02.06.2009 · Eine Hymne muss schon sein, eine Hymne, die ist fein - und wir pfeifen auf den Reim. Na bitte, geht doch. Kein Großereignis kommt ohne identitätsstiftenden Song aus, das war schon immer so. Der Inhalt ist nicht so wichtig, Hauptsache, das Ganze ist eingängig, man kann mitsingen.
Von Eva-Maria MagelEine Hymne muss schon sein, eine Hymne, die ist fein - und wir pfeifen auf den Reim. Na bitte, geht doch. Kein Großereignis kommt ohne identitätsstiftenden Song aus, das war schon immer so. Der Inhalt ist nicht so wichtig, Hauptsache, das Ganze ist eingängig, man kann mitsingen und vielleicht ein bisschen begeistert herumhüpfen dazu. Erinnert sich noch jemand an jenen krummbeinigen Chor namens Fußball-Nationalmannschaft, der Perlen deutschen Liedguts wie „Fußball ist unser Leben“ (1974) oder „Buenos Días Argentina“ (1978) produziert hat?
Außer den Refrains ist nicht viel hängengeblieben - und wer wollte behaupten, es sei schade darum. Das wird vermutlich auch dem „Turnfest-Song“ so gehen, dem man in den nächsten fünf Tagen kaum entrinnen können wird. Denn eine Strophe, die verheißt: „Menschen treffen sich und begrüßen dich in Frankfurt am Main zum Fest der kurzen Wege“, birgt allenfalls die Erkenntnis, dass offenbar sogar Sportler eher ungern zu Fuß gehen. Immerhin haben Zeilen wie „Alles zählt - gemeinsam am besten“ das Verdienst, den in Sportstätten durchaus verbreiteten Telegrammstil endlich sangbar zu machen.
Abgesehen davon aber wird Frankfurt, dem die Welt schon den jüngst von Wiglaf Droste und dem Spardosen-Terzett wieder ausgegrabenen Kirchentags-Schlager „Du kleine Löterin“ aus dem Jahr 1975 verdankt, dank des „Turnfest-Songs“ als Ort eines denkwürdigen Rekordversuchs in die Geschichte eingehen.
Mitmach-Choreographie mit Struwwel
2005, beim „Internationalen Deutschen Turnfest Berlin“, sang eine gewisse Josie noch einigermaßen blässlich „Berlin bewegt uns - wir bewegen Berlin“. Peddy Stieglitz und seine Frankfurter Band mit dem doch erstaunlichen Namen „Turnfest-Schmiede 3-38“ haben da weitaus Größeres vor. „Wir drehen die Welt“ heißt der Song, der in den nächsten Tagen noch das werden soll, was er laut Internet angeblich schon seit geraumer Zeit ist: ein „Ohrwurm“. „Struwwel“, das grinsende Maskottchen des Turnfests, macht die „Mitmach-Choreographie“ im Internet schon mal vor: Arme vor, einmal drehen, Arme hoch, wieder drehen . . .
Das Universum wird staunen, wenn den 65.000 Turnern in einem einzigartigen Rekordversuch gelingt, was „Struwwel“ und der „Turnfest-Song“ versprechen: „Wir drehen die Welt, von Osten nach Westen“. Wir wollen uns das, frisch, fromm, fröhlich, frei, erst mal nicht weiter ausmalen. Die gute alte Murmel, auf der so sensationelle Dinge wie das Internationale Deutsche Turnfest Frankfurt geschehen, hat sich schließlich bis eben noch stets von selbst gedreht - allerdings von Westen nach Osten.