19.06.2010 · 4:0 gegen Australien, 0:1 gegen Serbien - die Deutschen sind wieder auf dem Boden der Tatsachen. Dass Podolski den Elfmeter treten durfte, war ein Fehler. Und Klose sollte die Schuld am Platzverweis bei sich suchen. Die Niederlage bietet aber auch Chancen.
Von Peter HeßWas Millionen deutsche Fußballfans in den vergangenen Tagen völlig ausgeblendet haben, ist am Freitag geschehen: Ihre Nationalmannschaft hat ein Spiel verloren. Ja, es ist möglich! Nach den völlig überzogenen Ehrerbietungen und Lobeshymnen auf das 4:0 über Australien wäre die logische Reaktion nach dem 0:1 gegen Serbien völliger Liebesentzug – oder, besser noch, das Abmelden vom Turnier.
Vielleicht geht es doch eine Nummer kleiner. Genauso wie das 4:0 aus Deutschland keinen Turnierfavoriten gemacht hatte, bedeutet das 0:1 nicht das Ende aller Hoffnungen. Wie sich die Mannschaft von Joachim Löw in Unterzahl gegen die drohende Niederlage stemmte, war aller Ehren wert. Sie kämpfte und arbeitete diesmal mehr, als dass sie kombinierte.
Aber das spielerische Vermögen reichte durchaus, um das Spiel zu gewinnen. Es seien nur Khediras Lattenschuss und Podolskis vergebener Elfmeter erwähnt. Dass Löw den Kölner den Elfmeter schießen ließ, muss er sich im Nachhinein als Fehler ankreiden lassen. Unmittelbar zuvor hatte Podolski schon zwei große Torchancen vergeben, nicht die ideale psychische Ausgangslage, um die Verantwortung zu übernehmen.
Im 98. Länderspiel darf man einen kühlen Kopf erwarten
Entscheidender war aber ein anderer Moment: Was hat sich Miroslav Klose in der 37. Minute bloß gedacht? Die Antwort ist einfach: Nichts Besonderes, nur das Naheliegende: „Ich muss an den Ball kommen.“ Und dabei hat er seine Fähigkeiten überschätzt. Er schaffte es nicht, seinem Gegenspieler den Ball wegzuspitzeln, sondern traf dessen Fuß.
Dass ihm Schiedsrichter Undiano daraufhin die Gelb-Rote Karte zeigte, überraschte nicht mehr. Der Spanier hatte zuvor seine Sicht der Dinge ganz deutlich gemacht: Der kleinste Regelverstoß wird geahndet, geht es einen Hauch ernster zur Sache, folgt Gelb. Darüber mögen all diejenigen klagen, die im Fußball einen Sport für harte Männer sehen; aber nicht erst seit dieser WM regiert die Kleinlichkeit auf den Spielfeldern.
All die Entschuldigungen, wie „im Eifer des Gefechts“, „der Schiedsrichter hätte Fingerspitzengefühl zeigen können“, greifen nicht. Im 98. Länderspiel darf man einen kühlen Kopf von Klose erwarten. Es war zudem keine übertriebene Entscheidung des Schiedsrichters wie die Verwarnung Schweinsteigers zum Beispiel. Klose setzte von hinten zum Foul an. Und Undiano hätte den Stürmer des FC Bayern schon ein paar Minuten zuvor vom Platz stellen können, als er den Ball noch ins Tor schoss, obwohl der Referee schon abgepfiffen hatte.
Gegen Ghana kan sich Cacau unentbehrlich machen
Der Pfälzer mit polnischen Wurzeln ist jedoch in seiner Karriere Stress-Situationen selten mit ruhiger Überlegung begegnet. Und nach einer verkorksten Bundesligasaison mit München kam er mental angeschlagen in Südafrika an. Das Tor gegen Australien wirkte wie ein großes Pflaster, aber die Wunde ist nicht ausgeheilt.
Ob er nach seiner Sperre noch mal ins Team zurückkehrt, nachdem ihn viele schon vor der WM abgeschrieben hatten? Cacau hat nun jedenfalls gegen Ghana die große Chance, sich unentbehrlich zu machen. Der Stuttgarter befindet sich in einer guten Form. Wenn er und der Rest der Mannschaft den Glauben an sich nicht verlieren, werden sie ins Achtelfinale einziehen. Vielleicht hat sie dieses unglückliche Spiel sogar stärker gemacht.
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