28.06.2010 · Auch bei den Buren in Südafrika ist die Fußballbegeisterung ausgebrochen. Aber die Konflikte des Alltags kann das Fest nur für kurze Zeit überdecken. Viele sind pessimistisch und an Demagogen fehlt es nicht.
Von Thomas ScheenWenn Berto Boshoff über die Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land spricht, huscht ein Lächeln über sein Gesicht. „Natürlich unterstütze ich Bafana Bafana“, sagt der weiße Farmer, „jeder von uns tut das.“ Dabei zählt Boshoff zu jener Kategorie Südafrikaner, denen die Begeisterungsfähigkeit für Fußball schon deshalb abgesprochen worden war, weil das der Sport der Schwarzen ist.
Boshoff ist ein afrikaanssprachiger Bure - ein Nachfahre hugenottischer französischer Siedler, die zusammen mit den Auswanderern aus den Niederlanden Südafrika einst urbar machten, sich blutige Kriege mit den britischen Kolonialherren lieferten, die Apartheid erfanden und bis heute ein gespanntes Verhältnis zur schwarzen Regierung des Landes pflegen. Dass sich ausgerechnet die „Afrikaaner“, wie die afrikaanssprachige Minderheit genannt wird, ein Bafana-T-Shirt überstreifen und ein Spiel in einem Fußballstadion verfolgen würden, darauf jedenfalls hätte vor der Weltmeisterschaft kaum einer gewettet.
Berto Boshoff betreibt eine Zitrusplantage in Brits, einem kleinen Städtchen rund zwei Autostunden entfernt von Johannesburg. 6000 Bäume nennt er sein Eigen, die jährlich bis zu 700 Tonnen Früchte abwerfen. Damit zählt er zu den kleinen Farmern in Brits. Denn im Hinterland von Pretoria, in der Provinz North West, wird ein Großteil der Lebensmittel für den Großraum Johannesburg mit seinen neun Millionen Einwohnern produziert. Brits ist Burenland durch und durch. Und es ist seit dem 11. Juni im kollektiven Fußballfieber.
Stolz auf Südafrikas Organisationstalent
Er möge den „Krach“ bei diesem Turnier, sagt Boshoff, die Vuvuzelas und das ganze Getöse, das die überwiegend schwarzen Anhänger der Nationalmannschaft bis zu deren Ausscheiden am vergangenen Dienstag zu entfachen imstande waren. „Es macht uns alle stolz zu sehen, dass Südafrika dieses Großereignis so erfolgreich organisiert hat“, sagt er.
„Das ist wie eine Renaissance der Ereignisse von 1995“, findet Alana Bailey, die stellvertretende Leiterin von „AfriForum“, einer Nichtregierungsorganisation, die sich dem Schutz der afrikaanssprachigen Gemeinschaft verschrieben hat. Damals allerdings ging es genau andersherum: Die südafrikanische Rugby-Mannschaft „Springboks“, die von den weißen Südafrikanern vergöttert wird, gewann genau ein Jahr nach der Wahl Nelson Mandelas zum Präsidenten vor heimischem Publikum die Weltmeisterschaft. Mandela, gekleidet in ein „Springboks“Trikot, überreichte Kapitän François Pienaar noch auf dem Spielfeld den Pokal und signalisierte so einer zutiefst verunsicherten weißen Gemeinschaft, das neue Südafrika sei auch ihr Südafrika.
Wir-Gefühl nach dem Turnier zu Ende?
Die Fußball-Weltmeisterschaft soll nach dem Willen der Regierung etwas Ähnliches bewirken. Seit Beginn des Turniers ist viel von einem neuen Aufbruch die Rede, von einer Einigkeit in der Vielfalt und davon, dass es an der Zeit sei, wieder gemeinsam an einem Strang zu ziehen. 1995 war das so. Damals versöhnte sich das weiße mit dem schwarzen Südafrika. Weiße Ärzte meldeten sich zum unbezahlten Dienst in den Townships, weil sie dachten, das seien sie ihrem Land schuldig. Heute käme niemand mehr auf eine solche Idee. „Dieses Wir-Gefühl, das mit der Weltmeisterschaft einhergeht, wird verblassen, sobald das Turnier zu Ende ist“, sagt Frau Bailey voraus.
