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Sport im Alter Fitnessparcours Ü 80

25.03.2011 ·  Die Gesellschaft wird immer älter. Sportangebote für eine betagte Kundschaft lohnen sich - für die Betroffenen, die Krankenkassen, die Industrie. Im Trend: Bewegungsparks für Senioren. Ein Umdenken hat stattgefunden.

Von Anne-Christin Sievers
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Else Reinhardt holt ihre blaue Gymnastikmatte aus dem Eichenschrank und legt sie auf den Orientteppich. Die 88 Jahre alte Dame bückt sich und umfasst ihre Fußspitzen mit beiden Händen; ganz lassen sich die Beine nicht mehr durchdrücken. Sie legt sich auf den Rücken. Mit Schwung fliegen die Beine über den Kopf - und ihre Zehenspitzen berühren den Boden. Seit sieben Jahren lebt Else Reinhardt im Seniorenheim der Budge-Stiftung in Frankfurt, allein in einer kleinen Wohnung mit Balkon.

Sie ist vorbereitet, wenn er kommt, der Tod. Der schwarze Anzug für die Trauerfeier hängt beschriftet im Schrank, das Grab ist bestellt, neben ihrem Mann und ihrer Tochter, die mit 58 Jahren an einem Schlaganfall starb, das Testament ist gemacht. Und doch steht jeden Morgen Gymnastik auf dem Programm – immer um halb elf, eisern. Die Fingergelenke sind geschwollen, von der Arthrose. Damit sie die nicht noch in den Zehen bekommt, bewegt sie sich: „Ich lasse mich nicht hängen.“

Was kann man tun, um die Mobilität zu erhalten?

Die Gesellschaft wird immer älter: Laut Statistischem Bundesamt sind heute 20 Prozent der Bevölkerung 65 Jahre alt und älter. Im Jahr 2060 wird jeder Dritte die 65 und jeder Siebte die 80 überschritten haben. Krummer Rücken, Muskelabbau, Arthrose - so ist das eben im Alter, da kann man nichts machen, hieß es früher. Je mehr die Alten aber die Mehrheit der Gesellschaft bilden, desto deutlicher wird, was sie brauchen. Ein Umdenken hat stattgefunden, heute lautet die Frage: Was kann man tun, um die Mobilität möglichst bis ins hohe Alter zu erhalten - auch aus finanziellen Gründen. Denn wenn alte Menschen beweglich bleiben und gesund alt werden, entlastet das die Gesundheitskassen.

Von ihrem Fenster neben der Küchenzeile blickt Else Reinhardt auf Apfelwiesen, Schrebergärten – und auf den Bewegungspark, den das Altenheim vor mehr als einem Jahr gebaut hat. Manchmal sieht sie dort auch Karl-Heinz Lietz, der jeden Tag hierher kommt. Seit sechs Monaten erst lebt der Fünfundachtzigjährige in dem Seniorenheim. Vom Hinterausgang des Hauses marschiert er den Fußweg hoch, der sich mit kleiner Steigung nach oben schlängelt. Er stützt sich auf seine Wanderstöcke aus Aluminium. Mit den Stöcken hält er sich gerader, trotz Morbus Bechterew, sagt er und strahlt. Oben angekommen, macht Lietz seine Übungen. Zum Beispiel auf dem Balancebalken. Er hält sich links und rechts an Eisenstangen fest, tastet sich mit vorsichtigen Schritten vorwärts. Die schmale lange Platte kippt von links nach rechts, mit seinem Körpergewicht muss er sie ausbalancieren. Wer sich hier gut auf den Beinen halten kann, der stürzt auch im Alltag nicht so leicht. „Die Bewegung wirkt auf die Psyche. An der frischen Luft fühl ich mich so sauwohl“, sagt er. „Wer nicht mehr nach draußen geht, wird depressiv.“

Ganz auf die Bedürfnisse von Senioren zugeschnitten

Dass der Weg zum Bewegungspark den Bewohnern einige Anstrengung abverlangt, hat durchaus seinen Sinn: „Wer es da hoch schafft, der kann dann die Geräte auch allein benutzen“, sagt Ulrike Manderscheid, die als Physiotherapeutin in dem Altenheim arbeitet. Senioren, die die Steigung nicht allein schaffen, begleitet eine Pflegerin - sie leistet dann auch bei den Geräte-Übungen Hilfestellung. Und noch einen zweiten Vorteil hat die Lage des Parks: Zwar ist er öffentlich zugänglich, doch umgeben von hohen Bäumen schützt er die Senioren vor neugierigen Blicken - nicht jeder betagte Mensch möchte beim Sport beobachtet werden.

