07.07.2010 · Heute steigt das Spiel zweier Mannschaften, die auf die Schönheit des Fußballs setzen. Gerade in Spanien lobt man das junge deutsche Team und sagt, es spiele „spanisch“ - das größte Kompliment.
Von Paul Ingendaay, MadridAls wir nach dem Argentinien-Spiel den lapidaren Kommentar aufschnappten, Deutschland müsse Kevin-Prince Boateng dankbar dafür sein, dass er mit seinem rüden Tritt am 15. Mai gegen Michael Ballack das Chefproblem in der deutschen Nationalmannschaft gelöst habe, schien eine neue Stufe im Nachdenken über die große Rätselfrage erreicht: Was ist ein gutes Fußballkollektiv, und mit welchen Spielern funktioniert es? Vor dem Halbfinale Deutschland gegen Spanien steht zumindest fest, dass die Weltmeisterschaft von Südafrika ein großes Elefantensterben bewirkt hat: Die Megastars versagen im Nationaltrikot, weil sie in einer schlecht konstruierten Mannschaft stehen und nicht wissen, was sie dort sollen. Von den zehn bestplazierten Spielern der Abstimmung um den „Goldenen Ball“ 2009 sind nur noch die beiden Spanier Xavi und Iniesta bei der Weltmeisterschaft dabei. Die anderen, von Messi über Ronaldo und Rooney bis zu Kaká und Ribéry, sind längst wieder zu Hause, und oft lagen dem Scheitern fatale Fehleinschätzungen ihrer Trainer zugrunde.
Die Fernsehkameras haben uns die brutale Entzauberung der höchstdotierten Spieler des Planeten aus nächster Nähe gezeigt: einen bemitleidenswerten Leo Messi, dem der pathetische Showmann und miserable Stratege Maradona die Verantwortung für den Ruhm des argentinischen Vaterlandes aufbürdete; die formschwachen Rooney und Kaká, die ihren Trainern jeweils als Fetisch dienten; und den Egospieler Ronaldo, der vor allem auf seine private Torschützenliste zu spekulieren schien. Mit Deutschland und Spanien, deren Aufeinandertreffen als vorgezogenes Endspiel gilt, haben sich zwei Mannschaften behauptet, deren Erfolg auf einer phänomenalen Kollektivleistung ohne jegliches Stargetue beruht.
Dass die Stiefel des disziplinierten Mannschaftsspielers Bastian Schweinsteiger obendrein das schönste Solo des Turniers hervorbrachten, klingt nach Ironie, ist es aber nicht. Inspirierte Zusammenarbeit ist gefragt, etwa so wie beim hart erkämpften Sieg der Spanier im Viertelfinale gegen Paraguay, als der Europameister mit sechs Pässen in einundzwanzig Sekunden das Mittelfeld diagonal durchschnitt und Torjäger Villa das Siegtor ermöglichte.
Separatismus in Fußballspanien
Spanische Fußballbegeisterung, soziologisch gesehen, ging früher so: Ein Großteil des Landes stand hinter einer meist interessanten, am Ende aber wenig wettbewerbstauglichen Nationalmannschaft, und gelegentlich war vom baskischen oder katalanischen Rand auch noch Nölen zu vernehmen. Die nationale Auswahl, so hieß es, repräsentiere nicht alle, die in den spanischen Staatsgrenzen lebten. Mit der spanischen Fahne kann man sich in manchen Landesteilen ohnehin nicht so gut sehen lassen. Katalonien etwa hat eine eigene, von Johan Cruyff trainierte Auswahlmannschaft, die von der Fifa nicht anerkannt wird und deshalb nur nichtoffizielle Partien bestreiten darf. Und bis heute nimmt der nordspanische Traditionsklub Athletic Bilbao mit einer politischen Souveränitätsgeste, die in Europa wohl einzigartig ist, ausschließlich Spieler in seinen Kader, die aus dem Baskenland oder Navarra stammen.
Wenn Spanien also bei Welt- oder Europameisterschaften aus dem Turnier flog, wie es im Allgemeinen vor dem Halbfinale der Fall war, gab es einige im Land, die sich die Hände rieben. Die Fans dagegen rollten die Fahnen ein, sagten sich zum zwanzigsten Mal: Wir sind eben nicht gut genug, und gingen nach Hause.
Die Distanz zur Nationalmannschaft fällt leichter, solange sie keine Erfolge einfährt. Mit dem Gewinn der Europameisterschaft 2008 hatte das Gerede vom Talent, das fruchtlos blieb, und der „technischen Überlegenheit“, die keine Pokale einbrachte, ein Ende. Auch die Dissidenten sind wahrnehmbar leiser geworden. Auf der Grundlage des damaligen 1:0-Sieges gegen Deutschland im Finale von Wien entstand neben der Identität einer erstmals selbstbewussten, nichtviktimistischen Anhängerschaft der neue Diskurs des bezwingenden Kurzpassspiels, dessen oberste Maxime Ballbesitz lautet.
