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Chronik eines Events Frankfurt, die Turnfest-Königin

29.05.2009 ·  Kaum eine Stadt hat einen solch guten Ruf bei Turnern wie die Metropole am Main. Wenn am Samstag das 41. Turnfest beginnt, ist Frankfurt zum fünften Mal Gastgeber. Nicht immer war das Event von Heiterkeit und Freude bestimmt.

Von Herbert Neumann
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Auf das Deutsche Turnfest 1880 hatte sich die Stadt gut vorbereitet. Es war das fünfte insgesamt - und das erste in Frankfurt. Es dauerte vom 24. bis 28. Juli, und die Stadtverwaltung mit Oberbürgermeister Johannes von Miquel an der Spitze und die Bürger identifizierten und engagierten sich. Die Damen aus „gutbürgerlichen Häusern“ hatten das wertvolle Bundesbanner gestiftet, das seitdem wie ein Wanderpokal der jeweils aktuellen Turnfeststadt vom vorherigen Ausrichter überreicht wird. Friedrich Stoltze, ein begeisterter Turner, schuf Begrüßungsverse wie diesen: „Wir haben noch niemals wohl lumpen uns lassen. Wir wollen Euch brüderlich alle umfassen, damit Ihr, in schöne Erinnerung versenkt, der Mainstadt einst immer nur freundlich gedenkt.“ Unmittelbar vor dem Fest erschien ein längeres Gedicht, aus dem noch heute gern folgende Zeilen zitiert werden: „Un es is kaa Stadt uff de weite Welt, die merr wie mei Frankfurt gefällt. Un es will merr net in mein Kopp enei: Wie kann nor e Mensch net aus Frankfort sei!“

1880 platzte auf dem Festplatz ein Mörser - fünf Menschen starben

Doch für Großveranstaltungen - 1880 wurden rund 10.000 Turnfestteilnehmer erwartet - gab es in Deutschland keine geeigneten Sportanlagen oder Hallen. Erst zum 11. Deutschen Turnfest 1908 in Frankfurt stand die Festhalle, damals die größte freitragende Halle Europas. Die Frankfurter wussten sich zu helfen: Sie mieteten „draußen“, hinter dem Friedberger Tor, das Gelände des Freiherrn Meyer Karl von Rothschild, auf dem 1862 das erste Deutsche Bundesschießen stattgefunden hatte. Auf 20.000 Quadratmetern entstand dort ein stattlicher Festplatz. An der Finanzierung der Anlage, die nach dem Fest abgerissen wurde, beteiligten sich die Brauereien: Sie kannten den legendären Durst der Turner.

Besondere Freude löste das Preisturnen aus: Es gewann mit großem Vorsprung der Frankfurter Christian Meller. Sein jüngster Bruder Michael, der in Frankfurt den 22. Rang erreichte, war bei den folgenden Festen 1885 in Dresden, 1889 in München, 1894 in Breslau und 1898 in Hamburg als Turnfestsieger einer der populärsten Akteure jener Zeit. Doch so fröhlich das Fest begonnen hatte und die Wettkämpfe Teilnehmer und Zuschauer begeistert hatten, so traurig war der Abschluss: Auf dem Festplatz, beim Abbrennen eines Feuerwerks, platzte ein Mörser. Fünf Menschen starben, unter ihnen zwei Kinder. Viele Besucher wurden verletzt.

Eine Wurst mit Kraut und Kartoffeln kostete 50 Pfennig

Seinen Status als Turnfest-Königin begründete Frankfurt 1908. Nach 28 Jahren war die Stadt die erste, die zum zweiten Mal ein Deutsches Turnfest ausrichten durfte. Es wurde eine Rekordveranstaltung mit rund 55.000 Teilnehmern aus 3326 Vereinen - es war die erste in der neuen, noch nicht ganz fertigen Festhalle. Der Kronprinz aus Berlin und 200 Sonderzüge mit 200.000 Besuchern wurden erwartet. In den Festausschüssen saßen alle, die Rang und Namen in Frankfurt hatten, an der Spitze Oberbürgermeister Franz Adickes. Dem Finanzausschuss, der von Stadtrat Carl von Grunelius geleitet wurde, gehörten allein neun Bankiers an, die damals noch einen untadeligen Ruf besaßen, unter ihnen Hugo Metzler, Robert de Neufville und Fritz von Mumm, neben ihnen bekannte Fabrikanten wie Generalkonsul Carl von Weinberg und Carl Binding. Zu den 160 Freiwilligen des Ordnungsausschusses zählten 44 Kaufleute und 16 Ärzte.

