04.03.2010 · Eine Mischung aus Volley- und Federball, nur ohne Ball: Obwohl Indiaca das Zeug zum Breitensport hat, ist der Sport kaum bekannt. Dabei gibt es 80.000 Indiaca-Spieler in Deutschland. Zehn davon sind sogar Weltmeister.
Von Bastian Steineck, Rodgau-WeiskirchenVielleicht lag es an der ausverkauften Halle oder am Altersschnitt der jungen Mannschaft. „Wir waren richtig nervös“, erinnert sich Christina Pitsch an den Nachmittag im August 2008. Für das junge deutsche Indiaca-Team ging es um den Einzug ins Finale der Weltmeisterschaft. Pitschs Augen leuchten, wenn sie davon erzählt: „So eine Kulisse waren wir nicht gewöhnt, das war richtig laut.“
Doch die deutsche Auswahl um Spielführerin Christina Pitsch behielt gegen Estland, Titelverteidiger und Turnierfavorit, die Nerven und setzte sich in drei Sätzen durch (27:29, 25:10, 25:19). Danach gewann Deutschland auch das Endspiel gegen WM-Gastgeber Luxemburg mit 25:13, 23:25, 25:15 und sicherte sich den Titel.
Siebzehn Monate später sitzt Pitsch in der Halle des SV Weiskirchen. Einmal pro Woche trainiert sie hier, in der Nähe von Offenbach. Zu den Punktspielen am Wochenende kommen in der Regel nur eine Handvoll Zuschauer. Auswirkungen auf den Beliebt- und Bekanntheitsgrad in Deutschland hatte der WM-Titel offenbar nicht, einzig auf lokaler Ebene waren die Weltmeisterinnen Thema. „Gerade im Nachwuchsbereich wäre mehr Aufmerksamkeit schön“, wünscht sich Pitsch. „Aber es ist eben schwierig, so einen Sport zu verbreiten.“ In Japan, WM-Gastgeberland 2004, ist Indiaca weitaus populärer: Dort gibt es etwa 800.000 Spieler.
Stellen, schmettern, punkten
Der deutsche Turner-Bund (DTB) verzeichnet dagegen gerade einmal 80.000 Indiaca-Spieler. Sie treten bei regionalen Turnieren und deutschen Meisterschaften, aber auch bei weltweiten Wettkämpfen an. Über den Status Randsportart hat es Indiaca freilich nicht gebracht. Dabei ist der Sport wie gemacht für populären Breitensport: eine Mischung aus Volley- und Federball, nur ohne Ball. Gespielt wird mit einem kissenähnlichen Spielgerät mit vier Federn, etwa 20 Zentimeter lang und zwischen 50 und 60 Gramm schwer.
Auf beiden Seiten des überkopfhohen Netzes stehen sich jeweils fünf Spieler gegenüber. Sie nehmen an, stellen und schlagen. Sobald das Spielgerät den Boden der eigenen Hälfte berührt, punktet der Gegner. „Vor allem im Topbereich dauern die Spielzüge nicht sehr lange“, erklärt Pitsch: „Oft wird nur ein Angriff gestellt, dann geschmettert und gepunktet.“
„Ausgleich für Kopf und Körper“
In den 1930ern hatte ein Sportlehrer das Spiel von einem Brasilien-Urlaub mit nach Hause gebracht. Aus „Peteka“, dem südamerikanischen Volkssport, und dem Wort „Indianer“ wurde „Indiaca“. Vierzig Jahre später kürte der Deutsche Sportbund Indiaca zum „Trimmgerät des Jahres“. Der, die oder das Indiaca? „Das weiß niemand so genau“, lacht Pitsch.
Die Weltmeisterin hatte 1994 das erste Mal von dem Sport gehört, „eher zufällig bei einem Turnfest in Hamburg“. Sie ist vor allem vom Tempo begeistert: „Gerade in der Verteidigung und bei der Bodenarbeit müssen wir schnell sein.“ Heute ist Indiaca für die Staatsanwältin eine willkommene Abwechslung zum Alltag in Büro und Gericht und eine Möglichkeit zum Stressabbau geworden: „Indiaca ist für mich der perfekte Ausgleich für Kopf und Körper.“
In zwei Jahren könnte die Sportart auch in Deutschland eine größere Aufmerksamkeit erhalten; die nächsten Titelkämpfe finden im Land des aktuellen Weltmeisters statt. Pitsch erhofft sich davon eine enorme Imagesteigerung. Wird sie selbst dazu beitragen? „Das hängt natürlich davon ab, wie fit ich bleibe“, sagt die 31-Jährige. „Aber bei der vergangenen WM habe ich Blut geleckt. Natürlich würde ich gerne noch mal spielen. Bei einem Heimturnier als Weltmeisterin abzutreten - das wäre das I-Tüpfelchen.“