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Münchner Stadien-Schau Und Jogi geht zum Regenbogen

26.05.2010 ·  Im Stadionbau weltweit Standards gesetzt haben die Hamburger Architekten von GMP. Eine Münchner Schau zeigt jetzt ihr Werk. Jüngstes Meisterstück ist die Arena im südafrikanischen Durban, in der die deutsche Mannschaft am 13. Juni zu ihrem ersten WM-Spiel antritt.

Von Jochen Hieber
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In den vergangenen zwölf Jahren haben die Hamburger Architekten Gerkan, Marg und Partner (GMP) weltweit einundvierzig Sportarenen entworfen, geplant, gebaut, umgebaut oder zumindest ratgebend wie gutachtend mitgestaltet. Hierzulande Epoche gemacht haben das Berliner Olympiastadion, dessen Metamorphose vom dikatatorischen zum demokratischen Bau 2004 gelang, das im selben Jahr fertiggestellte Kölner Rhein-Energie-Stadion, dessen vier Ecktürme - nicht ganz einfach in dieser Stadt - rasch zu Wahrzeichen wurden, und die Frankfurter Commerzbank-Arena, deren verschließbares Dach wegen anfänglicher technischer Mängel für Spott sorgte, nun aber längst eine Attraktion ist.

Auch drei der zehn Stadien für das am 11. Juni in Südafrika beginnende neunzehnte Weltturnier des Fußballs stammen aus der Hamburger Entwurfs- und Gestaltungsmanufaktur - zumal das Stadion am Kapstädter „Green Point“ hat alle Aussicht, in den kommenden Wochen zum Symbol für ein ganzes Land, ja einen ganzen Kontinent zu werden.

Längst aber arbeiten der nun fünfundsiebzig Jahre alte Meinhard von Gerkan, der dreiundsiebzigjährige Volkwin Marg, ihre Partner und Mitarbeiter an neuen Projekten: Schmuckstück der Fußball-Europameisterschaft 2012 soll das neue Nationalstadion in Warschau werden, bis zur WM 2014 wird in Brasiliens Hauptstadt das alte, nach dem besten Rechtsaußen des Fußballs benannte Estádio Mané Garrincha in eine so moderne wie mondäne Spielstätte verwandelt.

Münchner Stadien-Schau: Und Jogi geht zum Regenbogen

Champions des zeitgenössischen Kolosseums

In einer konzentrierten Schau, die wie eine Stadionrunde angelegt ist, lässt nun das Architekturmuseum der TU München in der Pinakothek der Moderne mit großformatigen Fotos und millimetergenauen Modellen das Arenenwerk der beiden Architekten seit den sechziger Jahren Revue passieren. Das erste Projekt, das die Ausstellung präsentiert, sind die von 1967 stammenden und dann im Wettbewerb gegen Günter Behnisch und Frei Otto unterlegenen Entwürfe für das Münchner Olympiagelände von 1972. Schon der Umstand, dass am Beginn ein wenngleich ehrenvolles Scheitern steht, macht offenkundig: Es geht hier nicht um Heldenverehrung und Hagiographie.

Vielmehr handelt es sich bei der aus aktuellem Anlass absichtsvoll plakativ „Von Kapstadt nach Brasília“ betitelten Werk- und Werkstattchronik um nicht weniger als um eine kurze und überaus spannende Gesellschaftsgeschichte des Stadionbaus in den vergangenen gut vier Jahrzehnten. Und für diese Geschichte gibt es kaum adäquatere Repräsentanten als eben Gerkan, Marg und Partner, die quantitativ wie qualitativ so etwas wie die Champions des zeitgenössischen Kolosseums sind.

Dabei ist Volkwin Marg auch ein handfester Kritiker des eigenen Tuns. In seinem Essay für den Katalog führt er von Goethe über Louis Etienne Boulée, dem Pariser Architektenstar des achtzehnten Jahrhunderts, bis zu Gustave le Bon, dessen „Psychologie der Massen“ 1895 erschien, eine stattliche Gewährsriege ins Feld, um über die politischen und sozialen Aspekte wie die ideologischen Kehrseiten der Stadienspektakel seit der Antike zu reflektieren.

Massenhafte Statisterie

Als Kind selbst noch Zeuge der nationalsozialistischen Volksregie und Masseninszenierung, sieht er in den heutigen Stadienbauten die klare Tendenz zur „maximalen Vermarktung“ des Sports - und mit ihr angesichts all der Lounges, Logen und anderer VIP-Privilegien zugleich eine Wiederkunft der Klassengesellschaft. Zudem diene, so Marg, das Publikum in den Stadien selbst vorab als „massenhafte Statisterie“ bei der medialen, zumal der Fernsehpräsentation.

