28.06.2010 · Die Halbzeitbilanz der Fifa ist irritierend positiv. Dabei würde eine realistische Bewertung Südafrika nicht schaden. Die Fifa tut sich mit ihrer Schönfärberei keinen Gefallen.
Von Roland ZornJérôme Valcke, der Generalsekretär des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa), hat schon mal auf Vorschuss allerhöchstes Lob spendiert. „Wenn wir am 11. Juli – dem Endspieltag – auf dem gleichen Niveau sind wie heute, würde ich sagen: Es war eine perfekte Weltmeisterschaft.“ Das mag so sein, wenn man einmal alles ausklammert, was an der WM in Südafrika bisher nicht perfekt anmutete: die Leerstellen in den teils altertümlichen Stadien, den Zoff zwischen Sicherheitsdiensten und Polizei zum Schutz der Arenen und ihrer Besucher, die kleineren bis mittelgroßen organisatorischen Mängel.
Damit kann der Besucher dieser ersten WM auf afrikanischem Boden deshalb sehr gut leben, weil sich bei Pannen immer ein notfalls improvisierter Ausweg findet und weil die Gastfreundschaft der Südafrikaner alles überstrahlt. Da zudem das Wichtigste stimmt, die Spiele also für ein Milliardenpublikum vor den Fernsehschirmen pünktlich beginnen und störungsfrei zu Ende gehen, passt das Weltbild.
Warum also noch kleinlich klagen? Die Fifa, die schon bei Halbzeit der Weltmeisterschaft so tat, als wäre dies die makellose WM der Superlative, tut sich indes mit der ohne Not auf die Spitze getriebenen Schönfärberei ihres größten Ereignisses keinen Gefallen. Wie Valcke davon zu reden, dass dieses Land in Zukunft jederzeit als Ersatzausrichter einer WM zur Stelle sein könne, ist ein schlechter Witz. Oder hätte der Fußball-Weltverband noch einmal ein paar hundert Millionen Dollar übrig, um Südafrika als künftigem Patentinhaber des „Plans B“ finanziell beizuspringen?
Mut zur Bescheidenheit
Dass die WM am Kap auch eine besonders schwere Geburt war, wissen alle, die das Megaunternehmen auf den Weg gebracht haben. Dass die Fifa zum Ende Karten verramschen musste, auf ihren VIP-Paketen großenteils sitzenblieb, ist kein Geheimnis. Wenn von 97 Prozent Stadienauslastung geredet wird und der Blick bei den WM-Begegnungen auf publikumsfreie Zonen fällt, mag der Beobachter nicht mehr an das Gesetz der großen Zahl glauben. Ähnlich verhält es sich mit den WM-Besuchern, die einmal auf 200.000 gesunken schienen, mittlerweile aber in solchen Strömen nach Südafrika reisen sollen, dass Kennziffern von weit über 300.000 im Umlauf sind. Wer soll das verifizieren?
Mit etwas mehr Mut zur Bescheidenheit, die den großen Sportorganisationen mit dem Internationalen Olympischen Komitee vornweg und der Fifa gleich dahinter traditionell schwerfällt, hätte man auch einmal differenzierter als Valcke loben können. Schließlich ist diese WM in Südafrika ganz sicher ein Gewinn – für das Land, seine Menschen und ganz Afrika, das mit Ghana, seinem sportlichen Repräsentanten im Viertelfinale, fiebert. Als Gastgeber sind die Südafrikaner perfekt, als WM-Organisatoren sind sie noch nicht so ganz auf der Höhe von Deutschland 2006. Das ist die Halbzeit-Wirklichkeit der Weltmeisterschaft 2010. Sie schadet Südafrika nicht im Geringsten.