Ohne Tore keine Schönheit
Dahinter steht, wie beim Kunstwerk, das Ziel, ästhetische Schönheit zu schaffen. Plötzlich wurde die physische Unterlegenheit kleiner Spieler zum Vorteil, denn die Wendigkeit erleichtert das Kombinieren in Strafraumnähe. In Zitterspielen wird zwar gelegentlich noch die Brechstange hervorgeholt, aber nur als Notbehelf, gewissermaßen widerwilliges Anerkennen der Wirklichkeit. Selbst Träumer leugnen nicht mehr, dass Schönheit ohne Tore nicht existiert.
Inzwischen ist die durch einen einzigen Pokal installierte Fußballideologie durch alle Schichten gesickert. Zwei Jahre haben ausgereicht, Spaniens Fußball weltweit als stilbildend zu etablieren, und solange das Land so viel Talent besitzt, führt kein Weg zurück. Ein fabelhafter Mittelfeldmann wie Cesc Fabregàs sitzt auf der Bank? Das System erfordert es, und jeder muss sich unterordnen: „If it ain’t broke, don’t fix it.“ Die Sportseiten sprechen von Stil, System und „Lehrbuch“, als hätte es nie etwas anderes gegeben. „Sollten wir scheitern“, verkündete Mittelstürmer Fernando Torres nach dem verlorenen Auftaktspiel gegen die Schweiz, „sterben wir mit unseren Ideen.“ Gestorben wurde dann doch nicht, eher gezaudert, gezittert, getändelt und mit Glück gewonnen.
Der letzte verbleibende Streitpunkt ist, ob es sinnvoll ist, mit zwei Angreifern zu spielen. In manchen Partien wirkt das spanische 4-5-1-System bestrickend: fünf Mann im Mittelfeld mit besonderen Aufgabenschwerpunkten, die einen eher defensiv, die anderen offensiv ausgerichtet, obwohl im Prinzip jeder alles können muss. Und eine einzige echte Sturmspitze namens David Villa. Der spanische Fußball in seinen besten Momenten öffnet sich wie ein Fächer und kann sich genauso schnell wieder schließen.
Kennen Sie Schweinteger und Lanm?
Letztes Jahr druckte das hiesige Sportblatt „Marca“ die schematische Zeichnung ab, die sich der damalige Nationaltrainer Luis Aragonés vor dem Wiener Finale von der deutschen Aufstellung gemacht hatte. Dass unser Linksverteidiger „Lanm“ hieß und im Mittelfeld zwei Männer namens „Hitzslperger“ und „Schweinteger“ standen, ist vielleicht weniger kurios als der Umstand, dass nirgendwo auf dem Zettel der Name Ballack auftauchte. Das ließ tief blicken. Aragonés hatte ja vor der Europameisterschaft kurzerhand den spanischen Rekordtorschützen Raúl ausgemustert, also den Leitwolf durch das System ersetzt. Die Jüngeren fanden mehr Luft zum Atmen und statteten ihren Dank mit brillanten Siegen ab. Manche sehen in dieser damals sehr umstrittenen Entscheidung die Grundlage für den neuen spanischen Kollektivgeist. Deutschlands Weg in der Nach-Ballack-Ära könnte ähnlich verlaufen.
Liest man in diesen Tagen die spanische Sport- und Kulturpresse, ist bereits ein subtiler Prozess von Historisierung und Traditionszuschreibung zu erkennen. Manche Kommentatoren erwähnen mit unverhohlenem Stolz, das junge deutsche Team von Joachim Löw spiele „spanisch“. Zwar werden für Özil, Khedira, Podolski & Co. noch immer gern die Synonyme „germanisch“ und „teutonisch“ verwendet, doch das beruht auf Denkfaulheit. Der Migrationshintergrund der deutschen Mannschaft hat selbst das gern wiederholte Klischee von der körperlichen Überlegenheit aufgeweicht. Es trifft ja auch nicht zu. Durchmustert man die spanischen Reihen, entdeckt man mit Piqué, Busquets, Xabi Alonso, Sergio Ramos oder dem Ersatzstürmer Fernando Llorente äußerst robuste Kämpfer.
Ein heimlicher Sieger der restlichen WM-Spiele steht schon fest: Louis van Gaal. Die Weitsicht des Niederländers wird vom Turnierverlauf glänzend bestätigt. Als Trainer des FC Barcelona ließ er 2002 den grandiosen Andrés Iniesta debütieren und machte Xavi zum Stammspieler. Bei Ajax Amsterdam förderte er Wesley Sneijder, bei Bayern München entdeckte er Müller, reaktivierte Robben und stellte Schweinsteiger ins zentrale Mittelfeld. Es sind diese Spieler, die in Südafrika den Rhythmus bestimmen. Als Turnier der Ideen wird die Weltmeisterschaft noch einigen Stoff zum Nachdenken bieten.
Der Stoff den die Geschichte selbst schrieb...
Uwe Wagner (view)
- 07.07.2010, 13:14 Uhr
Nix Spanien
willi brock (wimpie11)
- 07.07.2010, 13:58 Uhr
Joachim Löw profitiert...
Martin Teichmann (TASH)
- 07.07.2010, 14:16 Uhr
Im Grunde nichts neues
Stefan Rubens (RubensStefan)
- 07.07.2010, 14:38 Uhr
Spanien bei den Hörner packen!
Thomas Meyer (meyertom)
- 07.07.2010, 16:42 Uhr
Paul Ingendaay Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.
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