Der Grund dafür sei in der Politik seit dem Ende der Apartheid zu suchen. „Nach 1995 dachten die afrikaanssprachigen Südafrikaner, nunmehr beginne eine Zeit, die von Gerechtigkeit und Fairness geprägt sei. Im Verlaufe der Jahre aber hat sich bei vielen von uns das Gefühl verfestigt, es geht nur um Rache“, sagt Alana Bailey.
Das fange bei vermeintlichen Kleinigkeiten an wie der Tatsache, dass in vielen Verwaltungen kein Dienst mehr auf Afrikaans angeboten wird, obwohl die Sprache von der Verfassung geschützt ist. Oder bei der besonderen Besteuerung von Schulen, die ausschließlich in Afrikaans unterrichten, einer Sprache, die dem belgischen Flämisch nahekommt. Der entscheidende Punkt aber sei die extrem hohe Kriminalität, von der zwar in erster Linie Schwarze betroffen sind, in zweiter Linie aber die weißen Farmer.
Im eigenen Land nicht mehr zu Hause
Seit 1997 sind ausweislich der Polizeistatistiken 2100 Farmer beziehungsweise Angehörige ihrer Familien ermordet worden. Die Aufklärungsquote liegt bei zehn Prozent. Das gibt den Leuten das Gefühl, die Regierung habe kein Interesse an einer Bestrafung der Täter. Die Konsequenz ist vielfach der Eindruck, nicht mehr zu Hause zu sein im eigenen Land. Dass die geringe Aufklärungsquote mit der gerne verallgemeinerten Inkompetenz in Südafrika erklärt werden kann, widerlegt gerade die Weltmeisterschaft. „Dieses Turnier funktioniert deshalb so gut, weil die Fifa ihre Bedingungen gestellt hat und in Südafrika der politische Wille vorhanden war, diese Forderungen zu erfüllen. Warum kann das nicht immer so sein?“, fragt Alana Bailey.
Wie es sich anfühlt, ständig in Angst zu leben, ist auf Berto Boshoffs Farm zu erfahren. Er und seine Familie leben wie in einem Gefängnis. Die Plantage ist mit einer Absperrung aus Starkstrom führenden Drähten gesichert, drei Meter hoch und lebensgefährlich für den, der auf die Idee kommt, einen der Drähte zu berühren. Sein Haus sichert eine zweite solche Anlage. Die Haustür ist mit schweren Eisengittern verstärkt und das Schlafzimmer noch einmal zusätzlich mit einer Stahltür und weiteren Eisengittern. „Wenn es dunkel wird, gehe ich nicht mehr vor die Tür“, sagt Boshoff. Im April dieses Jahres wurde sein Nachbar und bester Freund bei einem Einbruch erschossen. „Er hat versucht, die Diebe abzuwehren, da haben sie durch die Tür gefeuert.“ Solche und ähnliche Geschichten finden sich auf fast jeder Farm. Das sei es, was es manchmal so schwer mache, sich in diesem Land noch wohl zu fühlen, sagt Boshoff. „Ich identifiziere mich voll und ganz mit Südafrika“, sagt er, „aber es ist nicht immer einfach.“
An Demagogen fehlt es nicht
Wie explosiv die Stimmung unter den Buren inzwischen ist, haben die Demonstrationen nach dem Mord an dem weißen Extremistenführer Eugène Terre'Blanche im April dieses Jahres gezeigt. Der Chef der rechtsradikalen „Afrikaner Weerstandsbeweging“ (AWB) war von zwei schwarzen Arbeitern auf seiner Farm erschlagen worden, nachdem er diese, so der gegenwärtige Ermittlungsstand, zu sexuellen Handlungen genötigt hatte. Tausende aufgebrachter weißer Farmer waren damals in Terre'Blanches Heimatort Ventersdorp gekommen, weil sie dessen Ermordung als „Kriegserklärung“ verstanden. Polizeichef Bheki Cele eilte zur Beerdigung des alten Mannes, hielt eine Rede auf Afrikaans und vermochte es, die Gemüter wieder zu beruhigen. Die Weltmeisterschaft stand vor der Tür, und das Letzte, was Südafrika damals gebrauchen konnte, waren Rassenkrawalle. „Terreblanches Tod stand symbolhaft für die vielen ungesühnten Morde an weißen Farmern“, erklärt Alana Bailey die spektakulär hohe Zahl der weißen Demonstranten. Und sie hofft, dass die rechtsradikale Politik der AWB dadurch keinen weiteren Zulauf findet. „Leider sind diese Ideen eingängig, weil sie simpel sind“, sagt sie, „und der Trend zur Radikalisierung gerade unter Jugendlichen ist nicht zu übersehen.“
