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Sylvio Kroll im Gespräch „Ewald hat entschieden: Daumen hoch oder Daumen runter“

30.05.2009 ·  Sylvio Kroll war einer der erfolgreichsten deutschen Kunstturner. Vor Beginn des Turnfestes in Frankfurt an diesem Samstag spricht er im F.A.Z.-Interview über Turnfeste in der DDR, die sportliche Wende und die Zeit nach der Karriere.

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Sylvio Kroll war einer der erfolgreichsten deutschen Kunstturner, Weltmeister (Barren und Sprung), Europameister und zweifacher Silbermedaillengewinner bei den Olympischen Spielen 1988. Nach seiner Karriere war er unter anderem zehn Jahre lang Turnierdirektor des „Turniers der Meister“ in Cottbus. 2007 bis 2008 leitete er den Olympiastützpunkt in Stuttgart, seit diesem Jahr arbeitet der 44-jährige Kroll am Olympiastützpunkt Brandenburg in der Außenstelle Frankfurt/Oder. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht Kroll über die sportliche Wende, Turnfeste in der DDR und die Zeit nach der Karriere.

Vor knapp zwanzig Jahren ist die Mauer gefallen, ein halbes Jahr später gab es in Bochum und Dortmund das erste gesamtdeutsche Turnfest. Haben Sie teilgenommen?

Nein, die Meisterschaften waren damals noch nicht gesamtdeutsch, und unser erstes Kind war gerade geboren. Da hatte ich andere Interessen.

Sie waren damals noch Leistungsturner. Wie haben Sie die sportliche Wende erlebt?

Ich war sportlich noch mit führend, war noch einer der Leistungsträger. Im täglichen Training merkte ich, wenn ich etwas sagte, wenn wir dies oder jenes brauchten, das hatte Gewicht. Das gesellschaftliche Umfeld hat jedoch mehr oder weniger auf dem DDR-Leistungssport und unserer Sonderstellung rumgehackt. Da gab es auch bei Veranstaltungen Pfiffe. Es gab Stimmen, die sagten: „Denen hat man alles reingesteckt, die hatten da gleich eine Wohnung, hatten dort gleich ein Auto.“ Wir lebten ja wie auf dem Mond in unseren Sportzentren. Aber ich brauchte nur meinen Trainer, die geheizte Halle. Das konnten wir auch in Zeiten der Wende und dann auch bei der Einordnung in den gesamtdeutschen Sport sichern.

Ist Ihnen schwergefallen, auf die herausgehobene gesellschaftliche Stellung zu verzichten?

Ich war 1986 zum Beispiel ausgesucht, am SED-Parteitag mit Jens Weißflog und Katarina Witt teilzunehmen. Sportler waren eben immer Aushängeschilder. Aber es hat mich nicht umgeworfen, das nicht mehr zu haben. Ich hatte ohnehin immer den Sport im Fokus mit der Zielsetzung Olympia in Barcelona 1992. Es hat mir nicht gefehlt, dass ich nicht angefragt war, mich auf irgendwelche Marktplätze zu stellen. Es gab ja plötzlich noch ganz andere Möglichkeiten. Meine Eltern konnten mitfahren zu den Goodwill Games 1991 nach Seattle. Sponsoren stiegen ein und wollten die Ost-West-Geschichte darstellen, nach dem Motto: Die Eltern waren jahrelang hinterm Vorhang, die laden wir mal mit ein. Wir bekamen andere Blickweisen, die mich vom Nachdenken abgelenkt haben.

Was hätten Sie gerne aus dem Leistungssportsystem der DDR erhalten?

