30.05.2010 · Der Sieg gegen Ungarn kann der unerfahrenen deutschen WM-Reisegruppe Mut machen. Andere geben derzeit ein schwächeres Bild ab. Doch die Zeit bis zum ersten WM-Spiel gegen Australien ist knapp und Motivation ist auf dem Weg zum Erfolg nicht alles.
Von Michael AshelmDie Zeit ist gut für Talente aus deutschen Landen. Zumindest gilt das seit dem Wochenende für die Musik, wo nach Jahrzehnten des Misserfolgs hiesiger Interpreten Lena Meyer-Landrut, eine unbekümmerte, bis vor wenigen Monaten unbekannte Teenagerin aus Hannover, einen internationalen Lieder-Wettbewerb, den Eurovision Song Contest, im Sturm erobern konnte.
Im Fußball steht die Reifeprüfung auf höchstem internationalen Niveau noch bevor, weshalb in den nächsten beiden Wochen vor dem Start der Weltmeisterschaft in Südafrika nicht nur für den Bundestrainer jedes Indiz zählt, das darauf hinweist, dass sich die gewaltige Herausforderung für die bisher jüngste deutsche Turniermannschaft erfolgreich lösen lässt. So gesehen, kann der kurze Budapest-Abstecher des Nationalteams aus dem Trainingslager in Südtirol mit dem ungefährdeten 3:0-Sieg über die ungarische Auswahl Mut machen und für Auftrieb sorgen.
Denn nichts wäre für die auf vielen Positionen unerfahrene deutsche WM-Reisegruppe schlechter gewesen, als mitten in der sowieso schon sehr kurzen Findungsphase mit einer Enttäuschung konfrontiert zu werden. Diese hätte den Druck auf alle Beteiligten erhöht, zu unangenehmen Fragen geführt und damit Verunsicherung aufkommen lassen.
Nach dem positiven Zwischenergebnis vom Samstagabend kann sich der Bundestrainer in seinem Vorbereitungsprogramm bestätigt fühlen. Zugleich dürfte die Mannschaft den Glauben gewonnen haben, sich eher auf dem richtigen als dem falschen Weg zu befinden, zumal andere WM-Nationen wie etwa der Gruppengegner Serbien (Niederlage gegen Neuseeland) derzeit ein schwächeres Bild abgeben. Auch das kann gut sein für das eigene Ego. Der Erfahrungsgewinn prägt jede Vorbereitungsphase einer Mannschaft auf ein wichtiges Turnier. Im besten Fall resultiert daraus am Ende ein gesteigertes Maß an Selbstbewusstsein.
Die Zeit zum Üben ist knapp
Das gilt für die junge deutsche Auswahl ganz besonders. Mit Recht wies Bundestrainer Löw nach dem Ungarn-Test darauf hin, wie schwer vorhersehbar die Leistungskraft seiner Profis sei, wenn sie im Turnier Extremsituationen lösen müssen. Die Kernfrage lautet: Werden sich die Fähigkeiten der Talente unter allen Bedingungen entfalten können?
Abzüglich der Reisetage stehen neben dem letzten Test am Donnerstag in Frankfurt gegen Bosnien-Hercegovina nur noch sieben volle Trainingstage auf dem Plan, bis am Sonntag der übernächsten Woche mit dem Spiel gegen Australien in Durban die WM für die Deutschen beginnt. Bis dahin bleibt nicht mehr viel Zeit zum Üben, zumal erst an diesem Montag die bislang geschonten Führungskräfte vom Meister und Pokalsieger Bayern München - Lahm und Schweinsteiger sowie der Novize Müller - zum ersten Mal ins Mannschaftstraining integriert werden. Sie treffen immerhin auf Kollegen im Stimmungshoch. Ein gutes Gefühl und eine positive Ausstrahlung haben schon ihren Wert, da unterscheidet sich der Fußball nicht so sehr von der Musikbranche. Aber Motivation ist auf dem Weg zum Erfolg nicht alles.