In Deutschland bauen immer mehr Gemeinden Fitnessparcours für ältere Menschen, die größten stehen in Nürnberg und Berlin. Gemeinsam auf öffentlichen Grünflächen an Geräten zu trainieren, die ganz auf die Bedürfnisse von Senioren zugeschnitten sind - diese Idee kommt aus China. Der erste Park in Deutschland eröffnete Ende der neunziger Jahre im niedersächsischen Ort Schöningen. Die Fitnessparcours sollen Senioren die Möglichkeit geben, sich zu treffen, zusammen zu trainieren und fit zu bleiben.

Die Senioren bleiben beim Turnen lieber unter sich

Die Idee, auf sogenannten Mehrgenerationen-Spielplätzen Kinder und ältere Menschen zusammenzuführen, kommt bei den Älteren schlechter an als gedacht. Wissenschaftler der FH Wiesbaden haben herausgefunden, dass die Senioren beim Turnen lieber unter sich bleiben. Auch Else Reinhardt ist skeptisch: „Wenn ein älterer Mensch da lang torkelt, kann ich mir schon vorstellen, dass Kinder lachen, weil er es nicht richtig bringt.“

Im Fitnessraum des Heims hat Else Reinhardt ihre Ruhe. Vier bis fünf Mal pro Woche kommt sie hierher, für jeweils eine Stunde. Sie radelt zehn Kilometer auf dem Ergometer, dann zieht sie mit Schwung den Seilzug mit den sechs Kilo schweren Gewichten kräftig nach hinten, ein Dutzend Mal insgesamt. Drei Herzklappen funktionieren nicht mehr richtig, „aber was ich an den Sportgeräten mache, gibt dem Herz noch Auftrieb.“ Und dann schwärmt sie von ihrem „größten Vergnügen“, dem Vibrationstrainer, der ihren ganzen Körper durchrüttelt: Nach der Massage schmerzt ihr Rücken weniger. Die Platte wippt schnell hin und her, und simuliert so die Bewegung, die das Becken und die Beine beim Laufen machen. So trainiert Else Reinhardt ohne großen Kraftaufwand ihre Beinmuskulatur.

„Man muss sich fordern im Leben“

Immer mehr Unternehmen entwickeln spezielle Trainingsgeräte für Ältere. Auch physiotherapeutische und Sportangebote werden auf die Bedürfnisse der betagten Kundschaft zugeschnitten - wohl auch, weil sich neben den rüstigen Rentnern um die 60 eine neue Zielgruppe herauskristallisiert: Achtzigjährige, die allerdings auch über das nötige Geld verfügen müssen. Mittlerweile bezuschussen aber Krankenkassen viele Präventionsprogramme, um die Mobilität zu erhalten.

Im Altenheim der Budge-Stiftung sind Bowlen mit der Wii-Konsole und Nordic Walking am beliebtesten. Und das ist nach Meinung von Physiotherapeutin Ulrike Manderscheid nicht nur gut für den Körper: „Die Bewegung mit anderen zusammen und der soziale Kontakt tut den älteren Menschen gut.“

Else Reinhardt achtet auf ihr Äußeres, auch im Alter darf man ruhig ein wenig eitel sein. „Wenn die anderen unten Kaffee trinken und Torte essen, strampel’ ich hier oben“, sagt sie. „Man muss sich fordern im Leben.“ Das habe sie immer so gemacht, sagt die Frau, die erst im Alter von 45 Jahren mit Gymnastik begonnen hat. „Im Alter ist mir die Bewegung wichtig geworden, als ich jung war, habe ich mir darüber keine Gedanken gemacht“, sagt sie. Auch Karl-Heinz Lietz hat bis zur Pension nie gezielt Sport getrieben. „Ich weiß, dass ich mir selbst etwas Gutes damit tue.“ Und seine Altersgenossen? „Viele sehen einfach nicht ein, wie wichtig es ist“. Lietz hat aber noch ein anderes Rezept für ein gesundes Leben: Jeden Tag eine Knolle Knoblauch und ein Glas Rotwein.

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