Repräsentativ an den Sportbauten des Hamburger Büros aber ist etwas durchaus Gegenläufiges. Ob man im chinesischen Foshan einen Sportpark errichtet, der denkmalgeschützten „Glorieta“ im slowenischen Ljubljana ein neues Arenenambiente verschafft oder in der lybischen Wüste ein Athletenmonument für den Afrika-Cup des Jahres 2014 entstehen lässt: Stets und selbstverständlich folgt man dabei der Funktionalität des einzelnen Objekts, spielt aber bewusst auch mit dem Eigenwert der Architektur. Bei aller Serialität und aller computergesteuerten Konformität des längst globalisierten Bauens setzt man deshalb auf die Schönheit und die Eleganz eines in sich singulären Raumkörpers.

Überspitzt gesagt: Die Stadien von Gerkan und Marg, aber eben auch diejenigen ihrer gleichrangigen Konkurrenten, brauchen gar keine Zuschauer mehr, um ihre Aura zu entfalten. Sie sind sich selbst genug - und nicht zuletzt deshalb ganz jenseits von Wettkampfgetöse und Publikumsekstase ein touristisches Besichtigungsziel.

Als leere leuchtende Gefäße des Ästhetischen haben sie überdies die Nacht erobert - wer nach Einbruch der Dunkelheit auf dem äußeren Münchner Ring die Allianz-Arena von Jacques Herzog und Pierre de Meuron passiert, nimmt, wenn der FC Bayern nicht gerade Energie spart, am reinen Lichtspiel teil. Dass man von den Stadien der Gegenwart als den Tempeln und Kathedralen einer säkularisierten Soziabilität sprechen kann, liegt nicht zuletzt an deren Kunstgestalt.

Synthese aus Stadt und Stadion

Gerkan und Marg folgen beim globalen Stadionbau einer so schlichten wie förderlichen Grundregel: Sie schauen sich den jeweiligen Ort an und gewinnen aus dessen Ureigenheit die Ornamente und Metaphern für die spezifischen Varianten der jeweiligen Dach-, Fassaden- und Tribünenkonstruktion. Sehr genau lässt sich das in der Münchner Schau am unlängst eingeweihten Moses-Mabhida-Stadion im südafrikanischen Durban studieren, in dem man ohnehin ein Meisterstück der Hamburger sehen darf - noch vor dem Kapstädter Green- Point Stadion übrigens, das sich gerade in der Gesamtsicht auf Tafelberg, Signal Hill und Atlantischen Ozean etwas austernhaft spreizt und damit breitmacht.

In Durban hingegen ist eine ganz und gar überzeugende Synthese aus Stadt und Stadion geglückt. Am südlichen Ende des Ovals öffnet sich die Mehrzweckarena für Fußball, Rugby und Leichtathletik zur Stadt hin. Mit dieser Sichtachse zitieren Gerkan, Marg und ihr für dieses Mal maßgeblicher Partner Hubert Nienhoff zwar das Berliner Olympiastadion, also sich selbst. Während man dort aber, der historischen Situation adäquat, auf den Glockenturm und den Totentempel für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs schaut, blickt man in Durban auf die Silhouette von Downtown und verweist damit, so Nienhoff, „auf die Mitte eines kulturell und ethnisch vielfarbigen urbanen Lebens.“

Auch der an Nord- und Südende sich gabelnde Bogen ist eine zitathafte Hommage etwa an Santiago Calatravas zweibögige Überspannung des neuen Athener Olympiastadions. Deutlich emphatischer noch verweist er auf Südafrikas Nationalflagge, damit auf den hoffnungsfrohen Regenbogen der Multikulturalität. Dass die unmittelbare Wirkung des Baus, wie im Katalog zu lesen, gleich in der Eingangshalle durch „mediokres Afro-Kunsthandwerk“, vor allem durch „ein peinliches Heldenbildnis von Präsident Jacob Zuma“ etwas geschmälert wird, ist als Einspruch der Realität gegen die skulpturale Utopie gar kein sonderlicher Schaden, verankert er dieses höchst bemerkenswerte Stadion doch gleich mitten in der Welt.

Bis 20. Juni in der Pinakothek der Moderne. Der im Prestel Verlag erschienene Katalog kostet in der Ausstellung 39 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1951, Redakteur im Feuilleton.

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