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WM-Kommentar Triumph der Technikfeinde

29.06.2010 ·  Die Fifa wehrt sich gegen technische Hilfsmittel. Doch der Fußball hat Besseres verdient, als sich durch Fehlentscheidungen interessant zu machen. Es reicht - nicht erst seit Lampards Tor gegen Deutschland, das nicht gegeben wurde.

Von Michael Horeni
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Bevor Sie die neueste Pressemitteilung der Fifa zur Hand nehmen und zustimmend nicken über die klugen Ausführungen der Regelhüter, erst einmal ein Vorschlag zur Güte: Jede Mannschaft erhält bei der Weltmeisterschaft und bei den Qualifikationsspielen bei entscheidenden Situationen ein Vetorecht, falls sie das Gefühl beschleichen sollte, Opfer einer krassen Fehlentscheidung geworden zu sein: bei Tor, Elfmeter und Platzverweis. Dann spricht der Videorichter sein Urteil in einem Stadion, das bei Weltmeisterschaften bis unters Dach vollgepackt ist mit aufwendigster Übertragungstechnik. Bestätigt sich der Verdacht der klageführenden Mannschaft, dann bleibt das Vetorecht erhalten, sonst ist es aufgebraucht.

Bevor Sie diesen Vorschlag nun gefühlsmäßig verwerfen, weil Sie finden, dass Fehlentscheidungen schöne Fußballspiele doch gar nicht versalzen, sondern erst das Salz in der Suppe sind, weil man über Wembley auch ein halbes Jahrhundert später noch redet, können Sie sich Unterstützung bei der Fifa holen.

Aber vorher noch eines: Über das Wunder von Bern, das ohne massive Fehlentscheidungen auskam, redet man auch heute noch ganz gern, und auch der Klassiker gegen England in Bloemfontein wäre mit dem Ausgleich von Lampard zu einem legendären Fußballspiel geworden – und hätte keinen Schatten auf eine grandiose Begegnung geworfen, der die Niederlage bitter macht und den Sieg Süße kostet.

Henry, Wembley II, Tevez' Abseits - es reicht!

Der Fußball hat Besseres verdient, als sich durch Fehlentscheidungen interessant zu machen. „Bezüglich der Torlinien-Technologie stimmt die Haltung der Fifa mit der Entscheidung der International Football Association Board vom März überein“, ließ der Verband am Sonntag umgehend und stoisch ausrichten, während die Fußballwelt die Hände über dem Kopf zusammenschlägt über absurde Entscheidungen, die das sportliche Gerechtigkeitsgefühl elementar auf die Probe stellen. Die Einführung technischer Hilfsmittel, so die Fifa weiter, stehe nicht zur Debatte.

Es reicht, nicht erst seit gestern: Erst das Handtor von Henry, das Frankreich zur WM brachte, wo weiterer moralischer Schaden angerichtet wurde; am Sonntagmittag dann Wembley II in Bloemfontein; und am Abend – als Höhepunkt der Ignoranz der Fifa – die Verleugnung des Videobeweises beim 1:0 für Argentinien, die den verblüfften Zuschauern, den verzweifelten Mexikanern und dem bedauernswerten Schiedsrichtergespann im Stadion gleich mitgeliefert wurde.

Der Linienrichter, der die Abseitsposition von Tevez übersehen hatte, sah Sekunden später den Tatsachen ins Auge. Aber weil es solche Bilder für die Fifa bei einer spontanen Entscheidung nicht geben darf, glaubte der Assistent, so tun zu müssen, als hätte er nicht gesehen, was er und auch alle anderen auf der Videowand erkannten.

Das Dogma der Unfehlbarkeit verleitete die Schiedsrichter dazu, die Realität, die sie erkannten, zu verleugnen. Sie bestraften lieber die Mexikaner, als sich selbst dem Zorn der Regelhüter auf dem Zürcher Sonnenberg auszusetzen. Wenn das Wort Skandal nicht so abgenutzt wäre, würde man es hier gerne verwenden. Denn wer, wie die Fifa, mit seinem Rigorismus die Schiedsrichter in eine solche den Sport diskreditierende Notlage bringt, hat neben dem technischen auch das moralische Argument verloren.

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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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