechselnd aus einer transluzenten Folie und Aluminiumblech. Aufgelegt ist sie auf auskragenden Fachwerkträgern (Dreigurtbindern), die in Einzelstücken auf die Baustelle geschafft und hier verschraubt wurden. Aller Stahl musste extrem gut gegen Korrosion geschützt werden, gilt doch Port Elizabeth als der Ort weltweit mit dem höchsten normativ erfassten Rostfraß. Die Ursache sind eine übers Jahr hohe Luftfeuchtigkeit, verbunden mit dem hohen Salzgehalt aus der ufernahen Gischt: 0,1 bis 0,3 Millimeter beträgt die „Stahlabtragungsrate“, wenn das Material nicht ordentlich beschichtet wird.

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Jahrgang 1947, Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

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