An Demagogen auf beiden Seiten fehlt es jedenfalls nicht. Einer davon ist Julius Malema, der Chef der Jugendliga der Regierungspartei „African National Congress“ (ANC), der bei jeder sich bietenden Gelegenheit das aus dem Befreiungskrieg stammende Lied „Kill the boer“ anstimmte. Ein Gericht in Johannesburg sah darin eine Aufforderung zu rassistisch motivierter Gewalt und verbot Malema den Mund. Der änderte den Refrain in „Kiss the boer“ und sang unverdrossen weiter, bis es auch dem ANC zu viel wurde und er beschloss, „Genosse Julius“ in Therapie zu schicken, damit er lerne, seinen Jähzorn unter Kontrolle zu bringen. Das hatte allerdings nichts mit seinem unverhohlenen Rassismus den Buren gegenüber zu tun, sondern mit einer Beleidigung Präsident Jacob Zumas. „Dass Malema über so lange Zeit ungestört Gewalt propagieren kann, hat nicht gerade zur Beruhigung der afrikaanssprachigen Gemeinschaft beigetragen“, sagt Frau Bailey.
„Das wahre Problem ist die Regierung“
Wicus Schoeman ist so etwas wie ein Fußballneuling. „Vor dieser Weltmeisterschaft wusste ich nicht einmal, wie viele Spieler eine Mannschaft hat. Jetzt sitze ich jeden Tag vor dem Fernsehgerät und verfolge die Spiele“, sagt er grinsend. Schoeman betreibt einen landwirtschaftlichen Betrieb am östlichen Rand von Brits. Es ist eher eine Agrarfabrik denn ein Bauernhof. Zu seinen Kunden gehören die Supermarktketten von „Pick and Pay“, „Spar“ und „Woolworths“. Jeden Tag verlässt eine Flotte von Sattelschleppern, beladen mit frischem Gemüse, den modernen Betrieb, der 800 Menschen Lohn und Brot gibt. Da jeder, der Arbeit hat, im Schnitt zehn Familienmitglieder unterstützt, ist es nicht vermessen zu behaupten, dass Wicus Schoeman eine Kleinstadt ernährt. Unternehmer wie er sind das Rückgrat der südafrikanischen Wirtschaft: „Wir wollen etwas tun für dieses Land, aber unser Rat ist leider nicht gefragt.“
Das Gerede von den Gegensätzen zwischen Schwarzen und Weißen allerdings geht ihm auf die Nerven. „Wir haben im täglichen Leben doch kaum Probleme miteinander. Das wahre Problem ist unsere Regierung“, sagt er. Glaubt er an den neuen Aufbruch, der angeblich mit einer erfolgreichen Fußball-Weltmeisterschaft einhergehen soll? „Ach was, das sind Politikersprüche.“
Dabei war es ausgerechnet Präsident Jacob Zuma, der vor seiner Wahl den Buren schöne Augen machte. Die Absicht, die dahintersteckte, war klar und für beide Seiten von Vorteil. Zuma braucht die Kompetenz der gutausgebildeten Buren, um die himmelschreiende Inkompetenz in den Verwaltungen abzustellen. Umgekehrt hätten die afrikaanssprachigen Südafrikaner wieder eine Perspektive im öffentlichen Dienst bekommen, in dem sie aufgrund der Einstellungskriterien, die Schwarze bevorzugen, so gut wie keine Chance mehr haben. Mit Zuma schien ein Neuanfang auch deshalb möglich, weil der Zulu mit seinem Festhalten an der Polygamie den konservativen Buren wie ein konservativer Schwarzer erschien; einer, der sich alten Werten verpflichtet fühlt und damit vertrauenswürdig ist.
