Irgendwann, zwischendrin, standen ein paar wichtige Turnfest-Leute zusammen und malten sich das Schlimmste aus. Was wäre eigentlich gewesen, wenn es eine Woche lang geregnet hätte? Eine Flussfestmeile in Gummistiefeln, Beach-Volleyballfelder als Seenplatten, Regenschirme statt T-Shirts und kurzer Hosen. Es kam anders, sonnig nämlich. Allmählich wird Frankfurt erklären müssen, welch besondere Beziehung die Stadt zu Petrus und dem Himmel pflegt: Nach der WM 2006 ist auch das zweite Sport-Großereignis innerhalb weniger Jahre vom Wetter überaus begünstigt worden.
Vielleicht haben die Fußballphrasen-Drescher doch recht, und Glück kann man sich tatsächlich erarbeiten. Siebzigmal das Tor verfehlt und dann endlich getroffen? „Wir haben uns das Glück mit hartem Training erarbeitet“, heißt es dann. Frankfurt und der Deutsche Turner-Bund haben gut gearbeitet. Gut zusammengearbeitet, um es genau zu sagen. Möglicherweise ist der Ärger um die hohen Kosten für das Turnfest im vergangenen Jahr dabei sogar ein Mittel gewesen, die Partner enger aneinanderzubinden.
Turnfest als Olympia des kleinen Mannes
Die Stadt jedenfalls hat richtig gelegen mit ihrer feinen Eröffnungsfeier auf dem Main, der Idee einer Flussfestmeile und den freundlichen Helfern in roten Oberteilen. Und auch der Deutsche Turner-Bund als Veranstalter hat im rechten Moment gezeigt, dass „Teamfähigkeit“ keine Floskel sein muss. Die 65.000 Turner sind während des Internationalen Deutschen Turnfests, das heute zu Ende geht, überall als positive Gemeinschaft aufgetreten: in den Schulunterkünften, in den Wahlwettkämpfen und sogar noch in vollen S-Bahn-Zügen. Welches Zauberkraut auch immer eine ehrenamtliche Helferin dazu bringt, eine Woche ihres Jahresurlaubs zu nehmen, um Brötchen für Halbwüchsige zu schmieren – gäbe es mehr davon, wäre vieles anders.
Turner nörgeln nicht, Turner machen einfach. Dass das mittlerweile so positiv auffällt, verrät eine ganz Menge über eine Gesellschaft, in der immer öfter jeder an sich denkt und nach dem Staat schreit, anstatt anderen zu helfen und selbst zu machen. Ein Teilnehmer hat in dieser Woche das Turnfest als Olympia des kleinen Mannes bezeichnet. Wenn der kleine Mann ein Turner ist, dann brauchen wir mehr von dieser Sorte.
