26.05.2009 · Milos Janecek bringt seit fast 40 Jahren Kindern im Frankfurter Nordend das Turnen bei. Die Kleinen lieben ihn und lernen nebenbei viel fürs Leben. Dass früher vieles besser war, findet Milos nicht. Aber es war anders.
Von Tobias RösmannPauls Oma hat auch schon bei Milos geturnt. Das muss in den ersten Jahren gewesen sein, in denen Milos Janecek, den im Nordend alle nur Milos oder Papa Milos nennen, bei der Frankfurter Eintracht als Turntrainer gearbeitet hat. Paul ist gerade mit den Knien auf den Trampolinrand gefallen. Sofort springt Milos - 62 Jahre, Schnauzer, sehnige Figur - von der Bank auf und läuft zu dem Sechsjährigen. Er hebt Paul auf und wiegt ihn im Arm. Paul weint ein bisschen, Milos sagt: „Wir sind doch harte Jungs, Pauli. Du musst mehr essen, mehr Sport treiben, dann hast du mehr Muskeln und weniger Knochen.“ Und dann tut ein Sturz auf einen Trampolinrand auch nicht mehr so doll weh.
Früher, sagt Milos und schaut auf seine Unterarme, waren seine Muskeln noch kräftiger. Früher, das ist noch nicht so lange her, ein paar Jahre vielleicht. Jetzt aber, nach 39 Jahren Kinderheben, Kinderwuchten und Kinderwiegen im Nordend, macht der Rücken nicht mehr mit. Früher turnte Milos in der tschechoslowakischen Nationalmannschaft, bevor er 1968 über Schweden nach Deutschland floh. Früher, da war so ein lächerlicher Handstand am Barren eine Kleinigkeit für Milos. Heute braucht er dafür drei Versuche. Darüber lacht er laut und schüttelt den Kopf. Er sieht ein bisschen geschafft aus.
„Der konnte vor einem Jahr kaum geradeaus laufen“
Jetzt kommt der kleine Ada auf Milos zugelaufen. Ada ist ein bisschen behindert und liebt Milos über alles. Die beiden sitzen auf der Bank in der Turnhalle nebeneinander, Ada kneift Milos kräftig in die Wange und patscht ihm dann noch auf die Stirn. Milos grinst und versucht, den Kopf wegzudrehen. „Komm, Ada, du süßer Knallkopp, geh mal laufen.“ Paul hat seine Knieschmerzen längst vergessen und springt schon wieder - erst auf ein Sprungbrett und dann über einen Kasten.
Am auffälligsten an Milos sind seine Augen. Sie blitzen, wann immer eines seiner Turnkinder an ihm zieht, nach ihm schreit, ihn mit einem Ball bewirft. Viel Unterricht gibt Milos an diesem Nachmittag in der Eintracht-Halle am Oeder Weg nicht. Und doch lernen die Kinder ganz viel beim Toben durch die Halle. Kevin rollt einen großen roten Gummiball vor sich her. Ein Junge im Messi-Trikot des FC Barcelona schwingt an Ringen über dem Hallenboden. Und Jeremy, ein Hänfling im grauen Muskelshirt, schleudert einen Ball durch die Gegend. „Der konnte vor einem Jahr kaum geradeaus laufen“, sagt Milos, „jetzt macht er Handstand.“
„Es ist schwieriger geworden, an die Kinder ranzukommen“
Loshaj Bekim bringt seine Kinder seit ein paar Monaten zu Milos. Sein Sohn ist etwas hibbelig, die jüngere Tochter macht am liebsten „Hängepflanze“, hängt sich also kopfüber an alles, was sich dafür eignet. In der Turnstunde ist das ein Barren, zu Hause eine Türklinke. Bekim hat beobachtet, dass sein Sohn abends viel ruhiger ist, wenn er vorher bei Milos war.
An keinem Gerät bleibt der alte Turnlehrer lange allein. Sofort hängen Kinder an ihm. Vielleicht steht Milos deshalb immer etwas gebeugt auf dem glänzenden Holzboden der Halle. Der weiße Schriftzug auf seinem roten T-Shirt ist natürlich Unsinn: „Crew“ steht da, „Chefclown“ müsste es heißen. Manchmal aber schaut auch Milos ernst. „Es ist schwieriger geworden, an die Kinder ranzukommen“, sagt er dann und fährt sich mit seiner kräftigen, kurzen Hand über die Glatze. Seine Erfahrung ist sein Schlüssel. „Es ist dieses Gefühl“, sagt er und formt seine Hände, als wollte er etwas Rundes, Zerbrechliches streicheln. Milos kennt die Zauberformel für die Herzen der kleinen Turner: „Man muss sich in die Welt der Kinder versetzen und in den Momenten wie ein Kind sein.“
Früher hatten die Kinder keine Computer, keine Fernseher
Dass früher vieles besser war, findet Milos nicht. Aber es war anders. Früher hatten Dritt- und Viertklässler noch nicht so große Angst, von einem Trampolin auf eine weiche Matte zu springen. Früher hatten die Kinder keine Computer, keine Fernseher. „Einerseits sind Kinder heute glücklicher, weil sie mehr haben“, sagt Milos. „Aber sie sind auch ärmer geworden, weil ihnen so einfache Sachen wie Bewegung fehlen.“ Von zehn Kindern, die neu zu ihm kommen, kann sich nur eines an einem Seil hochziehen.
Wenn Milos Janecek durchs Nordend schlendert, trifft er viele, die er kennt. Das ist kein Wunder. „Im Nordend hat jedes zweite Kind bei mir geturnt.“ Irgendwann wird er vielleicht auch den kleinen Ada als Erwachsenen wiedertreffen. Aber das dauert noch. Jetzt ist erst einmal die Turnstunde zu Ende. Adas Mutter nimmt ihren Sohn an die Hand und geht mit ihm in Richtung Hallentür. Kurz vor dem Ausgang dreht sich Ada noch einmal um. Und wirft Milos ein Kusshändchen zu.