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Diesseits von Afrika (5) Scholl ist toll

17.06.2010 ·  Fußballkommentatoren könnte man sich sparen, weil sie immer nur das sagen, was ohnehin offensichtlich ist. Nur wenn Mehmet Scholl etwas sagen darf, geschieht das Unfassbare: Er sagt das, was nicht jeder sieht.

Von Jürgen Kaube
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Wenn Mehmet Scholl der Experte ist, geschieht im Fernsehen für Sekunden Unfassbares. Scholl sagt Sätze wie „Die Griechen schießen ihre Flanken mit dem Halbspann, sie sollten es besser mal mit dem Vollspann versuchen.“ Oder wenn Reinhold Beckmann den Argentinier Gabriel Heintze als außergewöhnlichen Verteidiger bezeichnet, dann sagt Scholl: „Der ist nicht außergewöhnlich. Außergewöhnlich ist Samuel“, worauf Phrasendrescher Beckmann nur noch einfiel zu behaupten, er habe Heintzes Körpergröße gemeint, die mit 1,78 Meter für einen Verteidiger außergewöhnlich gering sei. Klar: Bacary Sagna: 1,76 Meter; Ashley Cole: 1,76 Meter; Giovanni van Bronckhorst: 1,76 Meter.

Das Unfassbare ist: Scholl sagt einfach etwas zur Sache, und er sagt Dinge, die nicht sowieso jeder sieht. Die sogenannten Kommentatoren und Ko-Kommentatoren tun das, Jürgen Klopp in besseren Momenten ausgenommen, nicht. Sie ähneln den Sprechern auf Pferderennbahnen, die ins Mikrofon brüllen, dass „Rapid Eye“ zwei Längen vorne liegt, was auf der Rennbahn seinen Sinn darin besitzt, dass die Gegengerade ziemlich weit weg ist und nicht jeder ein Fernglas dabeihat. Vor dem Fernseher aber gibt es keine Sichthindernisse. Ob die Deutschen „vertikale Pässe“ spielen oder „Griechenland zu passiv“ ist, sieht jeder. Darum muss man es auch nicht in den lustigen Animationsanalysen noch einmal wiederholen, indem die Luftlinie des Balles mit weißen Pfeilen angedeutet wird.

Analyse-Getue bringt nichts

Das ganze Analyse-Getue bringt nichts, wenn es, wie die Wahlforschung, sowieso nur das Offenkundige bestätigen soll. Denn das kann selbst Günter Netzer, der ohnehin eingekauft worden sein dürfte, um noch der letzten Bierkartoffelcombo auf dem Sofa das Gefühl zu geben, soooo schlau sei sie auch. So schlau wie Scholl sind wir aber nicht. Wie wäre es also, wenn ARD und ZDF sich einmal einen Ruck gäben, vom betreuten Kommentieren Abstand nähmen und nach dem Spiel einfach nur Mehmet Scholl und Jürgen Klopp sich eine Viertelstunde miteinander übers Spiel unterhalten ließen? Die Bildungseffekte wären ungeheuer.

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Jahrgang 1962, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

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