Ich kann das nur aus dem Blickwinkel des Sportlers von damals einschätzen: Wir haben uns nicht darum kümmern müssen, wie alles organisiert war. Wir hatten nahezu Perfektion. 2001 habe ich die andere Seite mit meinem Eintritt als Funktionär kennengelernt. Ich zitiere ein Schlagwort meines ehemaligen Klubchefs, der gesagt hat: Wenn man Leistungssport macht, muss man es richtig machen. Es war in der DDR sicherlich zum Teil überzogen, wir hatten viele Leute in Lohn und Brot, die man nicht alle brauchte. Aber es gibt Dinge, die ich heute ähnlich machen würde. Ich möchte dem Sportler einen Rahmen geben, ohne ihm alles abzunehmen. Zum Beispiel bei der sportmedizinischer Absicherung. Es beginnt bei der Physiotherapie, die wir uns in den Stützpunkten teilweise zusätzlich einkaufen müssen. Wir müssen heute immer wieder um Dinge kämpfen, über die wir vor zwanzig Jahren nicht nachdenken mussten. Da waren eben acht Sportärzte am Sportzentrum in Cottbus angestellt für den Spitzensport und niemals musste man sich in der Praxis anstellen, weil ein Arzt – wie heute – zu viele Punkte in dem Quartal hatte und die Praxis einfach zumacht.

Warum haben Sie dann den Leistungssport zum Beruf gemacht?

Ich hatte nicht die große Alternative. Ich habe während des Leistungsturnens – in dem ich ja einen hohen Trainingsumfang hatte – mit dem Sportstudium angefangen. Das war alles gut organisiert, ich konnte extern studieren und mein Diplom in Sportwissenschaft in einem größeren Zeitablauf machen. Die Frage stellte sich also nicht so. Als Trainer wollte ich nicht arbeiten. Denn ich hatte einen hohen Anspruch, war als Sportler weit gekommen – und das als Trainer zu transportieren, da muss man schon ein Händchen haben. Ich landete dann im Sportamt der Stadt Cottbus, lernte die Verwaltungsebene kennen, machte meinen Verwaltungsfachwirt – und das war gut.

Turnfeste gab es auch in der DDR. Wie haben Sie die erlebt?

Als Zehnjähriger war ich zum ersten Mal bei einem Turnfest. Wir mussten vorher eine Miniaturschau einstudieren – rund 200 kleine Zehnjährige, die drei Wochen lang an der Ostsee in 50-Mann-Zelten schliefen, an Barren turnten, die man auseinanderbauen konnte. Wir sind dann nach Berlin gefahren, haben die Übungen dem Sportbund-Vorsitzenden Manfred Ewald vorführen dürfen. Er hat dann entschieden, Daumen hoch oder Daumen runter. Die Turnfeste insgesamt waren durchgestylt und perfektioniert. Es hat den Leuten aber auch Spaß gemacht, man konnte feiern, man lernte Freund oder Freundin kennen. Es war ein großes Fest. Später, als ich im Leistungssport war, wurden wir kurzfristig „eingeflogen“, haben unsere Übungen geturnt, und das war es dann. Das war kein großes Erlebnis mehr. Ich kann nicht behaupten, dass es für mich ein erhebendes Gefühl war, Tausende von Menschen in einer Richtung zu binden. Die Allgemeinbotschaften waren doch ziemlich einseitig.

Sie waren später auch bei gesamtdeutschen Turnfesten. Was ist der Unterschied?

Nach der Wende hatte ich Probleme zu sagen, ich schalte mal ab, ich bin jetzt nur noch „Breitenturner“. Bei uns gab es ja keine Turnvereine in dem Sinn, das waren alles Turnabteilungen von Sportklubs, die rein im Leistungssport orientiert waren. Da hat der Osten ja heute noch Probleme, weil es diese Breitensportbewegung und die Vereinsstruktur gar nicht so gab. Deshalb habe ich die emotionale Bindung nicht, weil ich nicht aus einem Verein komme, in dem man sich jede Woche traf und sagt: Wir fahren gemeinsam hin und nehmen an einem Wettkampf teil.

Das Gespräch führte Christiane Moravetz.

Quelle: F.A.Z.
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