18.06.2010 · Ein fußballerischer Gefängniswärter - das ist Helenio Herrera, der eigentliche Schirmherr der WM, der das Dichtmachen ins Perfide perfektioniert hat: Hinten dicht, und vorne wird vielleicht schon irgendetwas laufen.
Von Dirk SchümerDer Schirmherr dieser Fußballweltmeisterschaft heißt, das wissen wir jetzt, nicht Nelson Mandela, sondern Helenio Herrera. Mandela, das ist der Held der Öffnung und Befreiung. Herrera ist ein fußballerischer Gefängniswärter, der dem Spiel den Riegel vorgeschoben hat, die Kreativität in Ketten legte und das Dichtmachen zur Philosophie erklärte. Herreras Idee des „Catenaccio“ hat sich 2010 offenkundig weltumspannend durchgesetzt. Mit müden Augen schielen wir auf die Spielstände, aber wir wissen auch ohne die verschwommenen Zahlen, was die Stunde fast immer geschlagen hat: Null.
Helenio Herrera haben sich fast alle Trainer zum Vorbild genommen, weil dieser eine einfache statistische Berechnung anstellte. Im Fußball sind die humanen Ressourcen theoretisch gleich verteilt, doch die Chance, dass sich unter meinen elf eigenen Spielern mehr Genies befinden als Durchschnittskicker, ist unendlich gering. Also ersann der argentinische Sozialist und Anarchist das System, mit Kloppern, Grätschern und Verschleppern erfolgreicher zu sein als mit Balljongleuren und ballistischen Begabungen.
In der Defensivschule muss jeder Schuss ein Treffer sein
Im Italien der sechziger Jahre, als man in einem armen, kriegsbeschädigten Land mit wenig zufrieden war, perfektionierte Herrera als Trainer von Inter Mailand seinen Riegel ins Perfide. Einen Sieg, einen Titel nach dem anderen holten seine Mannschaften mit dem Lebensmotto: Hinten dicht, und vorne wird vielleicht schon irgendwas laufen. Schaut man sich die vielen Nullnulls und Einsnulls dieser Auftaktrunde an, begreift man, wie sehr die Enkel Herreras seine Defensivschule beherzigen. Auch dass das gewöhnlich attackierende Brasilien von einem Verteidiger trainiert wird, dass die spielfreudigen Afrikaner sich risikoscheue Schweden und Serben als Übungsleiter holten, verheißt für den Rest des Turniers nichts Gutes.
Hellenio Herrera hatte am Ende seiner Karriere übrigens so viel Geld verdient, dass er es sich leisten konnte, ein Anwesen in der einzigen Gegend Europas zu kaufen, in der es keine Fußballplätze gibt. Auf einer kleinen Insel der Lagune von Venedig widmete er sich als alter Mann der Jagd auf Wasservögel. Fast jeder Schuss ein Treffer. Er wird schon gewusst haben, warum.