Es herrschte eine Begeisterung, die offensichtlich auch die Behörden und Geschäftsleute erfasste. Der Aufruf des Festausschusses an die Turner, eine Million Mark als Sicherheitsleistung aufzubringen - es war damals noch unüblich, die Kommune zur Kasse zu bitten -, war kaum heraus, da lagen schon 500.000 Mark von einem anonymen Turnerfreund auf dem Tisch. Und auch die Million war schnell zusammen - eine gewaltige Summe, wenn man bedenkt, dass auf dem Festplatz eine Wurst mit Kraut und Kartoffeln 50 Pfennig kostete und ein Turnerdinner mit Suppe, Braten, Gemüse und Dessert für eine Mark zu haben war.

1948 sollte das Turnfest ein Signal der Hoffnung setzen

Der Festplatz entstand auf einem 230.000 Quadratmeter großen Gelände neben der Festhalle. Ein großer Verkehrsvorplatz ermöglichte Straßenbahnverkehr im Dreißigsekundentakt. 2,4 Millionen Personen wurden in fünf Tagen befördert. Mehrere hunderttausend Menschen feierten den traditionellen Festzug, am Ende zählten die Turner etwa 400.000 Besucher. So hatte sich dank des Engagements der Bürger und der Behörden das Deutsche Turnfest 1908 zu einem Volksfest entwickelt.

1948 rief Oberbürgermeister Walter Kolb die Turner aus allen Landen zum Turnfest nach Frankfurt. Das war für die einen ein „unerhörtes“ und „unmögliches“, für andere ein geradezu „kühnes“ Unterfangen. Deutschland lag darnieder, geteilt in vier Besatzungszonen, zerrissen zwischen den Militärblöcken, geächtet, isoliert, weitgehend verwüstet. Am 27. März 1945 hatten nur 270.000 Frankfurter den Einmarsch der amerikanischen Soldaten erlebt, die durch 17 Millionen Tonnen Trümmerschutt marschierten. Vernichtet waren die Altstadt, die Mainbrücken, die Straßen. Doch SPD-Mann Kolb griff die Idee eines Deutschen Turnfests begeistert auf, um ein im ganzen Land beachtetes Signal der Hoffnung zu setzen. Und die Turnerinnen und Turner kamen in Scharen, offiziell aus den Besatzungszonen der Amerikaner und Briten, heimlich aus dem französischen und sowjetischen Sektor, mehr als 30.000 fanden sich ein. Wer inoffiziell gekommen war, startete für einen hessischen oder badischen Verein.

Schon 1983 nahmen 65.000 Aktive am Turnfest teil

Weil die Alliierten so kurz nach dem Krieg nicht wollten, dass das Turnfest ein „Deutsches“ werde, musste die Veranstaltung vermeintlich harmloser als „Frankfurter Turnfest“ bezeichnet werden. Der Münchner Journalist Robert E. Lembke, noch in Erinnerung als Moderator einer beliebten Fernsehsendung, in der es Berufe zu raten galt, schrieb zum Abschluss damals: „18.000 Zuschauer (fünf pro Sieger) und die Kapelle hatten ihr Möglichstes getan, um die herbstliche Kühle und die drohenden Regenwolken am Schlusstag vergessen zu lassen. Wenige Stunden später begann in den Zeltlagern der Aktiven und den überquellenden Lokalen der Frankfurter Altstadt das große Abschiednehmen, eingeleitet durch ein knatterndes Feuerwerk.“

1983 hatte sich die Stadt wieder einmal verändert - nicht zum Nachteil der Gäste. Sie erlebten ein Turnfest der kurzen Wege, das sich sportlich im Wesentlichen in den Messehallen, der Festhalle und auf dem benachbarten Rebstockpark abspielte. Hinzu kamen das Waldstadion, die Eissporthalle, die Hallenschwimmbäder und einige Vereinssportanlagen. Oberbürgermeister Walter Wallmann hatte in Berlin im Hauptausschuss des Deutschen Turner-Bundes in der ihm eigenen intensiven Weise für Frankfurt geworben. Der CDU-Politiker erhielt schließlich für die Stadt den Zuschlag, nach 26 Jahren wieder einmal das Deutsche Turnfest auszurichten - vom 26. Juni bis zum 3. Juli 1983. Etwa 65 000 Teilnehmer hatten sich angemeldet - so wie in diesem Jahr. Auch damals bezogen die meisten ein Gemeinschaftsquartier in den Schulen Frankfurts und der Umgebung.

