30.05.2009 · An diesem Samstag beginnt das 41. Deutsche Turnfest in Frankfurt. Schauplatz des Rahmenprogramms und Zentrum des „Wir-Gefühls“ sollen die Mainufer sein. Noch wissen aber viele Frankfurter gar nicht, dass eine Woche lang 65.000 Teilnehmer in ihrer Stadt um Titel turnen.
Von Tobias RösmannSeine Geschichte als Turnfest-Stadt verdankt Frankfurt einer Hintertür. Durch sie soll Turnvater Friedrich Ludwig Jahn im September 1848 aus einer Kneipe vor Aufständischen geflohen und so dem Tod entgangen sein. Anlass der Unruhen war damals, dass die Nationalversammlung, der Jahn angehörte, einem vermeintlich schmählichen Waffenstillstand mit Dänemark zugestimmt hatte. Trotz seiner Begeisterung für einen deutschen Nationalstaat galt fortan auch der 70 Jahre alte Jahn vielen radikalen Republikanern als „Verräter“. Nur knapp entkam er dem Mob. Wäre Jahn in Frankfurt gelyncht worden – die Beziehung zwischen Turnern und Stadt wäre auf ewig beschädigt gewesen.
Zum Glück kam es anders. Und deshalb werden an diesem Samstag wieder Tausende Turner nach Frankfurt kommen und für eine Woche in Schulklassen und Turnhallen ihre Luftmatrazen aufblasen. Der Deutsche Turner-Bund (DTB) und die Stadt rechnen für das heute beginnende 41. Deutsche Turnfest mit 65.000 Teilnehmern. Etwa 40.000 Frankfurter Schüler und ihre Lehrer werden deshalb ihre Klassen räumen. Dann stehen rund 150 Schulen in Frankfurt und im übrigen Rhein-Main-Gebiet als günstige Unterkünfte für die Turner bereit (siehe Kasten).
Eine „leichte, gastfreundliche Stadt“
Wenn die größte Breitensportveranstaltung der Welt am Samstagnachmittag mit einem Festakt in der Paulskirche beginnt, ist das „Kommando Verpflegung“ schon seit Wochen im Einsatz. Die 65.000 Teilnehmer müssen versorgt werden. Für eine Viertel Million Frühstücke, die von Tausenden freiwilligen Helfern in den Schulen verteilt werden, kalkulieren die Organisatoren mit 50.000 Litern Milch, 400.000 Brötchen, acht Tonnen Käse, siebeneinhalb Tonnen Müsli und sechs Tonnen Konfitüre.
In der Nähe des Messegeländes ist ein Riesensandkasten entstanden: 10.500 Tonnen Sand, 420 Lastwagenladungen, sind dort für 36 Beachvolleyballfelder aufgeschüttet worden.
Herz des Turnfests in Frankfurt soll, wie bei der Fußball-WM 2006, der Main werden. Damals schufen eine Riesenleinwand im Fluss und Tribünen an den Ufern eine besondere Atmosphäre. Von Samstag an wird es an beiden Flussseiten wieder eine Festmeile geben mit Konzerten, Mitmachangeboten und Gastronomie.
Für heute Abend ist in der Flussmitte eine spektakuläre Wassershow geplant, danach könnten die Ufer wieder zum Treffpunkt und zur Keimzelle des „Wir-Gefühls“ werden. Frankfurt will sich, ohne in der nächsten Woche die Konkurrenz anderer Großereignisse fürchten zu müssen, als „offene, leichte, gastfreundliche Stadt“ präsentieren – und nicht als kalte Bankenmetropole.
Großer Sport wird geboten
Zentrum des Sports wird das Messegelände in der Nähe des Hauptbahnhofs. Das Programm dort ist vielfältig, angeboten werden zum Beispiel eine „Trendhalle Gymwelt“, eine Turnfest-Akademie oder auch ein Tuju-Club – wobei „Tuju“ weniger für exotischen Sport steht, als für die Turner-Jugend. Mehr als 1.000 Veranstaltungen versprechen die Macher.
Geturnt werden soll fast überall: Radschlag auf dem Römerberg, Handstand vor dem Hauptbahnhof, Saltos in Sachsenhausen. Viele Termine werden großen Sport bieten. So turnt der unbestrittene Star der nächsten Woche, Fabian Hambüchen, mit seinen Kollegen sowohl um Deutsche Meisterschaften als auch um die neue, international besetzte Turnierreihe „Champions Trophy“.
Frankfurt ist ein Turnfest-Routinier. Nach 1880, 1908, 1948 und 1983 ist die Stadt zum fünften Mal Ausrichter der Veranstaltung, die sich seit dem jüngsten Treffen 2005 in Berlin „international“ nennt, weil die Teilnehmer aus rund 40 Nationen stammen. DTB-Präsident Rainer Brechtken, ein strammer Schwabe mit Vollbart, hat das Engagement Frankfurts denn auch als „einmalige Sache“ bezeichnet.
