Für den siebenundzwanzigjährigen Mainzer ist Turnen weit mehr als das ungeliebte Reckturnen in der Schule. Der Sport sei mindestens so vielseitig, wie die Menschen, die ihn betreiben.
Welche Wirkung erhoffen Sie sich vom Internationalen Deutschen Turnfest in Frankfurt für das hessische Turnen?
Das Turnen wird sich nach außen hin in seiner ganzen Breite präsentieren. Es wird zeigen, dass Turnen mehr ist als die verhasste Schulübung am Reck. Es gehören viele andere Sportarten dazu, die einen gewissen Coolness-Faktor haben.
Womit wollen Sie konkret für das Turnen werben?
Der Hessische Turnverband bietet 20 Sparten an - Rhönradturnen, Trampolin, Ropeskipping, Sportgymnastik, Orientierungslauf, Faustball und so weiter. Dazu die Mehrkämpfe, die insbesondere die turnerische Vielfalt darstellen. Das Turnfest ist eine große Plattform, um unsere Arbeit und unsere Erfolge zu präsentieren.
Hat der Hessische Turnverband überhaupt noch etwas davon, dass der deutsche Vorturner Fabian Hambüchen aus Hessen stammt und in Hessen trainiert?
Fabian Hambüchen hat einen bundesweiten Vorbildcharakter, er hat den Sport bundesweit vorangebracht. Natürlich profitieren wir von seiner Person. Aber man muss auch sehen, was es noch alles außen herum gibt - nämlich auch andere, die Leistungen auf sehr hohem Niveau bringen und gewürdigt werden sollten.
Wer kommt auf Leistungssportebene im hessischen Turnen hinter Hambüchen?
Hambüchen ist ein Jahrhunderttalent, so einen wird es nicht alle fünf Jahre wieder geben. Mit Sarah Metz haben wir jetzt gerade eine frische Weltmeisterin im Rhönradturnen, Sebastian Deeg war Ropeskipping-Weltmeister. Im Trampolinturnen haben wir zum Beispiel Turner wie Kyryllo Sonn, die sich für die Juniorenweltmeisterschaft qualifiziert haben. Wir schicken im Juli mit Bojan Blumenstein und Yannic Lippross zwei Athleten zur Europameisterschaft im Orientierungslauf. Man sollte nicht immer auf den Reck-Weltmeister schauen, sondern auch auf diejenigen, die hintendran stehen.
Wie schwer ist es, Talenten im Turnen den Weg in den Leistungssport aufzuzeigen und dann auch zu ebnen?
Die Entscheidung, ob man den Sport professionell als Leistungssport betreiben will, muss meist mit zehn, elf Jahren fallen. Im Kunstturnen wird sogar bereits im Vorschulalter mit einem gezielten Trainingsaufbau begonnen. Dann müssen die Kinder noch die Pubertät überstehen, bis der Weg dann feststeht. Talente zu finden ist immer schwierig. Das System ist beim HTV vorhanden: Wir betreiben mit unseren Landestrainern und Lehrertrainern viele Talentsichtungsprogramme sowie Aufbau- und Fördergruppen.
Welche Voraussetzungen sind nötig für eine professionelle Karriere?
Diesen letzten Schritt zu gehen, da gehört sehr viel Selbstdisziplin dazu. Er ist mit sehr viel Verzicht verbunden. Zwei Trainingseinheiten am Tag in der Halle und dazu noch Schule - das ist ein sehr anstrengendes, umfangreiches Programm. Wir haben in Hessen das Glück, dass es viele Schulen mit Sportschwerpunkt gibt, an denen Athleten den Sportunterricht als Trainingseinheit nutzen können.
Wie ist es Athleten im Kindesalter zu vermitteln, dass sie ihr Leben strikt nach den harten Anforderungen des Sports richten müssen?
Nötig sind Kooperationsbereitschaft und der Wille, sich für den Sport aufzuopfern. Es ist schwer, dies zwölf, 13 oder 14 Jahre alten Kindern zu vermitteln. Das ist immer auch eine Charakterfrage und wie groß die Unterstützung aus dem Elternhaus ausfällt. Natürlich schaffen es nur die wenigsten, auf einen vergleichbaren Stand wie Fabian Hambüchen zu kommen - und den auch zu halten. Es gibt immer mal wieder einen, der in den B- oder A-Kader vorkommt, sein Leistungsvermögen aber dann nicht halten kann.
Turnen hat ein etwas verstaubtes Image. Wie können Sie dem begegnen?
Der HTV hat knapp 568.000 Mitglieder in über 2000 Vereinen. Davon sind 200.000 unter vierzehn Jahre. Das zeigt, dass die Vermutung, bei uns würden nur Turnopas verkehren, absolut falsch ist.
Das Gespräch führte Alex Westhoff.