„Die Frankfurter schauten verwundert über den Rand ihres Äppelwoiglases“

Der Werbewert für die Stadt ist schwer zu bilanzieren. Nach den ersten zwei, drei Tagen, als die Frankfurter und ihre Gäste sich noch zurückhaltend beobachteten, kannten viele ihre Stadt nicht mehr wieder. Ein Frankfurter Journalist schrieb nach dem Turnfest: „Frankfurt als Spielwiese, Frankfurt als Sportstadt, Frankfurt als Musikmesse, Frankfurt als Feststadt. Zwischen Palmengarten und Waldstadion, zwischen Alter Oper und Messegelände, zwischen Hauptwache und Rebstockpark griff das Turnfest-Fieber um sich. (. . .) Olympische Heiterkeit, sonst am Main nicht immer unbedingt spürbar und greifbar, breitete sich wie ein Flächenbrand aus.“

Und über einen Kampfrichter aus Lützelhausen, der sich für das Turnfest eine Woche Urlaub genommen hatte, schrieb er: „Der Kampfrichter aus Lützelhausen (. . .) hatte die ungeliebte Großstadt eine Woche lang mit ganz anderen Augen gesehen. War das wirklich noch Frankfurt? Oder hatten die Heinzelmännchen über Nacht die Metropole am Main von Grund auf verändert? Selbst eingefleischte Frankfurter, die ihren Missmut und ihre Skepsis so schnell nicht aufgeben, schauten verwundert und leicht verunsichert über den Rand ihres Äppelwoiglases. So viel Heiterkeit und Lebensfreude mitten in ihrer Stadt? Ja, geht das denn überhaupt?“

Selbst die Berliner riefen: „Frankfurt ist spitze“

Mehr als 300 Veranstaltungen hielten die Turnfestteilnehmer und die Frankfurter in Atem. In der Festhalle kämpften vor einem begeisterten Publikum die Kunstturnerinnen und Kunstturner um die deutschen Meisterschaften. Mehr als 25.000 Frauen und Männer beteiligten sich am Turnfestwettkampf, einem Vierkampf, den sich jeder selbst zusammenstellen kann. 20.000 kamen zum Jugendtreff in den Palmengarten. Es gab ein internationales Jugendlager, eine Fußgänger-Rallye, Schwimmen, Fechten, eine fröhliche Eröffnungsfeier im ausverkauften Waldstadion, ein Festakt in der Paulskirche mit dem Bundeskanzler Helmut Kohl als Festredner.

Vor überfüllten Tribünen liefen die Lehr- und Schauvorführungen. Auf unübersehbaren Feldern wurde Faustball, Prellball, Ringtennis und Korbball gespielt - und das größte Volleyballturnier der Welt inszeniert. Gesellige Abende der Landesturnverbände in den Stadtteilen und Straßenfeste mit den Turnfestgästen gehörten zum Programm. Annähernd 5000 Turnfestmusiker sorgten auf allen Plätzen, in Betrieben und beim Sternmarsch zum Römer für Musik und mit den fröhlichen Turnfestgästen dafür, dass die Stadt zu „swingen“ begann. Die Turnfestmeile zwischen Konstablerwache und Alter Oper, eine Frankfurter Erfindung, die seitdem zum Standard Deutscher Turnfeste gehört, garantierte, dass interessante Gruppen auch in der Innenstadt für das Publikum zu sehen waren.

Nach der Schlussfeier vor fast 70.000 Zuschauern im Waldstadion legte Bundespräsident Karl Carstens sein Manuskript zur Seite und sagte spontan: „Das ist einer meiner schönsten Tage in meiner zu Ende gehenden Amtszeit.“ Beim Festzug, an dem 50.000 teilnahmen, riefen die Berliner: „Frankfurt ist spitze“, und immer wieder schallte es im Chor: „Frankfurt, wir danken dir für diese Woche hier“. In dieser Zeitung stand als Abschiedsgruß: „Ihr könnt wiederkommen.“

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