07.07.2010 · Holland ist die kleinste Großmacht des Weltfußballs - nun steht sie zum drittenmal im WM-Finale. Zu verdanken hat sie es Trainer Bert van Marwijk, jenem ruhigen, konsequenten Arbeiter, der die Arroganz aus dem niederländischen Spiel erfolgreich verbannt hat.
Von Christian EichlerDie Menschen rufen „driemaal is scheepsrecht“, schreiben die Zeitungen nun in der kleinsten Großmacht des Weltfußballs. 1974 und 1978 erreichten und verloren die Niederländer das WM-Finale. Und 2010? Der Deutsche sagt dann: Aller guten Dinge sind drei. Und der Holländer zeigt seine Nähe zum Wasser: Dreimal ist des Schiffers Recht. Warum? Drei Mahlzeiten hat der Schiffer an seine Leute auszugeben. Drei Schläge mit dem Grützlöffel gelten als Strafe. Und dreimal ruft man „Hurra“, wenn die Leiche mit den Worten „een, twee, drie in Gods naam“ über Bord geworfen wurde.
Über Bord geworfen haben die Holländer in Südafrika etwas anderes: den „totaal voetbal“, das legendäre Schönheitsideal ihres Fußballs der 70er Jahre. Es war allen Nachfolgern von Cruyff & Co. ständig als Maßstab vorgehalten worden. Von der Idee dieses Fußballs ist Hollands Spiel bis heute geprägt, oft auch blockiert worden. Nun ist man endlich locker genug, auch andere Einflüsse zuzulassen, etwa den sachlicheren deutschen Stil, der durch Spieler wie Bayern-Kapitän Mark van Bommel auf Oranje abgefärbt hat.
Noch wichtiger ist der Trainer, Bert van Marwijk, mit dessen Benennung man sich 2008 in Holland von der fixen Idee verabschiedete, dass man unbedingt einen ehemaligen Weltstar (wie Rijkaard oder van Basten) oder einen ehemaligen Weltklub-Trainer (wie Beenhakker, Hiddink, van Gaal) als „Bondscoach“ brauche. Mit dem ruhigen, konsequenten Arbeiter aus Rotterdam kam der Schweiß harter Arbeit und schwand der Hauch von Genius und Größenwahn, der seit Cruyff stets um das Nationalteam geweht hatte, dieser ewige Ausdruck dessen, was sie in Holland stolz als „Arroganz“ preisen – die Ausstrahlung, dass nur ihre Art, Fußball zu spielen, den Titel des Weltbesten verdient hätte (und ihn dann nie gewann).
Van Marwijk bekam auch die Bereitschaft zum spaltenden Streit in den Griff, der bei vielen Turnieren ein verlässlicher Begleiter des Oranje-Teams war. „Bei uns muss jede Entscheidung erst in Frage gestellt werden“, sagte der Weltmann Hiddink einmal über die Trainererfahrung in seinem Heimatland. Dabei gab es zwischenzeitlich, vor allem in den 90er Jahren, einen Graben zwischen einigen dunkelhäutigen Spielern, die ihre Wurzeln in früheren Kolonien wie Surinam oder Guayana hatten, und einigen Weißen im Team – was etwa bei der EM 1996 das Team jede Titelchance kostete.
Streit? Nicht jetzt, bitte
Ironischerweise ist es so, dass ausgerechnet die Niederlande, die als eines der ersten Länder Europas tropisches Talent konsequent in ihre Ausbildung und ihr Auswahlteam integrierten, nun vielleicht mit einer fast ausschließlich weißen Elf Weltmeister werden. Das ist natürlich ein Zufall und fern jeden Verdachts von Rassismus. Aber es fällt aber gerade bei einer WM in Südafrika sonderbar auf – dem Land der Buren, der holländischen Siedler, und der Apartheid, die erst vor knapp zwanzig Jahren abgeschafft wurde.
Nie hat sich ein Oranje-Team so vertragen wie dieses. Es wirkt zwar nicht so, als sei kein Streitpotential mehr vorhanden, speziell zwischen eitlen, einander nicht gewogenen Offensivstars wie Sneijder oder van Persie. Aber sie betreiben nun eher eine praktische Fortentwicklung der berühmten niederländischen Streitkultur, nach dem Motto: Nicht jetzt, bitte. Wenn wir Weltmeister sind, können wir uns immer noch streiten.
Den Holländern alles Gute zum Finale!
James Cook (JCook)
- 08.07.2010, 13:21 Uhr