Streit ums Geld
So entspannt die Stimmung zwischen Stadt und Turner-Bund heute ist, so heikel war die Lage vor gut einem Jahr. „Nicht erfreut“ sei man über das Verhalten Frankfurts, teilte DTB-Generalsekretär Hans-Peter Wullenweber damals ungehalten mit.
Grund war ein internes städtisches Finanzierungschaos. Genehmigt hatten die Stadtverordneten rund fünf Millionen Euro Steuergeld für das Turnfest, auf einmal aber tauchte die Summe von 30 Millionen Euro auf – ohne, dass der DTB seine Forderungen an die Ausrichterstadt erhöht hätte. Die Diskussion dauerte Wochen.
Schließlich bewilligten die Politiker im Römer gut 24 Millionen Euro. Damit ist Frankfurt Hauptzahler des knapp 36 Millionen Euro umfassenden Turnfest-Etats. Je eine weitere Million bringen das Land Hessen und der Bund auf, die übrigen rund zehn Millionen Euro stammen aus den Gebühren der Teilnehmer.
Spätestens seit dem Kostendebakel bemühen sich die Stadtpolitiker, wo es nur geht, den enormen Imagegewinn hervorzuheben, den Frankfurt durch das Turnfest erzielen werde. Kritiker allerdings fragen sich, ob mit einer solchen Summe nicht besser ein paar Schulen saniert worden wären.
Die Stadt soll beben
Manche bekommen noch heute glänzende Augen, wenn sie an 1983 denken. „So viele schöne, junge Menschen in der Stadt“, schwärmen Beobachter und Teilnehmer. Damals gelang, was immer das hehre Ziel eines Turnfests ist: eine Brücke zu bauen zwischen Turnern und Bürgern.
Um das zu schaffen, werden sich die Teilnehmer anstrengen müssen, denn von Vorfreude und Feierstimmung ist bislang wenig zu spüren. Viele Frankfurter wissen nicht einmal, dass das Turnfest in ihre Stadt kommt. Doch das soll sich ändern. Turnfest-Sprecher Keith Egloff sagt: „Wir wollen erreichen, dass die Stadt bebt.“
Viele Schulen in Frankfurt und im Rhein-Main-Gebiet werden während des Internationalen Deutschen Turnfests zweckentfremdet: Sie verwandeln sich in Schlafsäle und Cafeterien. Die Schüler, die deshalb ohne Klassen und Turnhallen dastehen, müssen von den Schulen dennoch betreut werden. Das sieht ein Erlass der hessischen Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) vor. Trotz des fast einwöchigen Unterrichtsausfalls und der Kritik vieler Eltern hält das Land an der Entscheidung fest. „Für jedes Kind, das an den unterrichtsfreien Tagen während des Turnfests Betreuung benötigt, muss diese durch Lehrkräfte sichergestellt werden“, teilte Henzler schon vor Monaten mit.
Rund 150 Schulen der Region, davon etwa 60 in Frankfurt, dienen als Quartier für etwa 45.000 der 65.000 erwarteten Turner. Der Unterricht fällt aber auch an etwa 90 anderen Schulen aus, obwohl dort niemand übernachtet. Grund ist die überraschend niedrige Nachfrage nach den Massenquartieren. Ursprünglich hatten die Organisatoren erwartet, sie müssten mindestens 60.000 Teilnehmer in Schulen unterbringen. Tatsächlich haben nun aber nur etwa 45.000 Teilnehmer eine Gemeinschaftsunterkunft gebucht. Die Stadt erklärt das unter anderem mit der verkehrsgünstigen Lage Frankfurts, die die Organisatoren allerdings kaum überrascht haben dürfte.
Abiturienten schuften trotzdem
Offenbar hätten sich viele Teilnehmer entschieden, zu den Veranstaltungen zu kommen, danach aber wieder heim zu fahren, hieß es. Viele Teilnehmer haben sich außerdem selbst eine Bleibe im Hotel oder bei Bekannten besorgt. In den nun unnötig reservierten Schulen findet in der nächsten Woche trotzdem kein Unterricht statt: Land und Stadt wollen die Eltern nicht zusätzlich verärgern. Turnfest-Organisator Heiner Henze nannte es ein Versäumnis, nicht genug Verständnis bei Schulleitern, Eltern und Lehrern geweckt zu haben. Dies sei ein wichtiger Hinweis für die Rhein-Neckar-Region, die das Turnfest 2013 ausrichte. Dessen Organisatoren stehen vor einer noch größeren Herausforderung: Dort sind Kultusministerien aus Hessen, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg beteiligt.
Die meisten Schüler in Frankfurt und Umgebung freuen sich. Die Art der Betreuung sei den Schulen freigestellt worden, hieß es vom Schulamt in Frankfurt. Das Programm reicht von Ausflügen in städtische Museen und in den Zoo bis hin zum Besuch des Turnfests in Klassenstärke. Nur in einigen Gymnasien müssen die Abiturienten trotzdem kommen: Sie haben mündliche Prüfungen.