Ernüchterte Begeisterung
Doch die anfängliche Begeisterung der weißen Südafrikaner für den Volkstribunen aus Natal ist Ernüchterung gewichen. „Wir warten und warten, aber es passiert einfach nichts“, sagt Schoeman und meint damit die verlotterte Verwaltung, den freihändigen Umgang mit Steuergeldern und nicht zuletzt die (vermeintliche) Kapitulation der Regierung vor der Kriminalität. „Wir Afrikaaner müssen auf uns selbst aufpassen. Von der Regierung haben wir jedenfalls nichts zu erwarten.“
Was bleibt, ist ein Gefühl tiefer Verunsicherung. Die staatlich verordnete Landreform, bei der weißes Land aufgekauft wird, um es an schwarze Farmer zu verpachten, hat dazu geführt, dass die Produktivität drastisch gesunken ist und damit die Garantie, das Land mit eigenen Lebensmitteln zu versorgen. Dass der nächste Schritt eine obligatorische Beteiligung schwarzer Teilhaber an jedem weißen Betrieb sein könnte, kann zumindest nicht mehr ausgeschlossen werden. „Können wir unserer Verfassung trauen, oder gehen wir den Weg, den Zimbabwe eingeschlagen hat?“, fragt Alana Bailey. Eines jedenfalls scheint für sie festzustehen: „Wir müssen uns zumindest theoretisch mit dem Gedanken auseinandersetzen, dass unsere Tage in diesem Südafrika gezählt sind.“
Außen schwarz, innen weiß
So weit will Berto Boshoff nicht gehen: „Wo sollen wir denn hin? Hinter uns ist nur der Ozean.“ Er vertraut vielmehr auf die sogenannten „Kokosnüsse“, mit denen die neue schwarze Mittelschicht umschrieben wird - außen schwarz, innen weiß. „Die haben zu viel zu verlieren, als dass sie einen Irrsinn wie in Zimbabwe zulassen werden“, vermutet er. Dass der große Versöhner Fußball indes das Land zusammenbringen kann, daran glaubt Boshoff trotz seiner eigenen Freude an der Weltmeisterschaft keine Sekunde. „Nach dem Abpfiff wird hier alles sein wie immer.“
Doch weder seine Nichte noch sein Neffe teilen diese Meinung. Marlie und Pierre Boshoff finden das Fußballturnier „einfach nur umwerfend“. Die Geschwister studieren an der Universität von Pretoria, sie Wirtschaftswissenschaften, er Informationstechnologie. Zwei Burenkinder unter lauter schwarzen Kommilitonen. Beide sind fest davon überzeugt, dass diese Weltmeisterschaft und vor allem die Art, wie sie in Südafrika begangen wird, das Land langfristig umkrempeln werden. „Fußball ist der Sport der Schwarzen, und die staunen nicht schlecht, wie viele Weiße sich plötzlich dafür interessieren“, sagt Marlie. So etwas verbinde. Ohnehin sehen sie und ihr Bruder die ganze Rassendiskussion in Südafrika gelassen: „Wir sind eine neue Generation Afrikaaner, wir sind beweglich im Kopf.“
Der Himmel möge Südafrika beistehen...
Harry LeRoy (Cimon)
- 27.06.2010, 00:55 Uhr
Gemeinsames Afrika - ein Dreamland oder Real??
Eva Steidl (evilein12)
- 27.06.2010, 14:23 Uhr
Thomas Scheen Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Johannesburg.
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