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Tilmann Heinig Kitesurfen: Voll auf Speed

27.12.2011 ·  Mit Tempo 100 übers Wasser: Kitesurfer Tilmann Heinig geht mit der Kraft des Windes auf Rekordjagd. Die Suche nach dem perfekten Augenblick ist für ihn auch eine spirituelle Erfahrung.

Von Michael Ashelm
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Nordsee ist Mordsee - wie sehr das passt an diesem furchteinflößenden Wintermorgen. Dunkle Wolken fliegen vom Horizont heran, Blitze zucken vom Himmel, und eine peitschende Hagelfront drückt die Temperatur am Deich auf zwei Grad. Tilmann Heinig sitzt noch in seinem Wagen und wartet. Er fingert am Autoradio herum und sucht die richtige Mittelwellenfrequenz. Gleich beginnt der Seewetterbericht. Es scheint, als traute er seinen Augen nicht, was sich da draußen auf dem Wasser gerade aufbaut.

Vom Wind getrieben: Kitesurfer Timann Heinig

Der erste richtige Wintersturm hat die Küste erreicht. Angekündigt werden Orkanböen. „Da steigt doch gleich mein Blutdruck", sagt Heinig mit einem Gefühl des Triumphes. Auf diese guten Bedingungen hat er lange warten müssen. Und jetzt ist er dabei - mittendrin in diesem beeindruckenden Spiel der Naturgewalten, das den Rhythmus seines Lebens auf so intensive Weise bestimmt.

Der Wind ist der Treibstoff für Heinigs Träume. Er ist sein bester Freund. Aber Heinig kann ihn auch verdammen. Es gibt selten optimale Bedingungen. Mit der Kraft des Windes begibt sich der Kitesurfer aus Kiel auf die Jagd nach seinen Rekorden.

Am 26. Januar 2008 knackt er auf der natürlichen Speedpiste im Wattenmeer als erster Mensch die Geschwindigkeitsgrenze auf dem Wasser von 100 Kilometer in der Stunde. Auf einem Brett, das kleiner ist als ein Bügelbrett. Gezogen von einem Drachen, setzt er auf einem überfluteten Strand vor Westerhever bei St. Peter-Ording mit 102 Kilometer pro Stunde eine neue Marke für segelbetriebene Wasserfahrzeuge.

„Es war mein schönster Tag. Eigentlich habe ich damit mein Lebensziel schon erreicht", sagt Heinig. Doch die Sucht nach Tempo, nach Rekorden, nach dem ultimativen Material und auch nach dem Adrenalin-Kick auf dem Wasser ist einfach zu groß.

Heinig selbst nennt sich „Speed-Wissenschaftler". Das ist zwar kein Diplomstudiengang, doch wichtiger ist hier sowieso die praktische Erfahrung. Da ist der 51 Jahre alte Kieler ein echtes Unikum. Schon seit 30 Jahren befasst er sich mit den Geschwindigkeiten auf dem Wasser. Er begann als junger Segler, doch als ihn die Trägheit der dicken Boote störte, wechselte Heinig zu den Windsurfern.

Sie waren in den Achtzigern und Neunzigern mit ihren „Speed-Nadeln" die Vordenker bei der Suche nach dem schnellsten Segelgerät. Heinig kam damals auf 65 Kilometer pro Stunde. Heute findet er diese Geschwindigkeitserfahrung „primitiv". Die Offenbarung kam für ihn erst mit dem Kitesurfen.

Der Reibungswiderstand des schmalen, nur um die anderthalb Meter langen Bretts ist viel geringer. Der etwa zehn Quadratmeter große Lenkdrachen befindet sich bei voller Fahrt in zehn bis 20 Meter Höhe, wo die Luftbewegung nochmals stärker ist. Daraus kann der Kite bis zu 70 Prozent mehr Energie schöpfen.

Heinig ist durchtrainert - und die günstigeren Hebelverhältnisse im Vergleich zum Windsurfbrett mit seinem schweren Segelaufbau kommen ihm außerdem entgegen, weil er nicht so groß und nicht so schwer ist. Die Kitesurfer können ihr Gerät auch bei Orkanbedingungen noch beherrschen.

