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Niederursel Beim Turnfest darf es ein Steak mehr sein

 ·  Münsterländer in Mainhattan: Knapp 850 Sportler aus dem stärksten Turngau verbreiten Ferienlagerstimmung in der Ernst-Reuter-Schule in Frankfurt-Niederursel. Die Großstadt um sie herum haben sie schon kennengelernt – im Guten wie im Schlechten.

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Die Mädchen von der SG Sendenhorst sitzen im Kreis um ihren Grill, trinken den Alkopop „Baruba Bay“ mit Kirschgeschmack (gab’s im Angebot) und lassen Turnvater Jahn einen guten Mann sein. „Wir haben ein Rheuma-Zentrum“, erklären die Kunstturnerinnen zwischen 15 und 19 Jahren einmütig, um die Besonderheit ihres Orts im nördlichen Nordrhein-Westfalen hervorzuheben. Was sich die Münsterländer unter Frankfurt vorgestellt haben? „Hochhäuser“, „hässlich“, „Getto“, sind die ersten drei Schlagworte. Doch die Erfahrungen sind besser als die Klischees. „Hier helfen uns alle“, sagt die 19 Jahre alte Linda über ihre Erlebnisse mit den Frankfurtern, etwa in der U-Bahn. „Aber wahrscheinlich, weil wir uns so blöd anstellen.“

Beim Deutschen Turnfest geht es um Sport. Unter anderem. Die Gemeinschaft ist mindestens ebenso wichtig. 837 Sportler aus dem Turngau Münsterland sind wegen des kollektiven Erlebnisses nach Frankfurt gekommen. Sie sind die größte Gruppe, bestehend aus 60 Vereinen, und sie belegen eine Woche lang 66 Klassenzimmer in mehreren Gebäuden der Ernst-Reuter-Schule in Niederursel. Turnen steht im Münsterland hoch im Kurs. Wer hier in der Gauliga mithalten kann, kommt in anderen Regionen auch zwei Ligen höher zurecht.

Gitarrenklänge

Trainer Holger Wagner von der SG Sendenhorst sitzt am Mittwochabend bei seinen Turnerinnen, den dreijährigen Sohn auf dem Arm. „Hier kann man alte Bekannte treffen, mit denen man Kontakte hat“, sagt Wagner. Die Sendenhorster kennen einige Turner und Trainer aus den anderen Vereinen in der Gauliga, mit denen sich sie sich sonst messen müssen. Doch allzu weit geht der Austausch nicht. Die meisten Vereine bleiben unter sich. „Es wäre schön, wenn wir ein bisschen gemischter wären“, sagt Wagner.

Im Abendlicht steigen Schwaden grauen Rauchs von einem halben Dutzend Grills auf. Der Geruch von glühender Holzkohle und gegrilltem Fleisch hat sich über den Schulhof und die unscheinbaren Betongebäude gelegt. Von der Gruppe nebenan sind Gitarrenklänge zu vernehmen. „Country Roads“ singen die Jugendlichen vom TV Vreden, mal mehr und mal weniger schief. Die Leichtathleten sitzen an einer Tafel aus Schulbänken; sie tratschen und machen sich über die Würstchen her.

Verkalkte Duschköpfe

Jugendwart Siggi Blömker – randlose Brille, Glatze, Trainingsanzug – steht stoisch am Grill. Besser gesagt: an fünf Einweggrills gleichzeitig. Alle sind satt, endlich, nur Marvin will noch ein Steak. „Eigentlich ist er ein Langstreckenläufer und darf nicht zu viel Gewicht kriegen“, sagt Blömker. Doch auf dem Turnfest nimmt er es nicht so genau. „Der Wettkampf zählt hier für mich als Trainer nicht.“ Viel wichtiger sei ihm, dass die Gruppe zusammengeschweißt werde. „Davon profitieren wir das ganze Jahr.“

Während die Münsterländer die Ferienlagerstimmung auf dem Schulhof genießen, macht Quartiermeister Lutz Stüdemann einen Rundgang über das Schulgelände. Noch einmal sollen Diebe das Turneridyll in Niederursel nicht stören. Drei Räume hätten Unbekannte schon geplündert, berichtet Stüdemann. Navigationsgeräte und Handys haben die Diebe mitgehen lassen, eine Gruppe älterer Sportlerinnen ist im Schlaf bestohlen worden. Eine Mannschaft aus 13 bis 17 Jahre alten Mädchen hat nach einer Nachtwache für ihr Zimmer verlangt, weil ihr Schloss seit dem Einbruch zerstört ist. Stüdemann sorgt dafür, dass die Sportlerinnen wieder ruhig schlafen können. Nach fünf Tagen Turnfest sind dem Quartiermeister die viele Arbeit und der wenige Schlaf anzumerken, seine Augenringe sind nicht zu übersehen. Doch mit den Besuchern aus dem Münsterland ist er zufrieden: „Das ist eine sehr homogene Gruppe.“ An den Sportlern schätzt er, dass sie mit dem nicht überall optimalen Zustand der Schule, wie verkalkten Duschköpfen und verschmierten Toiletten, gut zurechtkommen. „Turner haben die Eigenschaft, dass sie improvisieren können.“

Shoppen gehen

Derweil feiern die Münsterländer fröhlich weiter. Um den Austausch zwischen den Vereinen bemüht sich mittlerweile Max vom VfL Hüls aus Marl. Der Einundzwanzigjährige, der einen grauen Kapuzenpulli und Badelatschen trägt, schlurft erst einige Male um die Turnerinnen von der SG Sendenhorst herum, bis er sich ein Herz fasst und sich dazugesellt. Bis weit nach Sonnenuntergang sitzen sie zusammen.

Trotzdem gehen die Turnerinnen aus Sendenhorst am nächsten Morgen recht ausgeruht zum Frühstück in der Turnhalle, vorbei an den Duschräumen, wo ein Hauch von Seife in der Luft liegt. An den zu Tischgruppen arrangierten Schulbänken lassen sich die jungen Frauen nieder. Heute wollen sie Frankfurts Vorteile nutzen und shoppen gehen, vom neuen Einkaufszentrum an der Zeil haben sie gehört und von der Zeilgalerie.

Schleuderball

Etwas später, kurz vor 10 Uhr, machen sich die Leichtathleten vom TV Vreden auf zum Frühstück. Ihnen sind die Strapazen der Nacht deutlich anzusehen. Bis 3 Uhr morgens ist die Feier noch gegangen, erst dann haben sie sich zu ihrem Matratzenlager begeben, trotz Wettkampftag. Schleuderball, Kugelstoßen, Weitsprung und 100-Meter-Lauf stehen auf dem Programm. Auch Siggi Blömker ist müde, seine Augen leicht gerötet. „Was man alles mitmachen muss“, sagt er und seufzt. Dann aber lächelt er. „Wenn man sich auf die Kinder einlässt, dann passt das.“

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