An diesem Tag kommt der schwere Sturm dann doch nicht auf an der Nordsee. Aber Heinig ist zufrieden. Nach dem Rekordversuch ist vor dem Rekordversuch. Jeder Schlag hart am Wind bringt wiederum Erkenntnisse für den Tag X, wenn alles vielleicht einmal wieder zusammenpasst.

Mit sechs bis sieben Beaufort ist der natürliche Antrieb diesmal nicht so stark wie erwartet. Es fehlen die Hammerböen, mit deren Hilfe der Kite Heinig in Grenzbereiche katapultieren könnte. Er fährt hin und her, kreuzt auf, um dann wieder schräg zum Wind auf dem Raumschot-Kurs Tempo zu machen.

Das 30 Zentimeter breite Brett kantet dann auf und wird von einer Minifinne auf der Unterseite geführt. Das GPS-Gerät an seinem Arm zeigt den Spitzenwert für heute an - 81 Kilometer pro Stunde. Schon das ist auf dem Wasser ungeheuerlich schnell - und gefährlich. In der Sturmsaison des vergangenen Winters fiel Heinig fast komplett aus, weil er sich bei einem Sturz die Schulter verletzt hatte und operiert werden musste.

Der erfahrene Wassersportler ist kein Draufgänger, er ist sich des Risikos bewusst und wirkt immer kontrolliert. Aber es gibt Momente, in denen Gehirn und Körper bei Voll-Speed nicht mehr reagieren können. Alles geht dann auf einmal zu schnell. Damals hatte ihn der Drachen plötzlich hochgerissen, er schmierte mit dem Brett ab und landete auf dem harten Wattboden.

Abstürze auf diesem Terrain sind für Speedpiloten ein besonders hohes Risiko. Heinig trägt einen Helm mit Nackenschutz und Protektoren für die Knie. Um hohe Geschwindigkeiten bei viel Wind mit dem Kite zu erreichen, muss die Wasseroberfläche so glatt wie möglich sein, was wiederum voraussetzt, dass der Untergrund nur mit wenig Wasser bedeckt ist - am besten fünf Zentimeter.

Nur dann bauen sich keine bremsenden Wellen auf. Schon in den tieferen Prielen bei Ebbe sind die Bedingungen viel kabbeliger und damit nicht mehr so gut. Deshalb hat Heinig seine speziellen Reviere, vor allem an den weiten Stränden vor St. Peter-Ording oder vor der südlichsten dänischen Insel Rømø. Das flache Wattenmeer der Nordsee ist ein wahres Speed-Paradies, weil sich an manchen Stellen während des Gezeitenwechsels für ein oder zwei Stunden diese fast spiegelglatten Rennstrecken auf natürliche Weise herausbilden.

Vor allen anderen in der kleinen Speed-Szene hat sich Heinig mit den Vorteilen dieser Pisten ausgiebig beschäftigt und den Begriff vom „Liquid Ice" erfunden. „Das Wasser ist so glatt wie Eis, aber flüssig", sagt er.

Heinigs leidenschaftlicher Einsatz kennt keine Grenzen. Aber das macht auch nichts. „Ich lebe dafür. Alles andere rückt in den Hintergrund", sagt er. Ursprünglich hatte der Kieler Malerei studiert. Doch verschrieben hat er sich der Rekordjagd auf dem Wasser. Seinen Lebensunterhalt verdient er als Kassierer im Sporthafen von Schilksee, im Juni jeden Jahres auch Hauptbasis der Kieler Woche.

Heinig wohnt nur 150 Meter entfernt vom Olympiahafen von 1972. Die Arbeit gibt ihm Freiräume, gerade im Winter, wenn die Stürme aufziehen im Norden. Im Keller des Bungalows, wo er mit seiner Mutter lebt, stapeln sich die Eigenbauten. Die Hauptzeit geht drauf für die Materialentwicklung. Er weiß selbst nicht mehr, wie viele Segelplanken, Surfbretter und Kiteboards er mit den eigenen Händen geschaffen hat. Es ist eine 30 Jahre lange Versuchsreihe. Ein Prototyp ist bei ihm in drei Tagen fertig. „Ich baue mehr Bretter, als ich überhaupt testen kann", sagt er.

Selbstbau, Selbsterfahrung und Selbstbestimmung sind ganz wichtig für den Kieler. Auf eine gewisse Art lebt er in seiner ganz eigenen Welt. Heinig steht nicht auf das bunte Image der Kite-Generation. Er trägt keine schrille Beach-Mode und trinkt keine Bullen-Limonade. Er will sich nicht um jeden Preis an Sponsoren verkaufen. Seine Bretter sind nicht aus teurem Karbon, sondern Holz, das er sich aus dem Baumarkt holt. Ein selbstentwickeltes Kiteboard kostet ihn vielleicht 20 Euro und nicht 500 wie aus der Fabrik.

Weil er glaubt, dass aus den Drachensegeln noch viel mehr Speed-Potential herauszuholen ist, hat er sich auch hier an einer Eigenkonstruktion versucht - mit Bauplane, Dachdeckerfolie und Alustange. Er zeigt damit seine Lebenseinstellung. Heinig ist ein typischer „Downshifter", der mit den Zielen der heutigen Konsumgesellschaft nicht viel anfangen kann. Es geht ihm vor allem um ein einfaches und sinnerfülltes Leben.

Zuwider sind ihm die hohen Herren des Weltverbandes vom World Sailing Speed Record Council, die ihm die Anerkennung seiner Leistungen regelmäßig versagen. Die von Angelsachsen dominierte Organisation änderte über Nacht die Regeln, womit Heinigs offizieller Weltrekord auf dem Flachwasserfilm im Wattenmeer hinfällig war. Plötzlich galt, dass Segeln bei einer Wassertiefe unter 18 Zentimetern kein richtiges Segeln mehr ist.

Hintergrund ist der Einfluss der traditionellen Yacht-Lobby, die befürchtet, endgültig von den Kitesurfern abgehängt zu werden. „Das ist eine Frechheit. Warum werde ich dafür bestraft, dass andere so langsam sind", sagt Heinig.

Hinter den Rekordversuchen der Rennyachten stehen meist millionenschwere Projekte. Im Jahr 2009 fuhr der 6,5 Tonnen schwere Trimaran „L'Hydroptère" aus Frankreich mit 94,5 Kilometern in der Stunde so schnell wie kein anderes per Segelkraft angetriebenes Boot oder Brett. Aber das ist Geschichte.

Auch mit der neuen Tiefenregel liegt ein Kitesurfer jetzt offiziell ganz vorne. Der Amerikaner Rob Douglas erreichte in einem extra errichteten Speedkanal an der namibischen Küste bei perfekten thermischen Winden 103,06 Kilometer in der Stunde. Heinigs persönliche Bestzeit liegt mit 103 Kilometer in der Stunde knapp dahinter.

Der Kieler will sich nicht hineinpressen lassen in dieses System, das er für falsch hält. Er gehört zur kleinen freien Speed-Gemeinde, die eigene Weltranglisten unterhält. In der Zehn-Sekunden-Kategorie (Durchschnittsgeschwindigkeit) liegt er mit 96,3 Kilometer pro Stunde auf Rang drei und ist zugleich bester Deutscher. Jede seiner Fahrten wird über das GPS-Gerät am Arm registriert. Einmal pro Sekunde werden Geschwindigkeit und Position erhoben.

Eine Kamera am Helm und eine oben am Kite liefern Beweisbilder. Über eine spezielle Software werden die Daten verarbeitet und in einem Netzforum veröffentlicht. Statt in den Büchern des etablierten Weltverbandes ist Heinig im Internet die Nummer eins unter den Speed-Freaks.

Auf dem populären Videokanal Youtube sind viele seiner Rekordversuche anzuklicken. Doch eigentlich geht es ihm nicht um äußere Bestätigung, Trophäen oder Medaillen. Für Tilmann Heinig hat die Rekordjagd neben der sportlichen Herausforderung eine spirituelle Seite. „Ich bin auf der Suche nach der Wahrheit - auf der Suche nach dem endgültigen Brett."

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Jahrgang 1965, Sportredakteur.

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